Der Ziegenauftrieb mit Goiser Heiner Negele führt bei schönstem Frühlingswetter von Rommelshausen auf den Fellbacher Hausberg. Dort gibt’s Infos zum Naturschutz – und Ziegenwürstchen.
Die Älteren werden sich vielleicht noch an Wolfgang Ambros’ Kult-Musical „Der Watzmann ruft“ vor 52 Jahren erinnern, in dem es lautstark hieß: „I muaß aufi, aufi aufn Berg!“ Am Samstag geht es von Kernen aus auch aufi – allerdings nicht auf den Gipfel der etwa 240 Kilometer entfernten Berchtesgadener Alpen, sondern nicht ganz so steil auf den Fellbacher Kappelberg.
Anlass ist der Ziegen- und Goisauftrieb, bei dem stets im Frühjahr die Ziegen hinaufgeführt werden, wo sie auf der Steppenheide des Kappelbergs als tierische Rasenmäher gefordert sind. Die dortige Kulturlandschaft ist ein ganz wichtiger Ort für die heimische Flora und Fauna – und die Geißen sind dank ihrer biologischen Mähfähigkeiten weit besser geeignet für eine schonende Pflege als irgendwelche Maschinen.
Das Interesse ist groß: 70 Zweibeiner begleiten 60 Vierbeiner
Das Interesse an der gemeinsamen Wanderung ist deutlich stärker als die Organisatoren erwartet haben: rund 70 Zweibeiner haben sich am Stadion in Rommelshausen eingefunden, darunter etliche Familien mit Kindern, andere haben ihren Hund mit dabei, um den „Goiser“ Heiner Negele und dessen Ziegenherde zu begleiten.
Bei bestem Wetter – rund 22 Grad Celsius und einem nur gelegentlich durch ein paar Wölkchen verdeckten Sonnenschein – herrschen beste äußere Bedingungen für die 70 Zweibeiner und 60 Vierbeiner, die braun-weißen Burenziegen der Familie Negele aus Aichwald. Vor ihnen liegt eine knapp vier Kilometer lange Strecke – doch bis zum Kappelberg auf 469 Metern Höhe sind es immerhin fast 240 Höhenmeter.
Die Fellbacherin Gertrud Lachenauer kann das nicht schrecken. Gemeinsam mit einer Freundin ist sie bereits von zu Hause nach Rommelshausen gepilgert, also auch schon zu Fuß. Und jetzt wandert sie noch die vier Kilometer den Berg hoch und später wieder ins Fellbacher Oberdorf. Das macht in der Summe rund zwölf Kilometer – kein Problem, sagt die 81-Jährige und klatscht ihre Walking-Stöcke gegeneinander. „Ich habe mich die ganze Woche auf heute gefreut“, sagt sie im Plausch mit Heiner Negele, nachdem sie kürzlich vom Ziegenauftrieb in der Zeitung gelesen hatte.
Doch genug geplaudert, allmählich ist Zeit zum Aufbruch. Negele senior setzt seine beiden Hütehunde in Gang – den Chef Ingo und dann noch Ulig, „der ist der Lehrling“, und hinter der Herde hat Negeles Sohn Wilhelm Amadeus alles im Blick. Gut eineinviertel Stunden dauert der Marsch hinauf auf den Kappelberg, anfangs geht’s eher sanft bergan, am Ende auf der Straße am Fellbacher Waldschlössle entlang recht steil. „Da habe ich schon ein wenig meine Oberschenkel gespürt“, sagt Gertrud Lachenauer wenige Minuten später am Ziel.
Hier, auf der Ebene, mit dem prächtigen Blick hinunter zum Stadion und zum Gaskessel oder bis hinauf zum Fernsehturm, sind die menschlichen Begleiter am Zielort angekommen und dürfen ihre Rast einlegen. Für die tierischen Wanderer geht’s noch ein paar Meter weiter hinauf zur Steppenheide, ihrem „Mähgebiet“, das durch einen Elektrozaun geschützt ist.
„Hier werden die Ziegen etwa zwei Wochen bleiben“, sagt Gundis Steinmetz, die bei der Stadt Fellbach zuständig ist für die Themen Landschaftsplanung und Naturschutz. Zugleich ist sie eine der Organisatorinnen des Programms.
Auf der Steppenheide sind die Tiere in diesen 14 Tagen auch geschützt vor neugierigen Menschen. Um ungestört ihrem Mähauftrag nachgehen zu können, ist das Gebiet umzäunt, der Zufahrtsweg ist durch stabile Querstangen aus Metall abgesperrt, damit keine Spaziergänger oder Radfahrer passieren können.
Auf der Ebene bei den Mitwanderern ist derweil der Informationstag voll im Gang und lockt auch viele weitere Neugierige an – darunter etliche, die sich für ihren Nachmittagsspaziergang im Sonnenschein den Kappelberg ausgeguckt haben und zufällig hier vorbeikommen.
„Fellbach blüht“ heißt es auch auf dem Kappelberg
Für sie haben die Veranstalter ein besonderes Programm ausgedacht. Vertreter des Naturschutzbundes sind da und präsentieren ihre Aktion „Rebhuhn retten – Vielfalt fördern“. Es geht um Wildbienen wie die Blauschwarze Holzbiene als „Sanfte Riesin“. Und Vertreter die Stadt wollen unter dem Motto „Fellbach blüht“ den sogenannten grünen Daumen stärken und haben dafür eine dicke Gartenmappe zusammengestellt. Dazu serviert die Familie Negele ihre leckeren Ziegenwürstchen.
Und am späteren Nachmittag steht für alle steht fest: Das war ein tierisch guter Nachmittag mit Wanderung vom Remstal hinauf zum Fellbacher Haushügel mit bester Perspektive aufs Neckartal.
Und welchen Wohlklang besitzt doch dieses Gemecker auf dem Kappelberg. Denn die Ziegen, das sind, wie es auf einem ausgelegten Prospekt heißt, die „grünen Helden im Einsatz für den Naturschutz“.