Schlafmittel sollten nie länger als vier Wochen eingenommen werden Foto:  

Ein rezeptfreies Schlafmittel aus der Apotheke holen und endlich zur Ruhe kommen: Was nach schneller Hilfe klingt, ist Ärzten zufolge bedenklich.

Ingolstadt - Der Sandmann kommt einfach nicht, und die Nacht will auch nicht enden: Wie verführerisch ist es da, das Problem schnell mit einer Schlaftablette zu beseitigen – zumal, wenn es sich um ein vermutlich harmloses Medikament handelt, das rezeptfrei zu haben ist. Aber Achtung: Die oft gekauften sogenannten Antihistaminika sind mit Vorsicht zu genießen. „Bei ihnen sind die Risiken höher als bei vielen verschreibungspflichtigen Schlafmitteln“, sagt Peter Geisler, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums Regensburg.

Bei Mitteln, die ohne Rezept erhältlich sind, handelt es sich vor allem um pflanzliche Präparate wie Baldriantabletten oder um Antihistaminika. Zu dieser Wirkstoffgruppe gehören Doxylamin (z. B. „Hoggar Night“, „Schlafsterne“) und Diphenhydramin. Solche Mittel machen schläfrig, indem sie den Einfluss von Histamin, ein wach machender Botenstoff im Gehirn, herabsetzen. In erster Linie werden mit Antihistaminika Allergien behandelt. Um sie als Schlafmittel zu verwenden, nutzt man eine unliebsame Nebenwirkung älterer Antiallergika: Sie machen müde.

Vor allem alte Leute sollten bei der Einnahme von Antihistaminika vorsichtig sein

Geisler zufolge können Antihistaminika dabei helfen, schneller einzuschlafen. „Das Schlafmuster verändert sich dadurch nicht sehr“, sagt er. Außerdem schätzen Experten das Risiko, von diesen Mitteln abhängig zu werden, als gering ein. Dafür können Antihistaminika erhebliche Nebenwirkungen haben. So erklärt Markus Schwaninger vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Universität Lübeck: „Sie werden vom Körper nur langsam abgebaut, so dass man sich manchmal noch am nächsten Tag matt fühlt.“Man spricht hier von Überhangeffekten. Außerdem blockieren die Wirkstoffe den Neurotransmitter Acetylcholin. Dadurch kann es – vor allem bei hohen Dosen – zu Konzentrationsstörungen bis hin zu Verwirrtheits­zuständen kommen.

„Es wird auch diskutiert, ob solche Mittel eine Demenz auslösen können“, sagt der Pharmakologe. Allerdings lässt sich schwer sagen, ob in den beobachteten Fällen wirklich die Präparate am geistigen Abbau schuld waren – oder ob die Schlafprobleme, deretwegen sie genommen wurden, nicht schon Symptom einer beginnenden Demenz waren. „Vor allem alte Leute sollten bei der Einnahme von Antihistaminika vorsichtig sein“, sagt Schwaninger. Wegen der Überhangeffekte kann es nämlich leichter zu Stürzen kommen, auch das Autofahren wird gefährlich.

Verschreibungspflichtige Medikamente wie Benzodiazepine können abhängig machen

Abgesehen davon ist der Nutzen der Mittel sehr begrenzt. So sagt Hans-Günter Weeß von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin: „Antihistaminika können bei leichten Schlafstörungen helfen. An grundlegenden Schlafproblemen ändern sie aber nichts.“ In seinen Therapiegruppen, in der Patienten mit Schlafstörungen behandelt werden, hätten fast alle Teilnehmer Selbstbehandlungsversuche mit Antihistaminika hinter sich. „Den wenigsten haben diese längerfristig geholfen.“

Bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten gibt es eine große Bandbreite. Am gängigsten sind Benzodiazepine und sogenannte Z-Substanzen wie Zopiclon und Zolpidem (Benzodiazepin-Rezeptoragonisten). Die Mittel wirken meist gut, haben aber auch ein weites Spektrum an Nebenwirkungen. Benzodiazepine können beispielsweise die Atmung beeinträchtigen und sind daher für Asthmatiker und Menschen, die im Schlaf Atemaussetzer haben (Schlaf-Apnoe), gefährlich.

