Ein Mann hält im Dom in Sankt Blasien im Schwarzwald Andacht. Foto:  

Wie wird die religiöse Landkarte Deutschlands aussehen? Welche Bedeutung werden Glaube und Unglaube haben? Kehren die Götter zurück oder siechen die Religionen dahin? Und was wird aus den christlichen Kirchen? Wir wagen einen Ausblick auf die religilöse Karte Deutschlands im Jahr 2050.

Deutschland im Jahr 2050: Ein politisch gespaltenes Land, gesellschaftlich zerrissen, demografisch überaltert, wirtschaftlich am Abgrund? Oder wird die Zukunft ganz anders sein? Wie wird die religiöse Landkarte Deutschlands aussehen? Welche spirituellen Trends sind auszumachen? Welche Bedeutung werden Glaube und Unglaube in der Zukunft haben? Kehren die Götter zurück oder schmilzt die Religiosität dahin? Ein Ausblick:

 

Religiöse Statistik

Das US-Meinungsforschungsinstitut Pew-Research-Center präsentiert in seiner Studie „The Future of World Religions“ („Die Zukunft der Weltreligionen) Prognosen und Trends für 2050: Wenn der globale demografische Trend wie bisher anhält, werden 2050 fast so viele Muslime (2,76 Milliarden) wie Christen (2,9 Milliarden) auf der Welt leben.

Auch der Hinduismus (derzeit 900 Millionen) bleibt auf Wachstumskurs. Nur der Buddhismus wird sich 2050 auf einem ähnlichen Niveau wie 2015 bewegen (rund 500 Millionen). Das gilt auch für Konfessionslose, Agnostiker und Atheisten. Ihr Anteil an der Weltbevölkerung wird bis 2050 von 16,4 auf 13,2 Prozent sinken.

Glaube der Ungläubigen

Die Religionen sehen sich als die großen Sinnstifter. Für Atheisten hingegen ist klar: Religion lässt sich komplett abschreiben, Transzendenzdenken ist sinnlos. Gott ist eine Erfindung des Menschen, damit er die Absurdität seiner Existenz erträgt und nicht in permanenter Verzweiflung verharrt.

Das Diesseits, die Sterblichkeit, die Gewissheit, dass nach dem Leben nur das Nichts wartet – das ist der Boden der Tatsachen, auf dem Atheisten wie Richard Dawkins, Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Jean-Paul Sartre die Menschheit stehen sehen.

Säkularisierter Glaube

Das Wort Säkularisierung leitet sich ab vom lateinischen „Saeculum“ (Zeit, Zeitalter). Säkularisierung meint die Verweltlichung der Welt, die Abkehr vom Glauben an ein Jenseits und Lockerung religiöser Bindungen.

1960 war mit durchschnittlich fast zwölf Millionen Katholiken, die Sonntags die Messe besuchten, statistisch gesehen der Höhepunkt erreicht (Protestanten gehen traditionell seltener zum Gottesdienst). 2014 waren es noch 2,6 Millionen katholische Gläubige.

Und es werden immer weniger: 2050 voraussichtlich zwischen einer und 1,5 Millionen, vorausgesetzt, der Trend hält an. Damit einher geht eine schleichende Entchristlichung der Gesellschaft. Das Modell der Volkskirche verliert rapide an Akzeptanz und Vitalität. Die Kirchenbindung erodiert, das Glaubensleben erlahmt, das christliche Profil verblasst.

Individualisierter Glaube

Der britische Bevölkerungswissenschaftler David Voas vom Institute for Social Change der University of Manchester bezeichnet diesen Trend zu einem laxen, gesellschaftlich unverbindlichen und nebulösen Glaubensverständnis in einer Studie als „Fuzzy fidelity“ – unscharfer, konturloser Glaube.

Laut Voas sinkt in Europa und Deutschland (mit regionalen Unterschieden) der Hang zum religiösen Bekenntnis von Generation zu Generation. Die Überzeugungen erodieren, das Wissen um die Traditionen schwindet, der Glaube verliert an Bindungskraft.

Die Deutschen werden auch 2050 keine bekennenden Atheisten oder militanten Religionsgegner sein, sondern mehrheitlich lauwarme und halbherzige Christen, die irgendetwas für wahr halten. Von einer gelebten, bekennenden und sozial engagierten Religiosität werden sich noch viel mehr als heute verabschiedet haben. Der Trend geht zur religiösen Individualisierung und Popularisierung von Glaube und Spiritualität – zum „Glauben light“.

