Am Rems-Murr-Klinikum ist eine Milchbank für Muttermilch eingerichtet worden, die auch frühgeborene Babys in den Genuss des Super-Foods kommen lässt. In der Region sucht man ähnliche Einrichtung vergeblich – weil mit der Milch kein Geld verdient ist.
Als Janaina Rauch das Licht der Welt erblickt hat, war Muttermilch unter Geburtsmedizinern noch verpönt. Von der Ernährung an der Brust hielt die Ärzteschaft herzlich wenig. Eine Geburt galt dann als erfolgreich, wenn sie zeitlich planbar und entweder medikamentös eingeleitet oder per Kaiserschnitt vollzogen wurde. Müttern wurde mehr oder weniger vermittelt, dass ein Fläschchen mit angerührtem Pulver für den Säugling das einzig Wahre sei.
Das hat sich geändert, auch weil Frauen wie Janaina Rauch sich mit der geltenden Lehrmeinung nicht abfinden wollten. Für die Oberärztin für Kinder- und Jugendmedizin am Rems-Murr-Klinikum in Winnenden stellt Muttermilch für Babys nämlich keineswegs eine Ernährung zweiter Wahl, sondern ein regelrechtes Superfood dar. Wer von Anfang an mit Muttermilch verköstigt wird, ist aus ihrer Sicht als Erwachsener nicht nur besser vor Übergewicht, Diabetes und Allergien geschützt, sondern bekommt es auch seltener mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu tun. „Muttermilch ist ein natürlicher Booster, der das Immunsystem und die Gesundheit von der ersten Lebensminute an nachweislich unterstützt“, sagt Janaina Rauch – und verweist auf eine verbesserte Immunabwehr, die Stabilisierung des Blutzuckerspiegels und den Schutz vor Infektionen im bei Säuglingen besonders empfindlichen Magen-Darm-Trakt.
Längst nicht jedes neugeborene Kind kommt in den Genuss des Super-Foods
Das Problem bei der Muttermilch ist, dass längst nicht jedes der gut 3300 Babys, die im Winnender Krankenhaus pro Jahr zur Welt kommen, auch eine Chance auf die wertvolle Naturnahrung hat. Gerade frühgeborene Kinder gehen oft leer aus. Muttermilch „schießt“ normalerweise zwei bis vier Tage nach der Geburt ein, bei Frühgeburten kann es aber auch länger dauern, bis der Körper der Mutter die Produktion angeworfen hat.
Deshalb ist das Rems-Murr-Klinikum jetzt stolz, eine Starthilfe für die Allerkleinsten organisiert zu haben. Als eine der ersten Einrichtungen im Südwesten ist am Freitag auf Station 28 eine Milchküche eingeweiht worden, mit der eine Verteilung des Superfoods aus der weiblichen Brust möglich wird. In dem Raum lagert in fünf Tiefkühlschränken gespendete Muttermilch und schlummert bei minus 32 Grad ihrer Verwendung entgegen. Mehr als 300 Liter Muttermilch hat das Klinikum bereits gesammelt, bisher sind gut 150 Kinder in den Genuss der Extranahrung gekommen.
Die kostbare Rohmilch wird für die kleinsten Frühchen aufgespart
„Die allermeisten Frauen wollen stillen, aber manchmal klappt es eben nicht sofort. Deshalb verstehen wir unsere Unterstützung auch nicht als Dauerlösung, sondern als Überbrückung“, erklärt die Oberärztin das Modell. Je nach Reifegrad braucht ein Baby laut Janaina Rauch, selbst Mutter von drei Kindern, täglich bis zu 400 Milliliter Milch. Die Rohmilch enthält noch mehr wertvolle Inhaltsstoffe als die pasteurisierte Spendermilch, muss aber erst mit großem Aufwand aufbereitet werden. „Deshalb sparen wir die hochwertigste Milch auch für die besonders anfälligen kleinsten Frühchen auf“, sagt die Initiatorin der Muttermilchbank.
Mit der Einrichtung nimmt das Rems-Murr-Klinikum in Baden-Württemberg eine Vorreiterrolle ein. Ähnliche Sammelstellen gibt es bislang nur in Freiburg, Lörrach und Ulm. In der Region Stuttgart suchte man bisher vergeblich nach einer Klinik mit einem entsprechenden Angebot. Laut Janaina Rauch gehören deshalb auch die Kreiskrankenhäuser in Esslingen und Reutlingen zu den Abnehmern der im Rems-Murr-Kreis gelagerten Muttermilch. In Stuttgart gibt es den Wunsch, im Olga-Hospital ein vergleichbares Angebot aufzubauen. „Bei der medizinischen Strategie geht es nicht nur um Hightech, sondern auch um Gründergeist, gute Ideen und das Herzblut unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, lobt Rems-Murr-Landrat Richard Sigel die seit 2020 Zug um Zug aufgebaute Milchbank.
Kontrolle und Aufbereitung verursachen hohe Kosten
Weshalb die Krankenhaus-Landschaft bis jetzt eher zurückhaltend auf den Einsatz von Muttermilch reagiert, liegt auf der Hand: Geld ist mit dem Sammeln nicht verdient, die Kontrolle und Aufbereitung verursacht vielmehr hohe Kosten. Das Team der Milchbank muss schließlich nicht nur die Spenderinnen betreuen, sondern die Muttermilch auch pasteurisieren und auf Bakterien und Viren kontrollieren. Auch in Winnenden hätte es wohl keine Muttermilchbank gegeben, wenn die Eva-Mayr-Stihl-Stiftung den Aufbau nicht finanziell unterstützt hätte. 35 000 Euro gab es als Starthilfe. „Das Perinatalzentrum hat mich von Anfang an beeindruckt. Man sollte alles tun, um kleinen Menschen den Start ins Leben zu erleichtern“, sagt der Stifter Robert Mayr.
Neu ist die Idee einer Muttermilchbank übrigens nicht. Erste Sammelstellen wurden bereits vor mehr als 150 Jahren etwa in Wien oder in Magdeburg eingerichtet. Sie lösten das über Jahrhunderte gepflegte Modell ab, dass Ammen mit ihrer Milch die Kinder gut betuchter Zeitgenossen ernährten. Bezahlt wird modernen Spenderinnen in Winnenden übrigens nichts. Selbst eine Mutter aus Erlangen, die regelmäßig in den Rems-Murr-Kreis reist, um überschüssige Milch spendet, erhält laut Janaina Rauch noch nicht mal einen Zuschuss zu den Fahrtkosten.