Der Rettungshubschrauber in Pattonville (Kreis Ludwigsburg) soll künftig auch nachts regelmäßig starten können. Gegner dieser Pläne haben Unterstützung bei zwei Abgeordneten gefunden. Die Frage ist nun, ob deren Verzögerungstaktik erfolgreich ist.
Im ganzen Land sollen Rettungshubschrauber rund um die Uhr schneller an den Einsatzorten ankommen. Dafür wird das Rettungswesen reformiert. Ein Teil dieser Reform sieht vor, dass der Rettungshubschrauber-Standort in Leonberg aufgegeben wird, der am Flugplatz Pattonville dafür aber künftig regelmäßig (800-mal pro Jahr) in der Nacht im Einsatz sein soll. Einen entsprechenden Antrag prüft die Landesluftfahrtbehörde beim Regierungspräsidium (RP) Stuttgart derzeit noch.
Keine 200 Meter vom Standort am Flugplatz Pattonville stehen schon Wohnhäuser. Und das ist für viele Anwohner in Pattonville genau das Problem bei den Planungen. „Wenn der Hubschrauber hier nachts startet und landet, werden wir jedes Mal wach“, sagt Petra Holzinger. Sie lebt mit ihrem Partner Peter Hennig in Sicht- und Hörweite des Hubschrauberlandeplatzes in Pattonville.
An einem regnerischen Morgen empfangen die beiden gemeinsam mit Jochen Siers und Sebastian Sigle – ebenfalls Anwohner und Gegner der Ausweitung des Flugbetriebs – den Leonberger FDP-Landtagsabgeordneten Hans Dieter Scheerer und seinen Fraktionskollegen Christian Jung für einen Vor-Ort-Termin. Jung ist verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion.
„Es geht darum, bei den Menschen zu sein und nicht Entscheidungen von irgendeinem Schreibtisch aus zu treffen“, sagt Jung zum Grund des Vor-Ort-Termins. Die Gegner erzählen von der Bürgerinfoveranstaltung zur geplanten Ausweitung des ehemaligen amerikanischen Militärflugplatzes. „Das war überheblich“, befindet Sigle und bezieht sich auf die Reaktionen eines Vertreters des Regierungspräsidiums Stuttgart bei der Veranstaltung im Juni 2024. Dieser hatte den Stadtbahnlärm in Stuttgart mit dem, der vom Flugplatz ausgeht verglichen.
Bis zu 800 Starts und Landungen
Scheerer hat, wie viele in Leonberg, das Interesse den Rettungshubschrauber dort zu halten, gerne im 24-Stunden-Betrieb. Nach aktuellen Plänen soll er aber zugunsten eines neuen Standorts in Tübingen aufgegeben werden. „Ich weiß nicht, ob sich in Tübingen überhaupt schon etwas tut“, so Scheerer in Pattonville.
Aktuell darf der Hubschrauber Christoph 51 vereinzelt auch nach Sonnenuntergang am Flugplatz Pattonville starten und landen. Ein Gutachten, das den Antrag für die Ausweitung des Betriebs ermöglichen soll, sieht bei 800 Starts und Landungen nachts noch keine Probleme was die Lärmbelästigung angeht. Der Vorwurf der Gegner ist, dass die Zahlen auf Berechnungen beruhen, eine echte Messung nicht stattgefunden habe.
Anfeindungen gegen Anwohner
Weil die Berechnungen in dem Gutachten laut der Gegner verdächtig nah an die Grenzwerte kommen, spielt der Verdacht mit, man habe sich die Situation passend gerechnet. Die Anwohner haben deshalb selbst eine Messung auf der Dachterrasse eines ihrer Häuser veranlasst. Eine professionelle Dekra-Messanlage kam dabei zu Lärmgrenzwert-Überschreitungen bei Starts und Landungen. Auch wegen dieser Messung dauert die Prüfung beim RP derzeit noch an.
