Die Stuttgarter Gründer Julian Reitze und Stefan Zender überzeugten bei der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ mit ihrer Erfindung. Foto: Björn Springorum

Mit ökologischen Kaffeekapseln haben zwei Gründer aus Stuttgart bei der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ überzeugt. Die Investoren Carsten Maschmeyer, Ralf Dümmel und Dagmar Wöhrl wollen in das Start-Up aus dem Stuttgarter Westen einen satten Betrag stecken. Doch nach der Show platzt der Deal.

Stuttgart - Rezemo heißt das junge Start-Up, das vom Stuttgarter Westen aus die Welt revolutionieren möchte. Die zwei Gründer Julian Reitze und Stefan Zender entwickelten die erste vollständig kompostierbare Kaffeekapsel aus nachwachsenden Rohstoffen – am Dienstagabend stellten sie ihre Erfindung in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ vor. Ein voller Erfolg.

Drei Investoren zeigten sich in der Show begeistert von Rezemo – und wollen am Unternehmen beteiligt werden. Eine Millionen Euro boten Carsten Maschmeyer, Ralf Dümmel und Dagmar Wöhrl für 20 Prozent am Unternehmen – ein Angebot, das Julian Reitze und Stefan Zender nicht ausschlagen konnten. Nach der Show begannen die Gespräche. Dort hat sich aber offenbar gezeigt, wie unterschiedlich Gründer und Investoren über die Zukunft des Unternehmens denken. Der in der Show beschlossene Deal ist geplatzt.

Keine Beteiligung der Investoren

In der Pressemitteilung, die die Gründer veröffentlichten, heißt es: „Im Verlauf der ausführlichen Gespräche zwischen uns und den drei Löwen hat sich herauskristallisiert, dass es in der Frage um die zukünftige strategische Ausrichtung von ,rezemo’ unterschiedliche Auffassungen gibt. So kam letztlich doch keine Beteiligung der drei Investoren zustande, dennoch haben die Löwen ,rezemo’ Unterstützung mit ihrem Know-How und ihrem Netzwerk zugesagt.“

Bereits im Mai besuchten wir die beiden Gründer in ihrer WG und Arbeitsstätte – die Reportage zeigt die Anfänge zweier junger Männer, die nun mit ihrem schwäbischen Tüftlergeist für Furore in der VOX-Show gesorgt haben.

Reportage: Stuttgarter erfinden die erste ökologische Kaffeekapsel

Ein Wohnhaus in der Hegelstraße nahe der Russischen Kirche. Drei Zimmer, Küche, Bad, hell und freundlich – eigentlich eine ganz normale Wohnung. Eigentlich, denn das erste, was ungewöhnlich ist, ist die Armada an Kapsel-Kaffeemaschinen in der Küche. Zehn stehen allein hier in Reih und Glied, zahlreiche andere türmen oder verstecken sich anderswo. Eine WG der anonymen Koffein-Junkies? Fast. Denn was bis vor einiger Zeit tatsächlich noch die WG von Julian Reitze (26) und Stefan Zender (25) war, ist jetzt das Hauptquartier ihres Start-Ups Rezemo.

Der Wahnsinn um die Kaffeekapsel

Das schlägt in den letzten Monaten sehr berechtigt hohe Wellen. Den beiden jungen Gründern ist in ihrer ehemaligen Wohnung etwas geglückt, woran in den letzten Jahren selbst große Unternehmen scheiterten: Eine biologisch abbaubare Kaffeekapsel aus Holz, in der nur natürlich nachwachsende Rohstoffe verwendet werden. Bei schätzungsweise 62 Milliarden verbrauchten Kaffeekapseln pro Jahr, überwiegend gefertigt aus Kunststoff, darf man das durchaus als Geniestreich bezeichnen. Und als Exempel des guten alten schwäbischen Tüftlergeists.

