Bernhard Fröhlich (53) ist Chefarzt der Gastroenterologie, Allgemeinen Inneren Medizin und Geriatrie an der Rems-Murr-Klinik in Schorndorf. Angela Rothermel (46) ist Fachärztin für Chirurgie und leitende Ärztin der Notaufnahme. Foto: Julian Rettig, imago/Political-Moments

Welche Coronalage ist für den Winter zu erwarten? Und wie geht es in Kliniken zu? Die Schorndorfer Ärzte Bernhard Fröhlich und Angela Rothermel sprechen über neue Varianten, Masken im Supermarkt – und Patienten, die zu lange im Krankenhaus bleiben.

Große Angst muss die aktuelle Corona-Variante wohl den wenigsten machen, sagen die Klinikärzte Angela Rothermel und Bernhard Fröhlich. Dennoch sei für eine gefährdete Minderheit Rücksicht angesagt. Die Krankenhausmitarbeiter haben trotz überwiegend beherrschbarer Krankheitsverläufe mal wieder harte Wochen hinter sich.

 

Frau Rothermel, Herr Fröhlich, wie ist die aktuelle Coronalage in den Rems-Murr-Kliniken?

Bernhard Fröhlich: Wir hatten in den vergangenen Wochen sehr viele Patienten, die zwar überwiegend nicht wegen, aber mit einer Coronainfektion bei uns in Behandlung gewesen sind – so viele hätten wir zu diesem Zeitpunkt nicht erwartet.

Angela Rothermel: Ja, es waren allerdings auch viele „Überraschungsfunde“ dabei. Sprich: Der Patient kommt wegen einer ganz anderen Sache in der Notaufnahme an, und wir stellen beim Test fest, dass er auch mit dem Coronavirus infiziert ist.

Das heißt, die Symptome der Erkrankung sind nicht so ausgeprägt, wie bei früheren Varianten?

Rothermel: In den vergangenen Wellen hatten wir viel mehr hochsymptomatische Patienten mit Luftnot und Sauerstoffbedarf. Das ist bei der aktuellen Omikron-Variante Gott sei Dank deutlich besser. Trotzdem hatten wir in den vergangenen Wochen sehr hohe Fallzahlen.

Auch wenn die Krankheitsverläufe nicht so schlimm sind, belastet das den Krankenhausbetrieb vermutlich zusätzlich?

Fröhlich: Absolut. Der vergangene Monat war sehr anstrengend. Wir müssen sehr hohe hygienische Standards gewährleisten, damit die Mitpatienten gut geschützt sind. Und das ist ein erheblicher Aufwand für Ärzte und Pflegepersonal. Jedes Mal, wenn ich in ein Zimmer reingehe, muss ich vorher die komplette Schutzkleidung anlegen, danach wieder ausziehen. Das macht eine gute und kompetente Pflege und Behandlung einfach deutlich schwerer. Zudem hatten wir sowohl durch Corona, aber auch durch andere Erkältungskrankheiten und Überlastungen bedingt hohe Ausfallzahlen beim Personal.

Rothermel: Ein großes Problem für die Kliniken ist auch, dass wir große Schwierigkeiten haben, Patienten nach Hause zu entlassen, wenn sie noch Covid-positiv sind. Das ist ein nicht unerheblicher Anteil an Patienten, die ansonsten keine Weiterversorgung hätten.

Sie meinen Patienten, die nicht mehr in der Klinik behandelt werden müssten?

Rothermel: Genau, diese Patienten sind symptomfrei, dürfen aber erst in die Reha oder Kurzzeitpflege oder zu den ambulanten Diensten, wenn sie negativ getestet sind.

Geht das über die Fünf-Tage Quarantäne hinaus?

Fröhlich: Vor allem bei älteren Menschen kann es manchmal bis zu sechs Wochen dauern, bis der Test ein negatives Ergebnis anzeigt.

Was bedeutet das für die Kliniken?

Fröhlich: In unseren Betten liegen Menschen, die eigentlich gar nicht mehr dahin gehören, nur weil dieser Test noch positiv ist und der Pflegedienst daheim nicht kommen darf, um die Strümpfe anzuziehen oder beim Waschen zu helfen. Abgesehen davon, dass die Krankenhäuser dafür keine adäquate Vergütung bekommen, ist das auch für die Patienten nicht schön. Man möchte ja auch lieber nach Hause, wenn es geht, wo es keine eingeschränkte Besucherregelung gibt.

Und wie geht es Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen nach zwei Jahren Dauerstress?

Fröhlich: Man merkt, dass überall Müdigkeit vorhanden ist. Die Häufigkeit, in der wir Schichten nur schwer besetzen können, gab es vor der Pandemie in dieser Schärfe nicht. Dass wir mal auf einer Intensivstation die Bettenzahl reduzieren mussten, weil nicht ausreichend Personal da ist, kannte ich vor Corona nicht.

