In Monza beim Grand Prix von Italien zum letzten Mal als Teamchefs in der Box: Frank und seine Tochter Claire Williams. Foto: imago/LAT Photographic

Der Große Preis von Italien bildet das Schlusskapitel des Lebenswerk von Frank Williams, der letztmals mit seiner Tochter Claire das Formel-1-Team führt. Ein US-Investor hat den Rennstall übernommen.

Monza/Stuttgart - Tradition ist etwas Wunderbares, Edles, etwas derart Wertvolles, das sich niemand für Geld besorgen kann. Aber Tradition kann einen nicht ernähren. Es ist, wie einen weißen Mercedes Flügeltürer 300 SL, Baujahr 1955, mit roten Sitzen in der Garage zu haben, aber das Benzin für eine Ausfahrt ist unbezahlbar. Es reicht nur noch fürs Zippo-Feuerzeug. Um es im Motorsport-Jargon zu auszudrücken: Tradition gewinnt keine Rennen.

Der Williams-Rennstall, seit 1977 pausenlos im Formel-1-Tross, ausgezeichnet mit sieben Fahrer-Weltmeistern und neun Konstrukteurstiteln sowie 114 Grand-Prix-Erfolgen, was Platz drei in der Rangliste hinter Ferrari (238) und McLaren (182) bedeutet, steht vor einer Zäsur, wie sie größer nicht sein konnte. Beim Großen Preis von Italien am Sonntag in Monza (15.10 Uhr/RTL) werden Teamgründer Frank Williams und seine Tochter Claire zum letzten Mal als Chefs an der Strecke sein – dann ziehen sie sich zurück. US-Investor Dorilton Capital hat den seit Jahren notorisch klammen und vor der Insolvenz stehenden Rennstall für 151 Millionen Euro übernommen, das Ausscheiden des 78-Jährigen und seiner 44 Jahre alten Tochter geschah offenbar aus freien Stücken. „Es war keine leichte Entscheidung, aber die richtige für alle Beteiligten“, sagte Claire Williams. Man darf es ihr glauben.

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Tradition. Für Williams fuhren Keke Rosberg (Weltmeister 1982), Nelson Piquet (1987), Alain Prost (1993), Jacques Villeneuve (1997) – und auch Legende Ayrton Senna, der 1994 in Imola in einem Williams starb. „Ich habe nicht jeden ­Moment geliebt, es gab sehr schwere Momente – aber die Formel 1 war sehr gut zu mir“, sagte Frank Williams einmal, der 1999 von der Queen zum Ritter geschlagen worden war. Zwischen 1989 bis 1997 zählte das Williams-Auto, das unter der Leitung von Team-Miteigner Patrick Head entstanden war, zur technischen Avantgarde, zum Gradmesser der Konkurrenzfähigkeit für die übrigen Teams.

Doch mit dem neuen Jahrtausend nahm der Klimawandel in der Formel 1 ein immer schnelleres Tempo auf. Wie einst die Dinosaurier ausstarben, so nahm die Zahl der hemdsärmeligen Garagisten, der leidenschaftlichen Rennsport-Puristen in den Führungsgremien weiter ab – es drängten global operierende Konzerne wie Red Bull, BMW, Mercedes und Renault oder rennsportbegeisterte, nicht völlig ausgelastete Milliardäre wie Richard Branson (Virgin), Vijay Mallya (Force India), Gene Haas (Haas) und Lawrence Stroll (Racing Point) in die obersten Etagen im Fahrerlager. Marketingexperten und PR-Manager vertrieben den Benzingeruch konsequent und endgültig.

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Prähistorische Persönlichkeiten wie Ron Dennis (McLaren), Peter Sauber (Sauber) und selbst Bernie Ecclestone, der Erfinder der Geldmaschine Formel 1, wurden von der Evolution überholt. 2012 gelang Williams in Barcelona mit Pastor Maldonado der letzte (überraschende) Sieg. Vergangene Saison holte das Team noch ein WM-Pünktchen, in diesem Jahr steht die Null. Spätestens als Toto Wolff 2012 den Rennstall (an dem er Anteile hielt) als Geschäftsführer verlies, um Motorsportchef bei Mercedes zu werden, hat der schleichende Verfall bei Williams begonnen. Gründer Frank Williams hat den Wandel nicht verschlafen, er wollte ihn bewusst nicht in dieser Konsequenz mitvollziehen.

Mit BMW als Motorenpartner kämpfte das Team zwischen 2000 und 2005 um Siege, gar um den Titel, doch die britische Knorrigkeit stieß die Konzernlenker in München oft genug vor die Köpfe, so dass BMW lieber das Sauber-Team kaufte. Ende 2005 stieg auch Großsponsor Hewlett-Packard bei Williams aus. 2014 und 2015 bäumte sich die Mannschaft aus Grove noch mal auf und wurde mit Mercedes-Motoren jeweils WM-Dritter.

Doch schon damals lebte das Team stark von der millionenschweren Mitgift der sogenannten Bezahlfahrer wie Lance Stroll oder Sergeij Sirotkin. Die Rechnung von Frank und Claire Williams ging nicht auf. Zu wenig Erfahrung der Fahrer, keine Erfolge – keine neuen Einnahmen. Kein Geld. Lediglich Tradition im Überfluss. Das 727. Formel-1-Rennen unter der Regie der Familie Williams ist das letzte. Sir Frank darf stolz sein auf sein Lebenswerk, auf die sieben Fahrer- und die neun Konstrukteurstitel, auf 114 Rennsiege. Irgendwie hätte er einen ehrenvolleren, einen glücklicheren Abgang verdient.

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