Remstal-Rebell Helmut Palmer auf jener Leiter, nach der jetzt seine Tochter Gudrun Mangold fahndet. Foto: Gottfried Stoppel/Archiv

Gudrun Mangold sucht die legendäre Obstleiter ihres Vaters Helmut Palmer. Eine Geschichte über Streuobstwiesen, schwäbischen Eigensinn – und ein fast verschwundenes Kultobjekt.

Die Leiter ist weg. Nicht irgendeine Leiter. Sondern jene Holzleiter, auf der Helmut Palmer stand, wenn er oben in den Kronen der Kirschbäume predigte wie andere auf Kanzeln. Eine Leiter mit zwei frei beweglichen Stützen, gebaut für steile Hänge, nasse Wiesen und jene schwäbischen Obstgärten, die sich an die Hügel des Remstals klammern wie Moos an Trockenmauern.

 

Jetzt sucht seine Tochter Gudrun Mangold diese Leiter. Mit Hartnäckigkeit. Mit Herzblut. Und mit dem Gefühl, dass da mehr verloren gegangen ist als nur ein Werkzeug. Die Journalistin und Autorin arbeitet laut eigenen Angaben derzeit an einer filmischen Dokumentation über die traditionelle Obstleiter im württembergischen Streuobstbau – ein Stück Handwerkskultur, das langsam verschwindet wie alte Dialektwörter oder Dorfschmieden.

Helmut Palmer hätte darüber vermutlich geflucht. Laut. Und wortgewaltig.

Palmers Leiter: Ein Unikat für steile Obstwiesen

Wer heute durch Baumärkte läuft, findet Aluminiumleitern, teleskopierbar, genormt, geschniegelt. Aber Palmers Leiter war ein Geschöpf aus Holz, Eisen, Erfahrung und Geländegefühl. Sie war gemacht für Stücklesbesitzer, die nicht auf Golfplätzen ernten, sondern auf schrägen Obstwiesen zwischen Wühlmäusen und Disteln.

Vor allem an Kirschbäume, erklärt Gudrun Mangold, dürfe man keine gewöhnliche Leiter anlehnen. Das Holz schlitze leicht. Immer wieder habe es schwere Unfälle gegeben. Die traditionelle Obstleiter dagegen steht frei. Zwei bewegliche Stützen krallen sich mit Metallspitzen in den Boden. Die Leiter lässt sich in sogenannte „Leitergassen“ stellen – jene freien Schneisen, die beim Palmer-Schnitt bewusst angelegt werden.

Denn Helmut Palmer dachte Obstbau nie halb. Bei ihm gehörte alles zusammen: der Schnitt, die Leiter, das Werkzeug, die Haltung zum Leben.

Der „Remstal-Rebell“: Helmut Palmers laute Stimme und Visionen

Helmut Palmer war kein Mann für halbe Lautstärken. Der „Remstal-Rebell“, wie ihn die Region bis heute nennt, war Obstbaulehrer, Bürgerrechtler, Provokateur, Prediger, Querkopf. Einer, der auf Wahlveranstaltungen wetterte, gegen Behörden stritt und gleichzeitig mit leuchtenden Augen erklären konnte, wie ein Baum „atmen“ müsse.

Helmut Palmer in seinem Element Foto: Gottfried Stoppel/Archiv

Wie die Lokalzeitung zum 20. Todestag Palmers vor anderthalb Jahren trefflich schrieb, verband er „den moralischen Furor eines Bußpredigers mit dem grimmigen Witz eines Thomas Bernhard“. Wer ihn erlebt hat, vergaß ihn nicht. Palmer war kein Mann, der den Raum betrat. Er fiel hinein wie ein Sommergewitter.

Und immer dabei: seine Leiter.

Gudrun Mangolds Suche: Wettlauf gegen das Vergessen der Obstleiter

Dass Gudrun Mangold die Leiter ihres Vaters sucht, ist deshalb mehr als nostalgische Familiensache. Es ist ein Wettlauf gegen das Vergessen.