Einen schlechten Ruf haben die „Benzos“ aber vor allem deshalb, weil sie abhängig machen können. Nach einer Weile gewöhnt sich der Körper an die Mittel, so dass sie nicht mehr wirken. Das verleitet dazu, die Dosis immer weiter zu steigern. Dadurch kann man in eine Spirale körperlicher ­Abhängigkeit geraten.

Anti-Depressiva haben mehr Nebenwirkungen als Schlafmittel

Oft ziehen Ärzte daher die neueren Z-Substanzen vor, da sie insgesamt als harmloser gelten. Schwaninger erklärt: „Z-Substanzen wirken ähnlich wie Benzodiazepine, manche Wirkungen fallen aber geringer aus.“ So sind Überhangeffekte am nächsten Tag seltener, außerdem ist das Abhängigkeitspotenzial geringer. Dennoch gilt für diese wie für alle klassischen Schlafmittel, dass sie nicht länger als vier Wochen genommen werden dürfen. Eine längerfristige Einnahme verändert nämlich unter anderem das Schlafmuster. „Das kann dazu führen, dass der Tiefschlaf völlig unterdrückt wird“, sagt Hans-Günter Weeß von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin.

Wenn Patienten über längere Zeit Schlafmittel brauchen, verordnen Ärzte auch Antidepressiva oder Neuroleptika, die ebenfalls dämpfend wirken. Sie machen zwar nicht so schnell abhängig wie Benzodiazepine, haben aber mehr Nebenwirkungen.

Melatonin kann insbesondere älteren Menschen beim Schlafen helfen

Und wie sieht es aus mit der harmlosen, zuverlässigen Schlaftablette? Sie bleibt ein Traum. Zwar gibt es ein paar Präparate, die als ungefährlich gelten, doch sind sie nur schwach wirksam. Dazu gehört Melatonin, das Menschen ab 55 Jahren als Schlafmittel (Handelsname „Circadin“) verschrieben werden kann. Das Hormon, das der Körper bei Dunkelheit ausschüttet, sorgt dafür, dass wir abends müde werden. Melatonin-Zufuhr soll vor allem bei Jetlag helfen, wieder zu einem geregelten Schlaf-wach-Rhythmus zu finden.

Möglicherweise profitieren vor allem ­Senioren von zusätzlichem Melatonin, weil der Körper im Alter weniger von dem Stoff produziert. Der Schlafmediziner Geisler hält es für ein eher unproblematisches Mittel, das aber allenfalls bei leichten Schlafstörungen hilft. „In den USA schlucken Millionen von Menschen Melatonin“, sagt er. „Wenn es größere Risiken und Nebenwirkungen hätte, gäbe es Prozesslawinen.“

Baldrian, Hopfe und Melisse haben so gut wie keine Risiken

Ähnlich wie Melatonin beurteilt der Schlafmediziner auch L-Tryptophan, eine Aminosäure, die schlaffördernd wirken soll: „Das ist ein sicheres Arzneimittel. Man kann es damit probieren, es hilft aber nur in leichten Fällen.“ Aus diesem Stoff, der beispielsweise in Cashewkernen, Sojabohnen und Käse vorkommt, wird im Gehirn der Botenstoff Serotonin gebildet. Dieser wiederum ist wichtig für die Melatonin-Produktion.

Keine Bedenken zu haben braucht man bei pflanzlichen Präparaten, die Baldrian, Hopfen oder Melisse enthalten. Sie werden teilweise sogar beim Discounter angeboten und haben so gut wie keine Risiken. Ob sie wirken, ist allerdings auch nicht ganz klar.

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