Der Zug von Böblingen kommt: Vor fast 100 Jahren ist die Eisenbahn in Renningen eine wichtige zivilisatorische Errungenschaft der Industrialisierung Foto: Stadtarchiv Renningen

Heute fährt die erste S 60 von Renningen nach Böblingen. Schon vor fast 100 Jahren gibt es eine ähnliche Premiere: Im Jahr 1915 rollt zum ersten Mal ein Zug in diese Richtung, vor allem für die Pendler zum neu erbauten Daimler-Werk.

Renningen/Böblingen - Wir schreiben das Jahr 1892. Zum ersten Mal wird ernsthaft versucht, eine Bahnlinie zu bauen. Dass es noch 20 Jahre dauert, ahnt damals noch niemand. Erst am 1. Oktober 1915 rollt der erste Waggon von Renningen nach Böblingen. Da Autos zu dieser Zeit noch eine Seltenheit und Pferdekutschen das alltägliche Transportmittel sind, ist dies ein Aufbruch in eine neue Verkehrswelt. Wie 100 Jahre später müssen die Gemeinden hart um ihre Bahnstrecke kämpfen.

Die Kommunalpolitiker jener Zeit verhandeln seit den 90er Jahren (des 19. Jahrhunderts, wohlgemerkt!) mit der Württembergischen Eisenbahngesellschaft. „Diese wollte ohne staatliche Zuschüsse den Bau übernehmen“, berichtet Mathias Graner, der Renninger Stadtarchivar. Er hat ausführlich in alten Akten und Büchern geforscht und die Geschichte der alten Bahnstrecke aufgearbeitet. Doch die Verhandlungen mit der Gesellschaft zerschlagen sich im Jahr 1904, erst zwei Jahre später nimmt man einen neuen Anlauf für das Projekt.

Der Sindelfinger Stadtschultheiß Wilhelm Hörmann, heute würde man Oberbürgermeister sagen, nimmt „die Agitation energisch wieder auf“, wie es heißt. Und das mit Erfolg, am 25. August 1909 wird ein Gesetz erlassen, mit dem sich der Staat Württemberg zum Bau der Bahnlinie bekennt. „Die beteiligten Gemeinden sollten die Grundwerbungskosten übernehmen“, sagt Mathias Graner, „und einen Beitrag für jeden Kilometer Bahn leisten.“

Aber noch ist unsicher, ob die zivilisatorische Errungenschaft tatsächlich kommt. Erst im Jahr 1911 erlangt man Gewissheit. Und zwei Jahre später rücken die Landvermesser an, im Amtsdeutsch der damaligen Zeit nennen sie sich „Katastergeometer“, mitsamt ihren Gehilfen aus Stuttgart. Und dann beginnt tatsächlich der Bau im Jahr 1913, zunächst einmal für den Abschnitt zwischen Magstadt und Renningen. Dazu rücken Italiener an. Denn die Baufirma Kiesermoser & Alba hat einen italienischen Chef. „Herr Alba brachte eine Schar seiner Landsleute mit“, erzählt Mathias Graner.

„An Sonntagen sieht man überall in den Straßen die dunkelhäutigen und schwarzhaarigen Südländer in Gruppen beisammenstehen“, heißt es in den Aufzeichnungen. Sie haben ihren einen eigenen Koch, der in einer Bracke am Bahndamm ihr Nationalgericht zubereitet: Makkaroni mit Käse. „Den heimischen Besuchern wurde gerne eine Kostprobe überreicht“, sagt Mathias Graner. Die italienischen Arbeiter leben ansonsten eher spartanisch, und schicken somit jeden Samstag Geld nach Hause für die Familie.

Viel Verdruss bereitet den Gemeinden der Haltepunkt Renningen-Süd. „Die Eisenbahnverwaltung hat der Gemeinde auferlegt, für die Bedienung des Haltepunktes Sorge zu tragen“, erklärt Graner. Also die Fahrkartenausgabe, die Beleuchtung oder die Heizung im Warteraum. Das sieht man in Renningen ganz anders: Die „bürgerlichen Kollegien“, wie die Gemeinderäte genannt werden, protestieren.

„Sie waren der Ansicht, die Eisenbahnverwaltung sei im Interesse der allgemeinen Sicherheit verpflichtet, am Bahnübergang in der Weil der Städter Straße Schranken anzubringen und einen Wärterposten zu errichten“, erzählt der Stadtarchivar.

Ein Konflikt im föderalen System also, wie er heute ebenso bei Bahnprojekten Alltag ist. Nur die Begründungen wechseln, im Jahr 1913 führt die Gemeinde Renningen auf, dass „täglich 20 und mehr Autos von morgens früh bis abends spät verkehren“! Ein herannahender Zug werde aber erst bemerkt, wenn er die Straße kreuze, Unglücksfälle seien daher unvermeidlich. „Diese Befürchtungen sollten sich später als begründet erweisen“, berichtet Mathias Graner mit Blick auf schwere Unfälle.

Aber die Eisenbahnverwaltung geht auf die Forderungen der Renninger nicht ein. Schließlich schlägt die Eisenbahnsektion Böblingen einen Kompromiss vor, wie der Historiker erläutert: „Bei dem künftigen Haltepunkt Süd soll eine Wirtschaft erbaut werden, der Besitzer übernimmt im Gegenzug für die Konzession die Verpflichtungen für die Gemeinde.“ Eine pragmatische Lösung, auf die Gemeinde Renningen kommen trotzdem hohe Kosten zu.

Sie muss 66 884 Reichsmark bezahlen und nimmt dafür 70 000 Mark Kredit auf. In heutigem Geld gerechnet wären das 280 000 Euro, das ist für eine Gemeinde mit damals 3200 Einwohnern enorm viel Geld. Trotzdem weckt die neue Bahnstrecke bei den Nachbarn Begehrlichkeiten. Sie bringt wie heute eine Autobahn Gewerbe und damit Einnahmen in eine Stadt. So gibt es in Heimsheim und Mühlacker die Hoffnung, dass die Linie weitergeführt würde. „Im Jahr 1913 gründet sich ein Eisenbahn-Arbeitsausschuss unter dem Vorsitz von Stadtschultheiß Otto Völmle in Heimsheim“, erzählt Graner. Mit Renningen wird ein Gesuch nach Stuttgart eingereicht.

Doch der Erste Weltkrieg verhindert diese Pläne. Ja, das ganze Bahnprojekt steht auf der Kippe, denn die italienischen Arbeiter werden zur Armee einberufen, die Bauarbeiten sind unterbrochen. Heimische Arbeiter springen ein, und so ist es am 1. Oktober 1915 endlich so weit: Die Bahn wird in Betrieb genommen. Allerdings wird im Krieg nicht groß gefeiert. Mathias Graner: „Von größeren Festlichkeiten bei der Eröffnung wird mit Rücksicht auf den Krieg abgesehen.“ Erst in den 20er Jahren nach Kriegsende freut man sich so richtig.

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