Erfahrungen in Saudi-Arabien und China

Den hatten die beiden Freunde aus dem Kreis Konstanz wohl schon immer in sich. Richtig erwacht ist er aber erst nach ihrem Umzug nach Stuttgart. Reitze kam 2011 an die Universität. In dieser Zeit konnte er für die Deutsche Bahn an einem Bauprojekt in Saudi-Arabien mitwirken. „Da bekommt man automatisch die Möglichkeit, unser Verhältnis zu Konsum und Verpackung zu überdenken. In diesen Ländern kommt es durchaus vor, dass Müll einfach aus dem Fenster entsorgt wird.“ Zur gleichen Zeit war Stefan Zender im Rahmen seines Studiums (25) in China und machte sehr ähnliche Erfahrungen. „Dort herrscht einfach ein anderer Umgang mit Konsum und Verpackung.“

Epiphanie mit Koffein

Zurück in Stuttgart, standen die beiden eines Tages in ihrer WG-Küche. Sie starrten auf die Kapselmaschine, die vorübergehend ihren kaputten Vollautomaten ersetzte. „Uns wurde beiden bewusst, welche Müllberge durch Kapseln verursacht werden.“ Diese koffeingetriebene Epiphanie war der Startschuss einer langen und sehr aufreibenden Odyssee. Einer Odyssee hin zu dem Produkt, womit die beide gerade in aller Munde sind: Biologisch abbaubare Kaffeekapseln aus Holz für alle gängigen Maschinen. Seit Anfang 2018 konzentrieren sie sich rund um die Uhr auf ihre Idee. Doch schon davor wurde während des Studiums sehr viel geplant und ausbaldowert – mit der Universität Stuttgart und dem Fraunhofer Institut IPA. „Insgesamt stecken drei Jahre Entwicklung in der Kapsel“, sagt Stefan.

Klassisch schwäbisch

Klassisch schwäbisch, wie Julian sagt, ging man die Sache an. Nach dem Motto: Da muss es doch eine bessere Idee geben! Also informierten sich die beiden über den Ist-Zustand der Kapselwelt. Sie recherchierten, wer Kapseln herstellt und woraus sie bestehen. Ihre Wohnung verwandelte sich nach und nach in einen Hybriden aus Büro, Labor und Kaffee-Verkostungsstätte. Am Ende war es die neue Holz-Terrasse von Julians Eltern, die zum Durchbruch verhalf. „Das Holz für die Dielen war eine Mischung aus Holzfasern und PVC“, erklärt Julian. Die beiden machten sich auf die Suche nach Bio-Kunststoffen, die das PVC im Gemisch ersetzten. Und kamen dann beim ersten vollständig abbaubaren Verpackungsbehälter heraus.“

Teamwork for the win!

Und das, wohlgemerkt, nachdem selbst große Unternehmen aus der Region irgendwann das Handtuch warfen. Das Unmögliche möglich machen – eine Tugend der beiden? „Wir waren einfach der Überzeugung, dass wir das hinbekommen“, sagt Stefan mit schwäbischem Understatement. „Unser Ziel war eine Kapsel aus 100 Prozent nachwachsenden Rohstoffen. Und ein Kompromiss kam nicht in Frage.“ Vor allem weil die beiden als Team immer zusammengehalten haben, konnten sie am Ende triumphieren. Jetzt halten sie stolz ihre Kapsel in der Hand, regional und nachhaltig. Sie ist komplett in Baden-Württemberg gefertigt, teilweise auch in einer Behindertenwerkstätte.

Zukunftsmusik

Ihr Kapsel-Wunder haben sich die beiden mittlerweile auch patentieren lassen. Und nicht etwa an den Höchstbietenden verscherbelt. Stattdessen vertreiben sie auch ihren eigenen fair gehandelten Kaffee in derzeit zwei Sorten, geröstet von einer kleinen Manufaktur im Oberschwäbischen. „Was danach passiert, lassen wir mal auf uns zukommen. Derzeit wollen wir aber das gesamte Produkt vermarkten, weil wir die Kapsel immer weiter verbessern wollen.“ Und wenn dann eines Tages ein Röstriese mit einem Scheck um die Ecke kommt, weil er seine Produktion komplett auf die Holzkapseln umstellen will? Julian grinst. „Dann könnten wir uns das wahrscheinlich schon vorstellen.“

Diese Reportage entstand auf Stadtkind.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: