Der Holzfasskeller der Remstalkellerei mitten in Beutelsbach gilt als der größte seiner Art in ganz Württemberg Foto: /Gottfried Stoppel

Über die Remstalkellerei dürfe nicht nur schlecht geredet werden, mahnt der Beutelsbacher Pfarrer Rainer Köpf. Es folgt ein gezielt positives Gespräch über die kommunale Bedeutung der Genossenschaft mit OB Michael Scharmann und Alt-OB Hofer.

Weinstadt - Wir müssen auch mal gut reden über die Remstalkellerei“ – der Satz hängt quasi wie der bittende Entwurf eines neuen Paradigmas schwer im Raum im Heiligenkeller unter dem Alten Rathaus in der Beutelsbacher Stiftsstraße. Es ist der evangelische Beutelsbacher Pfarrer Rainer Köpf, der das Eingangsplädoyer hält, die kommunal und fürs Remstal wichtige Großgenossenschaft positiv zu sehen. Auch als solidarischer Beitrag zu deren 80. Geburtstag, der in diesem Frühsommer eigentlich hätte gefeiert werden können. Pfarrer Köpf, der seit 2016 amtierende Weinstädter Oberbürgermeister Michael Scharmann sowie der Alt-OB Jürgen Hofer (Amtsjahre 1975 bis 2000) haben Vertreter der Remstalkellerei bewusst nicht eingeladen zum erklärtermaßen nicht objektiven Pressegespräch. „Es soll hier nicht um die wirtschaftlichen Probleme gehen“, heißt es.

Einst hat es in der Remstalgenossenschaft 21 Weinkeltern gegeben

Ganz ausblenden lassen die sich aber natürlich nicht Schließlich ist die Remstalkellerei im 80. Jahr ihres Bestehens in eine existenzielle Krise geschlittert. Zeitweise bis auf Null reduzierte Auszahlungen an die Wengerter, Austritt ganzer Ortsgenossenschaften, dazu ein neu besetzter Vorstand und Aufsichtsrat, der buchstäblich gegen das drohende Aus kämpft. Das Aus für eine einst mit rund 2500 Weinbauern fast 900 Hektar Rebfläche bewirtschaftende Dachorganisation von rund einem Dutzend Ortsgenossenschaften zwischen Stetten, Winnenden und Remshalden. Eine echte Institution im Remstal – zumindest in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die einst mit großem örtlichem Stolz genannte Zahl von zeitweise 21 Weinkeltern soll heute – was seit Jahren nicht gelingen will – endlich von aktuell acht auf eine einzige, effizient nutzbare und zeitgemäße Zentralkelter reduziert werden. Der Hauptsitz in Beutelsbach, der sowohl in verkehrlicher Hinsicht als auch für die Vermarktung problematisch ist, steht zum x-ten Mal zur Disposition.

Angesichts der Abwanderungsbeschlüsse ganzer Ortsgenossenschaften zu Privatkellereien oder zur Möglinger Zentralgenossenschaft (WZG), droht aktuell die Reduzierung auf gut 400 Hektar. Und außerhalb des Remstals oszilliert der Ruf der Remstalkellerei irgendwo zwischen Mitgefühl für nicht ausschließlich, aber seit längerem auch hausgemachte wirtschaftliche Wirren zum einen, und Häme wegen ganz spezifischer Misswirtschaft im Vermarktungsbereich sowie Fehlgriffen wie der so genannten Goldbarrenaffäre zum anderen. Da haben im vergangenen Jahr Betrüger die Remstalgenossen doch tatsächlich um Barren im Wert von rund 35 000 Euro erleichtert, die als „Vorauszahlung“ verschickt worden waren.

Gut reden ohne Schönreden also eben wegen schlechter Umstände, das fordern die drei Fürsprecher der 80 Jahre alten Solidargemeinschaft der meistenteils im Nebenerwerb aktiven Weinmacher. Über eine Situation die, so Pfarrer Köpf, „schon großes Leiden verursacht hat in vielen Wengerterfamilien“. Da entstünde das Gefühl, dass eine Institution, mit der sie sich seit vielen Jahren identifizierten, höchst ungerecht behandelt werde. Nebenbei outet sich der Pfarrer als Anhänger der genossenschaftlichen Wirtschaftsform, die in Zeiten von Corona als solidarisches Zusammenstehen an Wichtigkeit gewinne. Auch dann, wenn – wie er zumindest teilörtlich eingesteht – das Genossenschaftsdenken bei immer mehr „Genossen“ eher umschlägt, und die sich eher als schlecht bezahlte Dienstleister für „die in Beutelsbach“ – sprich: die selbst gewählte Remstalkellereiführung – fühlen.

Ex-OB Hofer: Hoffnung auf einen Bewusstseinswandel

Hoffnung auf einen Bewusstseinswandel hat der Ex-OB Jürgen Hofer. Bei Verkäufen von Anbaufläche durch Genossenschaftswengerter möge man künftig genauer hinzuschauen. Oft seien Weinberge an den Meistbietenden verkauft worden. Auf diese Weise habe die Remstalkellerei meist den Kürzeren gezogen. Mit Blick auf die mit der Corona-Krise wieder ins Bewusstsein rückende Solidarität in der Gesellschaft, wolle er für einen solche Wandel kämpfen. Im Übrigen habe die Remstalkellerei gerade für Weinstadt als zusammenwachsendes Gemeinwesen immer eine tragende Rolle gespielt. Ein Ende der Bewirtschaftung der im Rahmen der Rebflurbewegung geschaffenen Kulturlandschaft sei gesellschaftlich, wirtschaftlich und touristisch im Remstal schlicht nicht denkbar. Nicht umsonst sagten selbst die Privatvermarkter: „Wir brauchen die Remstalkellerei.“ Klar sei aber: Ihre wirtschaftlichen Probleme, die müsse die Remstalkellerei dringend selbst lösen.

Um die kommunal und remstalweit wichtige Großgenossenschaft zu unterstützen, werde die Stadt Weinstadt zu deren 80. Geburtstag vom 17. Oktober an im Württemberg-Haus in Beutelsbach eine Sonderausstellung präsentieren, sagte Weinstadts Oberbürgermeister Michael Scharmann. Dort würden dann alte und neuere Gerätschaften sowie historische Fotos und Dokumente zur Kellereigeschichte gezeigt. Die Ausstellung samt Rahmenprogramm und Sonderführungen werde voraussichtlich bis zum 28. Februar nächsten Jahres zu sehen sein.

Er sei im Übrigen, sagt Scharmann, völlig begeistert von den seit Ende März gebotenen virtuellen Weinproben der Remstalkellerei, die ein großer Publikumserfolg seien. Da zeige sich, dass Anstrengungen unternommen würden, die Wende zum Besseren zu schaffen. Das Schlusswort zum Weinstädter Gute-Rede-Appell formulierte schließlich der Beutelsbacher Pfarrer bei einem Schluck des in der Kellerei ausgebauten städtischen Ratstrunks: „Ich bin stolz auf unseren Wein.“

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