Renate Busse mit einem Fächer aus griechischen Obstkisten. Foto: Stoppel

Die Stichsäge ist ihr Lieblingswerkzeug, mit ihrer Hilfe erschafft Renate Busse Objekte aus Obstkisten. Rund 50 davon sind nun in Waiblingen im Kulturhaus Schwanen ausgestellt.

Waiblingen - Die meisten lassen sie links liegen und interessieren sich allenfalls für ihren Inhalt, der mal aus Orangen, Erdbeeren oder Kirschen, mal aus Wassermelonen oder Zitronen besteht. Bei Renate Busse ist das anders. Die Schorndorferin hat zwar durchaus etwas für Früchtchen übrig – das beweist schon die Tatsache, dass sie vor Jahren eine GgO, eine „Gesellschaft für gemaltes Obst“, ins Leben gerufen hat. Aber es sind die Holzkisten, in denen das Obst transportiert wird, die das Herz der Künstlerin höher schlagen lassen.

Hat sie ein neues Modell ergattert, zerlegt sie es mit Schraubenzieher und Zange, holt die Stichsäge raus und legt los. Typische Motive wie sattrote Erdbeeren, saftige Orangen und pralle Kirschen schneidet sie aus dem Holz, ergänzt, umrandet und übermalt die kleinen Bildchen mit Acrylfarbe oder mit Nagellack. Kistenfragmente tackert sie zu einem Fächer zusammen oder arrangiert sie zum Leporello. Bisweilen baut sie kleine Theater daraus, in die man durch ein Guckloch hineinlinsen kann. Oder sie erzählt Geschichten, so wie beim lesbaren Bild „Rosen und Paprika“, auf dem ein Eselchen die Hauptrolle spielt. Rund 50 dieser Kunstwerke kann man seit dem Wochenende an den Wänden im Kulturhaus Schwanen Waiblingen sehen, alle stehen zum Verkauf.

Manchmal muss sie heftig feilschen

Der Reiz der Exotik, der fremden Länder, aus denen die Kisten kommen, fasziniert Renate Busse, und „die völlig verrückte Typografie, die prägnanten Bilder“. Einprägsam, fast wie ein Logo, das müssen die Bildchen sein – schließlich soll man möglichst auf den ersten Blick erkennen, was in der Kiste steckt. „Und zwar auf jedem Markt in jedem Land“, sagt Renate Busse, die in den vergangenen 20 Jahren mit ihrer Leidenschaft auf dem ein oder anderen Marktplatz dieser Welt durch heftiges Feilschen Aufsehen erregt hat. Denn wenn sie sich in eine Kiste verliebt hat, dann gibt es kein Halten mehr.

So mancher Marktverkäufer macht sich einen Spaß daraus zu testen, wie weit die Liebe der Kistenfreundin reicht. „In Venedig gab es zum Beispiel ein großes Spektakel, weil ich unbedingt eine Kiste wollte, die noch halb voll war“, berichtet Renate Busse, lacht, und sagt, die Kistenbeschaffung sei „sehr kommunikativ, man muss ja fragen“. Häufig aber sind die Transportkisten eine leichte Beute, schließlich wandern sie, sobald sie leer sind und ihren Zweck erfüllt haben, meist direkt in den Müll.

Nagellack und Acrylfarbe statt Öl

Dass sich aus Abfall kleine Kunstwerke erschaffen lassen, fasziniert Renate Busse, die mit ihrer Kunst aus Obstkisten das heute allseits bekannte Upcycling lange vorweggenommen hat. Ihre erste Ausstellung mit dieser „Kunst zum Anfassen“ hat vor Jahren in New York stattgefunden, bis nach Japan ist die Kistenkunst im Gepäck eines Käufers gereist. Häufig zierten diese Objekte Küchenwände, berichtet Renate Busse, die das völlig in Ordnung findet: „Das ist eine nette Sache, die nicht den Anspruch hehrer Kunst hat, aber trotzdem nicht anspruchslos ist.“

Für Busse, die sonst meist mit Ölfarbe zugange ist, sind die Obstkisten „Spielmaterial, mit dem ich mein Repertoire auf kleinem Format austesten kann“. Das ist ein Vorteil gegenüber der großen weißen Leinwand, ein weiterer sei, dass man durch die aufgedruckten Motive immer eine Vorgabe habe. Die Kistenkunst „regt Leute an, selbst zu gucken. Sie öffnet die Augen für Dinge, die auf den Müll wandern“, sagt Busse, die stets mit Zange und Schraubenzieher reist, um Kisten, die sie im Ausland ergattert hat, an Ort und Stelle zerlegen zu können. Unvergesslich ist für sie eine Reise nach Thessaloniki, wo sie einen Teil ihrer Arbeiten ausstellte. „In Griechenland gibt’s wunderschöne Kisten, aber die kommen meist gar nicht aus dem Land raus.“ Ein Glück, dass ihre Ausstellung per Spedition von Schorndorf nach Thessaloniki und zurück reiste: „Da konnte ich den Lastwagen auf der Rückfahrt vollladen, ich hab’ jede Menge Kisten rausgeholt und in meinem Fundus.“ Das ist gut so, denn das Material wird knapper: „Oft wird nur noch Pappe verwendet oder bloß Schrift aufgedruckt. Den kleinen Esel zum Beispiel, den gibt es nicht mehr.“

Hier kann man die Objekte sehen

„Kunst aus der Kiste“ ist bis zum 7. November im Kulturhaus Schwanen in Waiblingen, Winnender Straße 4, zu sehen. Man kann die Objekte montags bis freitags von 9 bis 16 und von 17 bis 22 Uhr anschauen, samstags von 17 bis 22 Uhr.

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