Der Bahnhof in Weil der Stadt ist eng – findet sich hier genug Platz, die Hesse-Bahn durchfahren zu lassen? Foto: factum/Granville

Auf den letzten Metern wird mit harten Bandagen gekämpft. Nun gehen die Rathauschefs Wolfgang Faißt (Renningen) und Thilo Schreiber (Weil der Stadt) zum Gegenangriff über: Sie sind an das Gutachten der Calwer gekommen und zweifeln es massiv an.

Renningen/Weil der Stadt - Auf den letzten Metern wird mit harten Bandagen gekämpft. Das Calwer Landratsamt hat die Stellungnahme der Weiler zur Hesse-Bahn ausgerechnet kurz vor Weihnachten eingefordert, so musste zwischen den Jahren gearbeitet werden. Nun gehen die Rathauschefs Wolfgang Faißt (Renningen) und Thilo Schreiber (Weil der Stadt) zum Gegenangriff über: Sie sind an das Gutachten der Calwer gekommen und haben es vom Stuttgarter Verkehrsbüro VWI überprüfen lassen. Damit werden zumindest Zweifel gesät an den Calwer Annahmen.

Diese sind am Mittwoch im Renninger Rathaus verkündet worden. Der Planer Stefan Tritschler vom Büro VWI, das auch für den Regionalverband arbeitet, ist ebenso da wie die Renninger Verwaltungsspitze. Und auch – ein seltener Gast hier – der Weiler Schultes. Alle lauschen den Worten des Bahn-Experten.

Wie die beiden Bürgermeister an die sogenannte „Standardisierte Bewertung“ gekommen sind, verraten sie nicht. „Wir haben sie“, sagt Wolfgang Faißt lediglich und schmunzelt. Zumindest den Teil mit Ergebnissen und Daten, die Erläuterungen fehlen jedoch. Nun hat der Gutachter die Calwer nicht gerade in der Luft zerrissen. Aber Tritschler hat doch einige Ungereimtheiten entdeckt.

Die größte ist eine Buslinie von Renningen nach Böblingen. Diese gibt es aber seit dem Start der S 60 nicht mehr – dennoch werden diese Fahrgäste als Potenzial für die Hesse-Bahn eingerechnet. „Das ist schon sehr ungewöhnlich“, erklärt Tritschler. Gleichzeitig wurden auf der S 60 ein Drittel weniger Fahrgäste kalkuliert, als heute schon damit fahren. Auch von anderen Buslinien wurden Fahrgäste einfach hochgerechnet. „Zieht man das ab, würde alleine dies das Bahnprojekt nahe an den Wert von 1,0 bringen“, so der Experte. Er meint die Wirtschaftlichkeit – liegt dieser Wert über dem Faktor von 1,0, gibt es Zuschüsse für ein Zugprojekt, sonst nicht.

Zudem sollen Kosten zu niedrig angesetzt sein. Etwa für den Tunnel durch den Hacksberg zwischen Schafhausen und Os­telsheim. „Dieser wurde 100 Meter kürzer angesetzt, als er jetzt geplant wird“, erklärt Stefan Tritschler. Er werde wohl 9,2 statt 7,6 Millionen Euro kosten. Umgekehrt rechnet Calw mit vier Millionen Euro, die man durch die Hesse-Bahn sparen könnte – weil die Bahnstrecke nicht stillgelegt werden muss. „Es ist allerdings noch nie diskutiert worden, die Schienen tatsächlich abzubauen“, meint Stefan Tritschler.

In seinem Gutachten kommt er zu dem Schluss, es gebe ein „erhebliches Risiko“. Bereits geringe Änderungen in den Annahmen machten das Projekt unwirtschaftlich.

Die Bürgermeister ziehen daraus politische Schlüsse. „Die nicht vorhandenen, aber einberechneten Busverkehre könnten erklären, warum die Hesse-Bahn angeblich nur wirtschaftlich ist, wenn sie nach Renningen fährt“, sagt etwa Wolfgang Faißt.

Und Thilo Schreiber fallen weitere Kritikpunkte ein. „Der Weiler Bahnhof ist ex­trem eng. Wie soll da die Hesse-Bahn noch einfahren?“ Zudem seien die Bahnsteige 75 Zentimeter hoch, der Ausstieg der Hesse-Bahn liege aber bei 55 Zentimetern.

Man hofft nun, dass all diese Fragen in Böblingen, Calw und Stuttgart erhört und kritisch gewürdigt werden. Verschickt wurden sie jedenfalls. Den Satz des Tages sagt Schreiber zum Schluss: „Wenn die Bahn nicht wirtschaftlich ist, reicht es auch, wenn sie nur bis Weil der Stadt fährt."

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