Rothermel: Wir sind aber auch wahnsinnig stolz auf alle Mitarbeiter. Wir haben bald drei Jahre extreme Anstrengung hinter uns und dennoch versucht jeder, alles Menschenmögliche zu machen, um die Versorgung der Patienten aufrecht zu erhalten. Jeder springt ständig irgendwo ein. Die Bereitschaft dazu ist nach wie vor hoch – und das fängt bei der Reinigungskraft an. Jeder gibt alles.

Die eigentlich nötige Erholungspause wird man sich kaum leisten können?

Rothermel: Man kann die Behandlung so genannter Elektivpatienten, die phasenweise geschoben werden mussten, nicht zu lange hinauszögern. Für Krebspatienten gilt und galt das sowieso, aber auch einem Patienten, der Hüftschmerzen hat und eine neue Hüfte braucht, muss man eine Operation ermöglichen können – und das tun wir.

Wie ist das zu schaffen?

Rothermel: Drei Jahre Pandemie heißt auch: Wir haben alle nötigen Hausaufgaben gemacht. Wir haben Routine und kriegen das in der Organisation gut hin.

Was sagen Sie denen, die wegen Corona Angst haben, ins Krankenhaus zu gehen?

Rothermel: Wir tragen alle FFP2-Masken, testen uns als Mitarbeitende dreimal und die Patienten zweimal pro Woche. Das verschärfte Hygienekonzept ist mittlerweile Alltag und läuft nebenher. Es muss also niemand Angst haben, in eine Klinik zu gehen. Ein Krankenhaus ist wesentlich sicherer als ein Fußballstadion.

Fröhlich: Ich habe auf der Arbeit jeden Tag mit infizierten Menschen zu tun und noch keine Covid-Infektion gehabt.

Rothermel: Ich auch nicht – und ich arbeite in der Notfallaufnahme.

Auf was muss man sich in puncto Corona in diesem Winter gefasst machen?

Fröhlich: Die bisherige Erfahrung ist, dass die Infektionen in ganz starken wellenförmigen Bewegungen in größeren Abständen auftreten und dann über Monate hinweg abflauen. Dann kommt wieder irgendeine neue Virus-Variante, und löst eine neue Welle aus. Es sind ja schon wieder neue Varianten auf der Welt unterwegs, die bei uns noch nicht angekommen sind. Aber das wird passieren.

In welcher Situation befinden wir uns jetzt?

Fröhlich: Ich habe den Eindruck, dass wir gerade einen Höhepunkt überschritten haben, die Welle flaut ab. Deswegen bin ich für den Winter optimistisch. Mal sehen, ob es bis zum Frühjahr reicht.

Und was kommt danach?

Fröhlich: Auch wenn wir jetzt schon Jahr Drei der Pandemie zählen – wir werden mit dieser Infektion noch über einen längeren Zeitraum leben müssen, und das auf dem ganzen Globus. Corona wird nicht so schnell verschwinden.

Aber wenn es bei den jetzt eher harmloseren Verläufen bleibt, hat Corona dann den Status einer Grippe?

Fröhlich: In mancher Hinsicht ja, allerdings mit dem negativen Beigeschmack, dass es einen kleinen Teil der Bevölkerung gibt, der sich davon weiterhin bedroht fühlen muss.

Rothermel: Ich glaube nicht, dass Corona mit einer Grippeinfektion vergleichbar ist, weil bei Grippe in der Regel keine Langzeitfolgen zurückbleiben. Bei Covid hingegen kämpfen extrem viele mit Longcovid oder Postcovid. Das macht für mich mittel- und langfristig gesehen den großen gesellschaftlichen Unterschied aus. Die Akuterkrankung ist hingegen ähnlich wie Grippe in der jetzigen Form händelbar.

Fröhlich: Ein weiterer Unterschied ist, dass Covid sich anhaltend in der Bevölkerung zeigt, während Grippe meist in einer strengen Welle abläuft. Wenn die aktuelle Grippe-Welle vorbei ist, kann man sich auch nicht mehr damit anstecken. Dann kommt der Sommer, und es gibt praktisch keine epidemischen Viren mehr.

Muss man dann aus Ihrer Sicht aber weiterhin Schutzmaßnahmen gegen Corona ergreifen?

Fröhlich: Ich finde, man sollte den kleineren Anteil der Menschen, für den Corona sehr gefährlich ist, nicht vergessen. Wenn es gesellschaftlicher Konsens ist, dass auch die große Masse die kleine Minderheit schützen muss, werden wir etwa die Maskenpflicht in Situationen brauchen, in denen sich Menschen der Gefahr nicht entziehen können. Ein tumorkranker Patient muss nicht zwingend in ein Fußballstadion gehen und tut das auch nicht. Aber in anderen Situationen kann es unausweichlich sein, sich in Gefahr zu begeben. Und da zählt für mich in Zeiten hohen Infektionsdrucks auch der Supermarkt dazu, denn einkaufen muss jeder.

Rothermel: Eine Maske schützt im Übrigen auch vor anderen Ansteckungserkrankungen wie Influenza. Insofern schadet es nichts, in größeren Menschenansammlungen eine Maske aufzusetzen – und zum Schutz anderer auf jeden Fall, wenn man mit älteren und kränkeren Menschen zu tun hat.