Denn die klassische zweistützige Obstleiter verschwindet tatsächlich aus dem Land. Wie Mangold berichtet, sei der Beruf des Wagners praktisch ausgestorben. Jahrzehntelang bauten Handwerker diese Spezialleitern aus leichtem Holz, angepasst an Hanglagen und Streuobstwiesen. Heute gebe es in Baden-Württemberg nur noch wenige Betriebe, die überhaupt noch ähnliche Modelle herstellen.

Und selbst dort hat sich vieles verändert. Moderne Sicherheitsvorschriften zwangen Hersteller zu starren Konstruktionen und Aluminiumteilen. Alte Obstbauern schütteln darüber den Kopf. Die neuen Leitern seien sicherer auf dem Papier, sagen viele – aber weniger brauchbar auf der Wiese.

Helmut Palmer hätte dazu vermutlich einen zweistündigen Monolog gehalten.

Die Leiter mit der Narbe

Das Faszinierende an der Suche: Diese Leiter lässt sich erkennen. Sofort. Wie Gudrun Mangold schreibt, wurde ein Holm im oberen Bereich repariert – von Wagner Anton Schmuck. Eine sichtbare Narbe im Holz. Kein Serienprodukt. Kein austauschbarer Gegenstand. Sondern ein Unikat mit Geschichte.

Vielleicht steht sie heute in irgendeinem Schuppen zwischen Mostfässern und alten Rechen. Vielleicht lehnt sie vergessen hinter einer Garage im Rems-Murr-Kreis. Vielleicht benutzt sie noch jemand zur Kirschenernte, ohne zu ahnen, dass darauf der berühmteste Obstbau-Rebell Süddeutschlands stand.

Gudrun Mangold hofft nun auf Hinweise aus der Bevölkerung. Und nicht nur auf die Leiter selbst. Auch alte Filmaufnahmen ihres Vaters sucht sie. Videos von Schnittkursen. Szenen aus Obstwiesen. Bilder eines Mannes, der Bäume behandelte wie Persönlichkeiten.

Wanted: Wo ist Palmers Leiter?

  • Gesucht wird die originale Obstleiter von Helmut Palmer.
  • Holzleiter mit zwei beweglichen Stützen
  • Reparierter Holm im oberen Bereich nahe des Beschlags
  • Reparatur durch Wagner Anton Schmuck
  • Vermutlich verkauft im Raum Geradstetten/Rems-Murr-Kreis
  • Auch gesucht: Videoaufnahmen von Helmut Palmer bei Schnittkursen oder auf Obstwiesen
  • Kontakt: gudrunmangold@t-online.de

Gudrun Mangold beschäftigt sich seit über 20 Jahren publizistisch mit dem Werk ihres Vaters. In ihren Büchern über den „originalen Palmer-Schnitt“ beschreibt sie nicht nur Schnitttechniken, sondern auch das Wissen rund um Werkzeug, Landschaft und Streuobstkultur.

Gudrun Mangold beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren publizistisch mit dem Werk ihres Vaters. Foto: Philipp Rothe

Das klingt zunächst nach Spezialthema. Ist es aber nicht. Denn hinter dieser Leiter steckt eine viel größere Geschichte: die Frage, was von einer Kultur bleibt, wenn ihre Werkzeuge verschwinden. Wenn niemand mehr weiß, warum Holz im Winter wärmer ist als Aluminium. Warum eine Leiter bewegliche Stützen braucht. Oder warum man Kirschbäume nicht verletzt.

Die Suche nach Palmers Leiter ist deshalb auch eine Suche nach Erinnerung. Nach Handwerk. Nach einem anderen Verhältnis zur Landschaft.

Und vielleicht passt genau das zu Helmut Palmer. Selbst zwanzig Jahre nach seinem Tod sorgt er noch dafür, dass Menschen im Remstal in Scheunen nachsehen, alte Fotos durchblättern und sich fragen: „Könnte das nicht seine gewesen sein?“