Bis Patienten in der Notaufnahme ankommen, kann in Stuttgart zu häufig zu viel Zeit vergehen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Viele Regionen in Baden-Württemberg haben auch im vergangenen Jahr die sogenannte Hilfsfrist für die Notfallrettung nicht einhalten können. Erstmals seit Jahren gehört Stuttgart wieder dazu. Dort hat man bereits Gegenmaßnahmen ergriffen – ohne durchschlagenden Erfolg.

Stuttgart - Seit Jahren krankt die Notfallrettung im Land. Vielerorts kommen die Helfer zu häufig zu spät. Das Gesetz in Baden-Württemberg sieht vor, dass von der Alarmierung bis zum Eintreffen am Einsatzort zehn, in Ausnahmefällen 15 Minuten vergehen dürfen. Dieses Zeitfenster muss in 95 Prozent aller Fälle von Rettungswagen und Notärzten eingehalten werden. Stuttgart hat nach großen Umstellungen in den vergangenen Jahren geradezu mustergültige Werte vorgewiesen. Doch das ist jetzt vorbei.

Im vergangenen Jahr ist die Landeshauptstadt bei den Rettungswagen wieder unter die 95-Prozent-Marke gerutscht. 94,2 Prozent waren es genau – und seither ist der Wert noch schlechter geworden. Im Juni 2016 lag er noch bei 93,18 Prozent.

Woran das liegt, lässt sich nur vermuten. Seit Jahren steigt die Zahl der Einsätze. 2015 ist laut eines Sprechers des Deutschen Roten Kreuzes 62 300-mal ein Rettungswagen ausgerückt, dazu in 12 000 Fällen der Notarzt. Im Jahr zuvor sind es noch 61 200 und 11 700 Einsätze gewesen. Im ersten Halbjahr 2016 verzeichnen die Retter bereits 32 800 Rettungswagen-Einsätze. Das setzt sie auch zeitlich unter enormen Druck. Zudem hat Stuttgart zuletzt kräftig an Einwohnern dazugewonnen. Dadurch greifen auch mehr Menschen zum Hörer und wählen den Notruf. Das hat Folgen: Auch die Notärzte kratzen inzwischen gerade so an der gesetzlichen Vorgabe.

Ein zusätzlicher Rettungswagen reicht nicht aus

Und das, obwohl bereits Gegenmaßnahmen ergriffen worden sind. Seit Februar sind nicht mehr 15, sondern 16 Rettungswagen in der Stadt unterwegs. „Wir beobachten die Entwicklung jeden Monat. Es war klar, dass wir reagieren mussten. Das zusätzliche Fahrzeug hat aber nur vorübergehend etwas Besserung gebracht“, sagt Ordnungsbürgermeister Martin Schairer. Er wacht als Rechtsaufsicht über den Bereichsausschuss, in dem Krankenkassen und Rettungsorganisationen sitzen und die notwendige Ausstattung besprechen. In einem Schreiben an den Bereichsausschuss spricht Schairer davon, er sehe „weiterhin dringenden Handlungsbedarf“ hinsichtlich eines Maßnahmenplans.

Zu dem gehört auch ein Gutachten, das inzwischen vorliegt. Es nimmt erneut – wie schon einmal vor einigen Jahren – den Stuttgarter Rettungsdienst unter die Lupe. Es kommt zu einem erstaunlichen Fazit: Die Fahrzeugvorhaltung für Rettungswagen und Notärzte müsste um stolze 16 Prozent steigen, um den Bedarf sicher decken zu können. Wie man diese Erweiterung hinbekommen kann, ist allerdings noch offen. Bei der jüngsten Sitzung konnten sich die Mitglieder im Bereichsausschuss noch nicht auf eine Vorgehensweise einigen. Immerhin: Die Vertreter der Krankenkassen haben offenbar bereits signalisiert, die zusätzlichen Maßnahmen finanzieren zu wollen. Es zeichnet sich also Besserung ab.

Die landesweiten Werte für 2015 lassen auf sich warten

Mit diesen Schritten ist man in der Landeshauptstadt schon um einiges weiter als anderswo in Baden-Württemberg und in der Region. Denn dort weisen die Retter teils seit Jahren miserable Werte auf. Nach allem, was aus Fachkreisen zu hören ist, haben auch 2015 viele Landkreise die gesetzlichen Vorgaben nicht erfüllen können. Darauf weist auch die Tatsache hin, dass die offizielle Statistik im Gegensatz zu den Vorjahren nach wie vor nicht vorliegt. Es fehlten noch Zahlen, heißt es im Innenministerium. Dort hatte man den Beteiligten eine Frist bis 15. Juli gesetzt, um die Werte zu übermitteln – verbunden mit der Anweisung, beim Reißen der gesetzlichen Hürden gleich Ausführungen mitzuliefern, wie man Verbesserungen erreichen will und was davon man bereits umgesetzt hat. Das dauert offenbar beim einen oder anderen etwas länger.

Zumindest die Landeshauptstadt kann da schon die ersten Schritte vorweisen. Andere tun sich offenkundig schwerer.

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