Schneegans – „Schnaigas“ Foto: AP

Am Rankbach machen die Mitglieder des Gemeinderates aus der Not eine Tugend: Sie nutzen eine Wand als verbindendes Element. Wie das geht? Indem die Symboltiere beider Teilorte einträchtig nebeneinander eingraviert werden.

Renningen - Am Kreisverkehr Benzstraße soll künftig eine Lärmschutzwand die Bürger im Schnallenäcker vor dem Krach von Bahnen und Autos abschirmen. Sie wird mehr als 60 Meter lang sein und vier Meter hoch; ein Erdwall wird sie entlang der Nord-Süd-Straße ergänzen. Die Kosten für den Schutzwall aus Glas und Beton: brutto etwa 130 000 Euro.

Das alles ist unstrittig gewesen. Keines der Mitglieder des Renninger Gemeinderates erhob seine Stimme zu grundsätzlichem Widerspruch. Energisch, motiviert und fair debattierten die Kommunalpolitiker dafür allerdings über ein begleitendes Thema. Es ging um die Traditionen der Rankbachstadt. Es ging um ihre Geschichte, ihr Zusammengehen nach der Gemeindereform in der 70er Jahren. Und es ging – auf einer Metaebene – um Identifikation.Es ging, um es zu präzisieren, um nichts weniger als die Schneegans und die Schnecke.

Oder, auf Schwäbisch: um die „Schnaigas“ und die „Schnogga“. Diese beiden Tiere sind traditionelle Symbole am Rankbach. Die Schnaigas steht für Renningen und die Renninger, die Schnogga für Malms­heim und die Malmsheimer.

Was das nun mit den Elementen der Lärmschutzwand zu tun hat? Nun, auf diesen, so hatten es der Technische Ausschuss und der Ingenieur Wolfram Schädel bereits vorbesprochen, sollte die Malmsheimer Schnogga eingraviert werden. Eine erkleckliche Anzahl der Gemeinderatsmitglieder regte indes an, nur auf jedes zweite Betonelement die Schnogga zu gravieren – sie solle sich, so die Idee, mit Bildnissen der Renninger Schnaigas abwechseln. Man sei ja mit den Jahren als Stadt zusammengewachsen und wolle das auch zeigen. So macht man in Renningen aus der Pflicht und der Not eine Tugend: eine Wand, die verbindet, statt zu trennen.

„Daher bin ich für die Schneegans“, betonte der Grüne Erwin Eisenhardt. Kleinere Einwände fanden Gehör, aber keine Zustimmung – beispielsweise der etwas höhere finanzielle und organisatorische Aufwand und die Tatsache, dass die Wand ja nur von Malmsheim aus zu sehen sei. Der Rat war sich am Ende einig: Gänse und Schnecken sollen auf die Lärmschutzwand. Als Künstler, um die Gans zu entwerfen, wurde schon einmal Wolfgang Steudle ins Gespräch gebracht. Passenderweise ist er nicht nur Steinmetz, sondern auch Mitglied des Gemeinderates.

Und natürlich ist er ein alteingesessener Renninger. Warum diese „Schnaigas“ heißen, erzählt der Stadtarchivar Mathias Graner. „Es gibt da eine unbestätigte Legende“, sagt er. Demnach habe ein Feldschütze einst ein Gelege Wildgänse gefunden. Diese nahm er mit und zog sie groß – mit dem Ziel, den Gemeinderat und den Bürgermeister in Renningen zu verköstigen. Allerdings flogen die Gänse eines Tages davon, folgten anderen Wildgänsen. Also setzte der Feldschütze den Kommunalpolitikern Bock statt Gänsebraten vor. Und behauptete auf Nachfragen nach dem „bockigen“ Geschmack, die Gänse seien Schneegänse. „Er soll ihnen gesagt haben, dass die eben so schmecken“, erklärt Mathias Graner. „Seitdem heißen die Renninger Schneegänse oder eben Schnaigas“. Und die Malmsheimer Schnogga? „Die Renninger haben sie wohl als langsam bezeichnet, daher der Name“, so Graner. Das sei allerdings ebenfalls nur eine Version.

Der Bürgermeister Wolfgang Faißt nannte sodann neben der Identifikationsthematik auch noch ganz praktische Gründe für die Gravuren. „Wir wollen zwar auch Pflanzen setzen, die an der Lärmschutzwand emporwachsen“, so der Renninger Bürgermeister. „Aber die Gravuren erfüllen dennoch auch eine Schutzfunktion. Sie sollen die Hemmschwelle für Sprayer höher legen.“

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