Das Rettungschiff „Sea Watch 3“ bei einem Einsatz im Mittelmeer. Foto: AP

Jedes Jahr ertrinken tausende Flüchtlinge bei ihrer Fahrt über das Mittelmeer. Die Crew des Rettungsschiffes Sea Watch 3 will dieser Katastrophe nicht tatenlos zusehen.

Catania - Pia Klemp gibt nicht auf. „Wir können uns nicht davon abschrecken lassen, was die Politiker im Augenblick tun“, sagt die junge Frau. „Wir müssen weitermachen.“ Weitermachen, das heißt: Menschen aus dem Mittelmeer retten – vor brutalen Schleppern, prügelnden Polizisten der Küstenwache, viele vor dem jämmerlichen Ertrinken. Die 34-Jährige ist Kapitänin auf der Sea Watch 3, einem 55 Meter langen Schiff, mit dem sie und ihre 22-köpfige Mannschaft seit Monaten immer wieder vor der Küste Libyens kreuzen, immer auf der Suche nach überfüllten Booten mit Flüchtlingen.

Eine tagelange Irrfahrt der Aquarius

Doch das Schicksal eines anderen Rettungsschiffs macht Pia Klemp nachdenklich. Die Aquarius von SOS Mediterranée und Ärzte ohne Grenzen (MSF) hatte Hunderte verzweifelte Flüchtlinge aus Afrika an Bord, durfte aber keinen Hafen in Italien oder Malta anlaufen. Erst nach einer tagelangen Irrfahrt und diplomatischen Interventionen auf allerhöchster Ebene durften die Geretteten ist Spanien von Bord.

Pia Klemp weiß, dass auch sie in Italien ganz oben steht auf der Liste der unerwünschten Personen. Der neue rechtsnationale Innenminister Matteo Salvini hat auf Facebook angekündigt, dem Schiff das Anlegen zu verbieten. Die deutsche Crew kreuze vor Libyen und warte nur wieder darauf „Einwanderer nach Italien zu bringen“, postete er. Sein Land aber sage endgültig Nein zu diesem Zustand. Italien habe „aufgehört, seinen Kopf zu senken und zu gehorchen“. Gepostet hat er unter dem Hashtag „Wir machen die Tür zu“.

Drohungen gegen die Retter

Den Hilfsorganisationen droht Salvini, ihre Schiffe würden beschlagnahmt und die Besatzung festgenommen. „Sie riskieren das Leben der Migranten auf den Schlauchbooten, hören nicht auf die italienischen und libyschen Behörden und intervenieren, um diese wertvolle Ware von Menschen – von Menschenfleisch – an Bord zu laden.“ Für ihn sind die Organisationen „Vizeschlepper“, die Geld mit den Migranten machen wollen. Mit der deutschen Lifeline ist mittlerweile ein zweites Schiff mit Mi­granten an Bord auf dem Meer blockiert.

Salvinis rechtsnationale Regierungspartei Lega hatte im Wahlkampf versprochen, die Einreise von Flüchtlingen zu unterbinden. Seine Partei regiert nun zusammen mit der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung. „Das bedeutet nichts Gutes für uns“, sagt Pia Klemp.

In den Gewässern von Libyen

Ihr ganzes Tun ist auf das Retten von Menschenleben ausgerichtet. Vor der Küste Libyens ist das jedoch bisweilen auch eine gefährliche Angelegenheit. Zwar kreuzt die Sea Watch 3 in den internationalen Gewässern, doch suche die Küstenwache des Bürgerkriegslands immer wieder die Konfrontation mit den Seenotrettern. „Die Besatzungen der Küstenwachboote sind oft völlig unberechenbar, da herrscht ziemlich wenig Ordnung“, erzählt Klemp. „Im Grund sind das nur Milizen, denen Uniformen übergestreift wurden.“

Viele Milliarden für die Grenzssicherung

Mit der „Verlogenheit der Europäischen Union“ geht die Seenotretterin hart ins Gericht. „Die Europäer setzen sich vordergründig für Demokratie und Menschenrechte ein, doch die Wahrheit ist eine ganz andere.“ Für die Grenzsicherung würden von der EU inzwischen viele Milliarden Euro ausgegeben. In Libyen würden auf diese Weise Flüchtlinge daran gehindert, das Land zu verlassen. „Dort werden die Menschen systematisch gefoltert, vergewaltigt und auch ermordet“, empört sich Pia Klemp.

Die Zahl der Boote nimmt zu

Im Moment nehme die Zahl der Boote wieder zu, die die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer wagen würden. „Das hat natürlich mit dem besseren Wetter im Sommer zu tun“, erklärt die Kapitänin, „es ist wärmer, und die See ist viel ruhiger.“ Das heißt natürlich auch, dass die Sea Watch 3 verstärkt im Einsatz ist.

Seit 2015 zieht die Crew verzweifelte Flüchtlinge aus dem Meer. Rund 35 000 Menschen seien in dieser Zeit gerettet worden, heißt es vonseiten der Organisation, die sich durch Spenden finanziert. Pia Klemp selbst ist Biologin und war vor ihrem Einsatz im Mittelmeer bei der militanten Umweltorganisation Sea Shepherd. Sie kreuzte unter anderem im Südpolarmeer, um gegen die japanischen Walfangflotten zu kämpfen, im Südpazifik gegen illegalen Haifang zu protestieren oder den Fischfang in einem Meeresschutzgebiet bei Sizilien anzuprangern.

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