In ihrer Kindheit war Hanni Serway oft traurig, ihren 70. Geburtstag feiert sie mit einer Ausstellung und vielen Freunden. Foto: Sabine Schwieder

Hanni Serway, Mitbegründerin des Kunstvereins Kultur am Kelterberg in Stuttgart-Vaihingen, zeigt in einer Retrospektive zum 70. Geburtstag eine Auswahl ihrer Arbeiten. Wir haben mit ihr über ihr Leben gesprochen.

Vaihingen - Ihre Biografie ist nicht ungewöhnlich für Frauen der Nachkriegsgeneration, doch Hanni Serway hat sich durch die Kunst Lebensmut und ein Stück Freiheit erkämpft. Mit einer Retrospektive, die am Freitag, 27. Oktober, um 19 Uhr eröffnet wird, gibt die Mitbegründerin des Kunstvereins Kultur am Kelterberg einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben und in die damit verbundene künstlerische Entwicklung.

Eine Kindheit ohne Bilder

1947 in Jettingen in Bayern geboren, aufgewachsen in Backnang, kam Hanni Serway als Kind keineswegs mit Kunst in Kontakt. Es gab noch nicht einmal Bilder in der Wohnung ihrer Eltern. Um endlich in einem Bilderbuch schmökern zu können, überredete sie ihre Oma, von an der Haustür klingelnden Zeugen Jehovas eine Kinderbibel zu kaufen. „Wir waren einfach so arm“, erinnert sich die Künstlerin an eine dunkle, von Trauer und Einsamkeit überschattete Kindheit. Das Gemälde eines Mädchens, in Grautönen gemalt, das auf einer farbenfrohen Wiese sitzt, erzählt von dieser Zeit. Das Bild gegenüber zeigt ein älteres Mädchen, das kraftvoll in die Höhe springt, um über eine hohe Hecke blicken zu können. Vieles in dieser Retrospektive ist biografisch zu verstehen.

Akkordeon, Klavier und Gesang

Anders als mit der Kunst war es mit der Musik: Im Alter von sieben Jahren erlernte Hanni Serway das Akkordeonspiel, später kam das Klavier hinzu. Ihren eigentlichen Traum, Opernsängerin zu werden, konnte sie sich nicht erfüllen, doch Musik macht sie immer noch. Als junge Frau kam sie 1970 nach Stuttgart und absolvierte eine Buchhändlerlehre. Ein anschließendes Sozialpädagogik-Studium brach sie ab, denn es kamen die drei Kinder. Von da ab stand die Familie im Vordergrund, und nur die Musik und die Mitarbeit in einem Amateurtheater erinnerten noch an die künstlerischen Ambitionen.

Durch eine Depression zur Kunst gekommen

Eine schwere Depression führte sie schließlich zu einer Maltherapie. „Mein erstes Bild war ein gezeichneter Clown, zur Hälfte bunt, zur Hälfte schwarz-weiß, mit einem Sektglas in der Hand“, erzählt Hanni Serway, deren Namen von einem ihrer zwei Ehemänner stammt und auf die aus Frankreich eingewanderten Waldenser zurückgeht. Als Alleinerziehende mit einem Halbtagsjob fand sie es nicht leicht, ihre Passion in einen Beruf münden zu lassen. „Aber die Begegnung mit der Kunst war für mich wie eine zweite Geburt“, sagt sie.

Zum Zeichnen gezwungen

Vier Jahre lang studierte Hanni Serway an der Freien Kunstschule Stuttgart, wo sie auf sehr viel jüngere Kommilitonen und Lehrer stieß, die ihr Talent erkannten und sie ermutigten. Sie habe sich nicht entscheiden können, ob sie realistisch oder abstrakt malen sollte, und so brachte sie in ihren Arbeiten beides zusammen. Und doch war klar, dass es immer um das Malen gehen sollte. Trotz aller Freiheit, die ihr die Lehrer ließen, hatte sie allerdings ein Semester lang Malverbot und musste sich auf das Zeichnen konzentrieren. In dieser Zeit gab es oft das gleiche Essen für die Familie, denn sie zeichnete vor allem aufgeschnittenen Blumenkohl.

Lebendige Porträts

„Es ist aber auch faszinierend, wie man mit wenigen Strichen ein Gesicht zum Leben bringen kann“, sagt Hanni Serway im Nachhinein. Am Kelterberg sind einige ihrer sehr lebendigen Porträts zu sehen. Sie hat sie bewusst dem Bild vom einsamen und verlassenen Kind an die Seite gestellt. Entstanden sind sie, nachdem eine ihrer Ehen in die Brüche ging. „Ich habe damals verstanden, dass Beziehungen mehr brauchen als ein enges Miteinander von nur zwei Menschen. Sie brauchen auch Freunde, um sich nicht ausschließlich aufeinander zu beziehen“, gibt die Künstlerin ihre Erfahrung an jüngere Zeitgenossen weiter.

Die Nachteile von Shopping und Volksfesten

Im Prinzip geht es bei ihr um zwei Themen: Menschen und Natur. Ein Raum ist Pflanzen gewidmet, ein anderer zeigt eine Reihe von Schmetterlingen. Sehr persönlich und zugleich allgemeingültig ist ihre Darstellung von Personen. Aus einer Menge von Fußgängern, die sie in der Stadt mit der Kamera ablichtete, wählte die Künstlerin einige wenige aus. In einem engen Farbrahmen zeigt sie die Porträtierten, gezeichnet vom Stress eines samstäglichen Shopping-Marathons. Ein anderes Bild zeigt eine Besucherin des Cannstatter Wasens. Zu sehen ist nur die Frau, die sich offensichtlich schön gemacht hat, und eine überquellende Mülltonne. Eindrücklicher kann man die Nachteile von Volksfesten kaum darstellen.

Vernissage zum 70. Geburtstag

Nach einer Zwischenstation in Leinfelden lebt und arbeitet die freie Künstlerin seit 2013 in Waldenbuch, von wo aus sie viel mit der Kamera im Schönbuch unterwegs ist. Bis dahin hatte sie ihr Atelier am Kelterberg. Sie hat den Kunstverein mitbegründet, war lange Vorsitzende des Kunstbeirats und gab ihr Wissen in Kursen weiter. So sind die Ausstellung und die mit einem üppigen Musikprogramm bestückte Vernissage, die sie sich zu ihrem 70. Geburtstag gegönnt hat, ein Heimspiel für sie.

Unter dem Titel „Eine Reise durch die Nacht – Fotografien, Texte, Lieder“ wird Hanni Serway (Mezzosopran) die Vernissage gemeinsam mit Freunden musikalisch gestalten. Auf dem Programm stehen jiddische und katalanische Lieder, Chansons von Friedrich Holländer und Kurt Weill, Lieder von Schubert und Mozart sowie Kinderlieder.

Umfangreiches Programm

Zur Ausstellungseröffnung am Freitag, 27. Oktober, um 19 Uhr im Kunstverein Kultur am Kelterberg gibt es ein umfangreiches musikalisches Programm rund um das Thema Nacht. Neben Hanni Serway (Gesang, Akkordeon, Klavier), dem Bariton David Ristau und einem Trio sind Sängerinnen des Wunderbaren Frauenchors zu hören. Im Übrigen ist die Ausstellung bis zum 19. November samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr zu sehen.

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