„Wir sind nicht gegen den Rettungshubschrauber“, sagt Jochen Siers. Er und die anderen Anwohner, die sich offen gegen eine Ausweitung der Flugzeiten ausgesprochen haben, sehen sich immer wieder Anfeindungen ausgesetzt und Unterstellungen, sie seien gegen den Rettungshubschrauber. Siers betont, dass deren Einsatz wichtig ist, aber die Planung der Standorte besser sein sollte. Einige der Anwohner wären schon mit einer Verlegung des Landeplatzes innerhalb des Flugplatzes zufrieden, andere hingegen glauben nicht, dass dies nächtliche Lärmbelästigungen verhindern würde.
Jung will beide Standorte erhalten
Scheerer und Jung können den Anwohnern an diesem Tag wenig versprechen. Sie sind selbst in der Opposition und eigentlich ist Konsens, dass sich die Luftrettung verbessern muss. Scheerer kritisiert aber auch das Gutachten, das für die Reform des Rettungswesens herangezogen wird. Es handele sich um veraltete Zahlen. Auch die Krankenhausreform und damit zunehmende Spezialisierung der Kliniken sei nicht mit einberechnet. „Wichtig ist außerdem, das nicht gegen die Menschen durchzuziehen“, sagt er. In Leonberg stünde eine Mehrheit hinter einem 24-Stunden-Betrieb.
Aus Jungs Sicht braucht es beide Standorte: Leonberg und den Flugplatz Pattonville. Pattonville könne so wie aktuell weiterbetrieben werden. „Man braucht immer auch für militärische oder polizeiliche Maßnahmen einen solchen Landeplatz“, sagt er. Die Landesverteidigung werde zukünftig eine große Rolle spielen und da sollte man alles erhalten, was dem nützlich sein könnte. Schließlich sagt Jung, der Bretten im Landtag vertritt, dass ein Hubschrauber in Leonberg den Vorteil hätte, dass er schneller als Zweit- oder Ersatzhubschrauber in Karlsruhe sein könnte.
Gemeinsam mit den Anwohnern gehen die beiden Landespolitiker den kurzen Weg vom Wohngebiet bis zum Flugplatz und anschließend wieder zurück. Zum Abschluss wird es dann noch historisch: Jochen Siers gibt den Politikern mit auf den Weg, dass die Menschen, die dort in der Nähe des Flugplatzes gebaut haben, sich auf alte Zusicherungen verlassen hätten. „Damals hieß es, dass ein Nachtflugbetrieb hier niemals genehmigt werden könne“, sagt Siers. Sonst hätten sich viele nicht für den Hausbau dort entschieden. – Wie es nun weitergeht? Man wolle sich über den aktuellen Stand beim Ministerium erkundigen, erklärt Scheerer – auch im Hinblick auf den Standort Tübingen – und dann, so sagt er, „gilt es das Verfahren so lange zu verzögern bis eine neue Landesregierung mit anderen Mehrheitsverhältnissen im Amt ist“.
Das sieht die Reform der Luftrettung vor
Analyse
Um die Luftrettung in Baden-Württemberg zu optimieren, werden die bisherigen acht Standorte um zwei weitere Standorte ergänzt und teilweise verlegt. Tagsüber werden dann zehn Helis eingesetzt. Die Standortentscheidungen setzen die Empfehlungen der Struktur- und Bedarfsanalyse der Luftrettung in Baden-Württemberg aus dem Jahr 2020 um.
Umsetzung
Zu den acht Hubschrauber-Standorten sollen zwei neue in Lahr (Ortenaukreis) und im Bereich Ravenstein (Neckar-Odenwald-Kreis) entstehen. Der Rettungshubschrauber in Leonberg (Kreis Böblingen) soll künftig von der BG Klinik in Tübingen starten. Der Luftrettungsstandort Friedrichshafen wird nach Deggenhausertal-Wittenhofen (beide Bodenseekreis) verlegt. Der übergangsweise am Baden-Airpark stationierte Hubschrauber kehrt zudem an seinen Standort am St.-Vincentius-Krankenhaus in Karlsruhe zurück. mbo/dpa/lsw