Die Kreisbehörde will auf das Unkrautvernichtungsmittel verzichten. Foto: dpa-Zentralbild

Der Kreis will das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel nicht mehr verwenden, es aber auch nicht verbieten.

Waiblingen - Ein Antrag der SPD im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistags hat unlängst einige Räte mächtig in Wallung gebracht. Die Genossen hatten gefordert, den Landkreis zu einer glyphosatfreien Zone zu erklären. Die chemische Verbindung aus der Gruppe der Phosphonate, die vor allem in Unkrautvernichtungsmitteln zum Einsatz kommt, steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Dennoch kam der Vorstoß der Genossen, das „Agrar-Umweltgift“ aus dem Kreis zu verbannen, insbesondere bei den Christdemokraten im Ausschuss nicht gut an.

Gängelung der Landwirtschaft?

„Mich ärgert, dass wir hier über Dinge diskutieren, für die wir gar nicht zuständig sind“, echauffierte sich der Großerlacher Bürgermeister und CDU-Rat Christoph Jäger, um aber im gleichen Atemzug anzumerken, dass die Sache nicht richtig zu Ende gedacht sei und Stichworte wie Ertragsausfälle, Preissteigerungen und das Problem des Welthungers dagegen zu halten. „Wir alle wünschen uns glyphosatfreie Lebensmittel“, konstatierte Jäger, wandte sich aber wie auch der Schorndorfer Landwirt Hermann Beutel (CDU) gegen eine „Gängelung der heimischen Landwirtschaft“. Ganz ohne gehe es dort nämlich nicht, befand der Fellbacher FDP-Kreisrat Peter Treiber, der ebenfalls Landwirt ist. Der Aufwand wäre ungleich höher und würde vom Verbraucher nicht honoriert, so Treiber zu einem kompletten Verzicht.

Das Mittel wird kreisweit eingesetzt

Glyphosat kommt laut dem Ersten Landesbeamten Michael Kretzschmar in der Landwirtschaft im Obst- und im Weinbau nahezu im ganzen Kreisgebiet zum Einsatz, ausgenommen seien rund elf Prozent ökologisch bewirtschaftete Flächen. Doch die Landwirtschaft sei nicht der alleinige Nutzer. Auch private Haushalte griffen auf glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel zurück. Und an Bahngleisen werde regelmäßig Unkraut auf diese Weise vernichtet. Das Verkehrsministerium, so eine Antwort auf Kretzschmars Anfrage, halte das zurzeit für eine alternativlose Methode.

Ein Verbot im Kreis ist rechtlich nicht möglich

Ein generelles Verbot auf Kreisebene könne aber auch aus rechtlichen Gründen gar nicht angeordnet werden, weil die Europäische Union den Wirkstoff gerade erst für weitere fünf Jahre zugelassen habe. Dennoch, so der Erste Landesbeamte, wolle die Kreisverwaltung „da etwas machen, wo wir können“, um ihrer Vorbildfunktion gerecht werden, wie der Landrat Richard Sigel ergänzte. So soll künftig bei der Pflege kreiseigener Liegenschaften und entlang von Kreisstraßen freiwillig auf das umstrittene Mittel verzichtet werden. Außerdem wolle man Mitarbeiter der kommunalen Bauhöfe entsprechend schulen und die Öffentlichkeit mit Aktionen und Veranstaltungen für das Thema sensibilisieren.

Belehrung vom Oberlehrer?

Damit kann auch der Schorndorfer Landwirt Hermann Beutel leben. Er machte indes noch einmal deutlich, dass er die Art der von der SPD losgetretenen Diskussion mit „erhobenem moralischen Zeigefinger“ für kropfunnötig hält. „Die Kollegen brauchen keine Belehrung von einem Oberlehrer“, sagte Beutel mit Blick auf den SPD-Fraktionschef und pensionierten Oberstudienrat Klaus Riedel. Der indes resümierte süffisant, alles richtig gemacht zu haben: „Die Diskussion hat gezeigt: Der Antrag war notwendig.“

Umstrittener Wirkstoff

Glyphosat
Die chemische Verbindung Glyphosat kommt seit Mitte der 1970er-Jahre als Hauptkomponente in Unkrautvernichtungsmitteln zum Einsatz, in der Landwirtschaft, im Gartenbau, der Industrie und Privathaushalten.

Gefahr
Eine europäische Bürgerinitiative hat 2015 mit mehr als einer Million Unterstützerunterschriften das Verbot von Glyphosat gefordert. Hintergrund ist die Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung als „wahrscheinlich krebserzeugend“. Naturschützer machen es maßgeblich für ein Artensterben in der Agrarlandschaft verantwortlich.

Abstimmung
Ende des vergangenen Jahres hat sich das Europäische Parlament zwar mehrheitlich für ein endgültiges Verbot des Herbizids bis Ende 2022 ausgesprochen. Der Beschluss ist jedoch noch nicht verbindlich und sichert die Zulassung für mindestens weitere fünf Jahre.

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