Auf der Republica treffen sich von Montag an Blogger, Politiker, Politiker und Unternehmer. Foto: dpa

An der Internetkonferenz Republica kommt in Deutschland niemand vorbei, der beim digitalen Wandel der Gesellschaft mitreden will. Von Montag an geht es in Berlin um Fakten statt Fake News. Warum ist diese Veranstaltung so wichtig?

Berlin - Als Facebook noch eine Spielwiese für einige wenige war und niemand für möglich hielt, dass einmal Autos ohne menschliche Eingriffe fahren könnten – da war er schon da: Sascha Lobo ist in Deutschland auch heute noch der bekannteste Deuter für digitale Themen. Eine Zeitung bezeichnete den Mann mit der markanten Frisur kürzlich als „Erklärirokesen“ des Internets. In dieser Eigenschaft tritt Lobo gleich mehrfach auf der Netzkonferenz Republica auf, die am Montag in Berlin beginnt.

Was bitte ist überhaupt diese Republica – und was passiert dort?

Gar nicht so leicht zu beantworten. An drei Tagen werden knapp tausend Sprecher aus 60 Ländern über alles reden, was irgendwie mit dem Internet, der Digitalisierung und der Zukunft zu tun hat. Es geht um die demokratiezersetzende Kraft der Fake News, es geht darum, was es für die Gesellschaft bedeutet, wenn künftig immer mehr Roboter bei der Arbeit, in der Pflege oder in der Medizin zum Einsatz kommen. Man diskutiert darüber, wie Hassreden eingedämmt werden könnten, welche Chancen und Risiken in der Nutzung von Drohnen liegen. Kurz: die Republica ist eine Konferenz mit extrem breitem Themenspektrum. Andreas Gebhard, Gründer der Republica, sieht in ihr ein „Zeitgeistdokument der digitalen Gesellschaft“.

Über dem bunten Themengewusel der Konferenz steht jedes Jahr ein Motto. In diesem Jahr heißt es „Love out loud“ – angelehnt an die in Kurznachrichten beliebte Abkürzung LOL, die für „Laughing out loud“, also lautes Gelächter steht. Dass in diesem Jahr nun die Liebe von der Republica in die Welt ausstrahlen soll, liegt an der öffentlichen Wahrnehmung vieler Internetphänomene: Soziale Medien haben sich in den Augen mancher in vermeintlich asoziale Netzwerke verhandelt, die verseucht sind mit Hasskommentaren und Halbwahrheiten.

Facebook geriet kürzlich wegen Morden, die live übertragen wurden, in die Kritik. Mark Zuckerberg selbst musste darauf reagieren und äußerte sein Bedauern. Dem digitalen Unbehagen will die Republica mit ihrem Motto entgegentreten: „Wir wollen die Menschen motivieren, selbst aktiv zu werden, für eine offene Gesellschaft, für Demokratie und Pressefreiheit einzutreten“, sagt Markus Beckedahl, Mitveranstalter der Republica und Chefredakteur von Netzpolitik.org.

Wer wird auf der Republica erwartet?

Kommen nur Internet-Nerds?

Junge Leute mit Kapuzenpullis, die Mate-Tee trinken und autistisch auf die Bildschirme ihrer Smartphones starren – soweit ein Klischeebild zur Republica. Das allerdings nur einen kleinen Teilausschnitt der Wirklichkeit trifft. Auf der Republica redet der frühere Schachweltmeister Gary Kasparov über Propaganda im digitalen Zeitalter, Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) diskutiert über Hackerangriffe auf den Bundestag, ZDF-Mann Claus Kleber sagt, wie er in Zeiten der allgegenwärtigen Desinformation verlässlich informieren will. Im Vorjahr wurde der Whistleblower Edward Snowden per Videoübertragung in Berlin zugeschaltet.

Die Republica – beheimatet in einem ehemaligen Postbahnhof – ist im elften Jahr ihres Bestehens die mit Abstand wichtigste Konferenz zum digitalen Wandel in Deutschland. Hier treffen sich Blogger, Programmierer, Medienschaffende, Politiker – und Unternehmer. Genau, es geht auch um wirtschaftliche Interessen. Deshalb mischen unter anderem Daimler und IBM als Sponsoren mit.

Welche Rolle spielt die Politik?

Reden die Leute auch über Politik?

Natürlich dreht sich vieles auf der Republica um Politik. In den USA bestimmt der Präsident per Twitter die täglichen Debatten. In der Türkei wird der Zugang zur Online-Enzyklopädie Wikipedia gekappt, China versucht sein in die Moderne strebendes Milliardenvolk in staatlich kontrollierten Social-Media-Kanälen zu lenken.

Die Republica nähert sich diesen Themen aus verschiedenen Perspektiven: Unter anderem wird eine Datenanalyse von 2000 verschiedenen Facebook-Postings deutscher Medien vorgestellt – die Forscher zeigen auf, welche Posts Fakten transportieren und wo mit gezielten Unwahrheiten gearbeitet wird. In welchen Fällen steckt Propaganda dahinter, wo wird Stimmung gemacht und wie kann das Publikum dabei Fakten von Fake News unterscheiden? Hinter all dem steht die große Frage, inwiefern gezielte Kampagnen mit Falschnachrichten in den sozialen Medien den Ausgang der nächsten Bundestagswahlen beeinflussen könnten.

Weil in Deutschland im Herbst gewählt wird, drängen neben Thomas de Maizière weitere politische Schwergewichte auf die Bühnen der Konferenz: Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) tauscht sich mit Gründern der deutschen Start-up-Szene aus. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) diskutiert über das bedingungslose Grundeinkommen – ein Thema, das im Zuge fortschreitender Digitalisierung an Fahrt aufgenommen hat.

Warum ist Künstliche Intelligenz so ein wichtiges Thema?

Und worüber wird gestritten?

Zum Beispiel über die Frage, ob künstliche Intelligenz eine Bereicherung oder eine Bedrohung für die Gesellschaft ist. Das klingt zunächst sperrig, wird aber schnell konkret: Maschinen durchforsten Datenbanken in Bruchteilen von Sekunden – sie sind schneller als Börsenmakler, Steuerberater, Meteorologen oder Ärzte. Und werden damit zu einer möglichen Bedrohung für viele Jobs. Die Universität Oxford prognostiziert in einer Studie, dass Roboter und Künstliche Intelligenz in den USA Tätigkeiten in 700 Berufsbildern bedrohen könnte. Andere Experten sehen in der Künstlichen Intelligenz hingegen die nächste Jobmaschine einer Wissensgesellschaft.

IBM stellt sich auf der Republica der Diskussion um seinen Supercomputer Watson, der dank künstlicher Intelligenz seine menschlichen Gegner beim Schach schlug. Das Unternehmen baut Watson zu einem kommerziell nutzbaren Alleskönner aus, der Rechtsanwälte bei der Recherche oder Ärzte bei der Diagnose unterstützt. Bei der Republica wird der intelligenten Maschine womöglich eine unangenehme Frage gestellt: „Watson, bist Du ein Jobkiller?“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: