Der Standort in Weinstadt-Beutelsbach sollte an einen Wohnbauträger gehen. Foto: Gottfried Stoppel

Um den 25 Millionen Euro teuren Standort in Grunbach zu finanzieren, wollte die Remstalkellerei unter anderem den bisherigen Sitz in Beutelsbach versilbern. Doch aus dem erhofften Befreiungsschlag für mehr Qualität und geringere Kosten wird nichts.

Erst ein paar Wochen ist es her, dass die Wengerter in Fellbach ein reichlich langes Gesicht gezogen haben. Die Traubengelder halten unterm Kappelberg mit der Kostenexplosion für Lebensmittel, Energie und Sprit nicht mehr Schritt, unterm Strich haben die Erzeuger immer weniger Geld in der Tasche. Und: Besser wird es eher nicht mit dem Lohn für die Schinderei. Weil bei der Abrechnung jetzt mengenmäßig eher dürftige Jahrgänge anstehen, werden die in Fellbach bisher üblichen Erlöse wohl in den Keller gehen. „Mr sodd’s grad bleiba lassa“, grummeln sowohl die vom Weinbau lebenden Familien als auch ihre im Nebenerwerb durch den Rebhang stapfenden Kollegen.

 

Dabei ist Fellbach im Weinbau so etwas wie die Insel der Glückseligen. Durch einen guten Ruf und hohe Qualität ist der lokalen Genossenschaft das Kunststück geglückt, ihren Litererlös auf 4,58 Euro zu steigern. Das ist ein Zuwachs um satte 18 Cent – und in Zeiten, in denen der Weinmarkt bundesweit zweistellige Minusraten verzeichnet, ein echtes Ausrufezeichen. Auch von den in Fellbach erzielten Traubengeldern können andere Regionen noch nicht mal träumen.

Trotz klimatisch bester Voraussetzungen stimmt es finanziell einfach nicht

Bei knapp 19 000 Euro liegt der durchschnittliche Hektarerlös unterm Kappelberg – andere Betriebe wären schon froh um einen Bruchteil dieser Auszahlungsbeträge. Bestes Beispiel, dass es auch deutlich schlechter laufen kann, ist die nur ein paar Kilometer weiter in Weinstadt sitzende Remstalkellerei. Weil es trotz klimatisch bester Voraussetzungen finanziell einfach nicht stimmt, kehren die Mitglieder der in einen Schlingerkurs geratenen Genossenschaft in Scharen den Rücken.

Ähnlich wie bei den Kollegen von der Bottwartalkellerei ist auch das Image der Remstal-Wengerter auf einem Tiefpunkt angelangt. Weil das ausbezahlte Traubengeld vielfach noch nicht mal die Betriebskosten deckt, hat sich nicht nur die Genossenschaft in Winnenden aus dem Remstal-Verbund verabschiedet, auch Korb und Steinreinach liefern ihre Trauben nach der Weinlese lieber in Möglingen bei der württembergischen Zentralgenossenschaft WZG ab, als länger auf einen wirtschaftlichen Aufschwung bei der Remstalkellerei zu hoffen.

Der Aderlass bei der Rebfläche nimmt immer größere Dimensionen an

Die Wengerter in Stetten haben ihr Heil sogar ganz jenseits genossenschaftlicher Strukturen gesucht – und sich der privat geführten, aber offenbar deutlich erfolgreicher arbeitenden Weinkellerei Kern im Industriegebiet von Rommelshausen angedient. Der Aderlass ist so groß, dass die bei der Remstalkellerei gelistete Anbaufläche auf mittlerweile nur noch 340 Hektar geschrumpft ist. Zum Vergleich: Die Fellbacher Weingärtner, von der wirtschaftlichen Entwicklung der Branche wie erwähnt ebenfalls nicht gänzlich verschont, weisen bereits 185 Hektar genossenschaftliche Rebfläche aus – von den Weinbergen der Aldingers, Schnaitmanns und Heids ganz zu schweigen.

Im Remstal hingegen wird inzwischen schon die Sorge laut, dass der Niedergang der Remstalkellerei nur noch eine Frage der Zeit sein könnte. Denn auch die jüngste Hiobsbotschaft aus Weinstadt lässt wenig Hoffnung, dass es mit dem Genossenschaftsbetrieb wieder aufwärtsgehen könnte. Nach wochenlangem Dampf in der Gerüchteküche ist inzwischen klar, dass auch der geplante Neubau einer zentralen Kelter im zu Remshalden zählenden Grunbach vom Tisch ist – und für die Remstalkellerei auch der seit Jahren erhoffte Befreiungsschlag in Sachen Weinqualität und Effizienz ausbleiben wird.

Noch in diesem Jahr sollten die Bagger für den zentralen Kellereibetrieb anrollen

Geplant war eigentlich, dass noch dieses Jahr die Bagger für einen ebenso modernen wie zentralen Kellereibetrieb anrollen. In einem ersten Bauabschnitt sollten zunächst die Erfassungsstation und die Kelter errichtet werden, später dann auch Logistik und Kommission, Verwaltung und Barverkauf nachziehen. Zwischen 20 und 25 Millionen Euro wollte die Remstalkellerei in das Grunbacher Mammutprojekt investieren – und im Herbst 2024 auch den ersten am neuen Standort erfassten Jahrgang einlagern.

Doch der Traum von der neuen Zentralkelter – von den verbliebenen Mitgliedern mit überwältigender Mehrheit abgesegnet – scheint nun geplatzt zu sein. Denn bezahlt werden sollte das Großprojekt in Grunbach mit dem Verkauf von Grundstücken. Neben den Standorten in Beutelsbach und Grunbach besitzt die Remstalkellerei noch die Ortskeltern in Großheppach, Schnait, Strümpfelbach und Endersbach. Nicht auf der Rechnung hatte die Geschäftsführung, dass es mit der Energiekrise auch zu einer Explosion der Baupreise und stark steigenden Zinsen kommen könnte – und der Wohnungsmarkt selbst in der Region Stuttgart eine Verschnaufpause machen muss.

Die erhofften Grundstückserlöse ließen sich offenbar nicht mehr erzielen

Die gerade beim Verkauf des Areals in Beutelsbach an einen Wohnbauinvestor erhofften Erlöse jedenfalls ließen sich offenbar nicht erzielen – weshalb auch der erhoffte Qualitätssprung ausbleiben wird. „Riesige Synergieeffekte“ hatte der Remstalkellerei-Vorstandschef Peter Jung noch vor einem Jahr versprochen, durch die Zentralisierung gebe es nicht nur einen besser genutzten Maschinenpark und Vorteile bei der Personalplanung während der Lesezeit. Die neue Effizienz werde sich auch aufs Traubengeld niederschlagen – und dafür sorgen, dass auf zur Genossenschaft gehörenden Rebhängen auskömmlich gearbeitet werden kann.

Dass sich diese Hoffnung durch die nicht gesicherte Finanzierung zerschlagen hat, wurde Ende Juni wenigstens den Wengertern mitgeteilt. In einem Mitglieder-Rundbrief gab die Remstalkellerei die geplatzten Pläne bekannt. Eine Information der Öffentlichkeit sparte sich die Genossenschaft – dass es nichts wird mit dem Neubau in Grunbach wurde eher nebenbei in einem Unterausschuss des Weinstäder Gemeinderats bekannt. Gerätselt wird jetzt, ob auch der deutlich kleinere Standort in Schnait für den Bau einer zentralen Kelter ausreichen würde – oder mehr Trauben als bisher an die Weinmacher der Möglinger WZG geliefert werden. Ob das jenseits von Weinqualität und Geschmacksfragen zu besseren Erlösen für die Remstal-Wengerter führen wird, ist offen.