Kirchlicher Glaube

Die Kirchenbindung in Deutschland wird bis 2050 stetig abnehmen. 2014 hatten die Kirchenaustritte einen neuen Rekordstand erreicht: 217 716 Menschen verließen die Katholische Kirche – so viele wie noch nie in einem Jahr. Bei den Protestanten sieht es noch düsterer aus.

Auch beim Kirchenbesuch sieht es nicht viel besser aus: Zwischen zwei bis fünf Prozent der Protestanten sowie zehn bis 20 Prozent der Katholiken besuchen sonntags regelmäßig einen Gottesdienst. In Westfalen und Niederbayern mögen die Zahlen höher sein, ebenso bei den Freikirchen, wo die Bindung des Einzelnen an die Gemeinde generell enger ist als in den evangelischen Landeskirchen.

Aber der allgemeine Trend ist eindeutig. Die Glaubens- und Kirchenkrise, sie ist im Kern eine religiöse Bildungs- und Traditionskrise. Das Wissen um den Glauben wird sich in einem atemberaubenden Tempo verflüchtigen – bei vielen bis zur Bedeutungslosigkeit.

Der Trend zur kleinen Herde wird sich fortsetzen. Schon deshalb, weil die Zahl der Kirchenmitglieder, Gottesdienstbesucher und in den Gemeinden Aktiven kontinuierlich schrumpfen wird und sich die Kirchenaustritte auf einem hohen Niveau einpendeln werden. Kleiner ist nicht schöner, aber unausweichlich.

Karitativ-diakonischer Glaube

Caritas und Diakonie sind als institutionalisiertes soziales Gewissen ein Grundpfeiler kirchlicher Verkündigung. Sie stiften Identität nach innen und außen, stehen für Solidarität und vermitteln der Gesellschaft wie dem Einzelnen das gute Gefühl sozialer Geborgenheit – was umso wichtiger ist, je rauer und unsozialer die Zeiten werden.

Die große Mehrheit der Bürger – ob gläubig, kirchlich-distanziert oder konfessionslos – nimmt die Kirchen als Vermittler moralischer Wertvorstellungen und Garanten von Solidarität und Subsidiarität wahr. Das soziale Engagement wird das kirchliche Profil 2050 noch stärker als bisher bestimmen. Auch für einen funktionierenden Sozialstaat werden die kirchlichen Sozialverbände unverzichtbarer denn je sein.

Pseudo-religiöse Trends

Der Reiz nach immer Neuem, nach dem Kick und Nervenkitzel wirkt auf viele wie eine pseudo-spirituelle Droge. Ohne ekstatische Überschreitung des Selbst und Sinnfindung in Extremerfahrungen fühlen sie sich leer und unausgefüllt. Freizeit und Sport werden zur neuen Religion einer säkularisierten und religiösen Erfahrungen gegenüber offenen Gesellschaft. Konsumtrends werden zum

Religionsersatz. Die Sinn- und Seligkeitserfahrung im Himmel wird auf die Erde verlagert. Das Jenseits wird im Diesseits – und nur hier – erfahrbar und erlebbar. Weil das Leben endlich ist, müssen Anhänger säkularer Selbsterfahrungstrends sich beeilen, um ja keine Mode, keinen Trend zu verpassen.

Fundamentalistischer Glaube

Der religiöse Fundamentalismus ist ein globales, sich zunehmend verschärfendes Problem. Er ist zum Synonym für eine radikale Denkhaltung, für Intoleranz, Engstirnigkeit, Antimodernismus und Wissenschaftsfeindlichkeit geworden.

Fundamentalisten sind überall dort zu finden, wo soziale Verunsicherung und kultureller Wandel Traditionen und Werte hinwegspülen. Religion wird zum wichtigsten Halt in einer als feindlich empfundenen Umwelt in Form eines intoleranten, starren Dogmatismus, der die strikte

Befolgung von Glaubenssätzen fordert. Jedes Abweichen von der reinen Lehre wird als Sünde und Abkehr vom rechten Weg gebrandmarkt. Die Absolutierung und Radikalisierung der Religion findet sich im Islam genauso wie im Christentum und Hinduismus.

Fernöstliche Erleuchtung

Buddha wird en vogue bleiben, auch wenn die große Zeit des Buddhismus als Mode-Religion 2050 vorbei sein wird. Als faszinierend-fremdartige Weltreligion wird der buddhistische Weg der Erleuchtung auf viele Bundesbürger weiterhin große Anziehungskraft ausüben. Buddhas Lehren verheißen zivilisationsmüden Westlern Befreiung von Stress und Zukunftsangst. Wo die Hoffnung auf das ewige Leben schwindet, wächst der Glaube an die Wiedergeburt.

Das Zugehörigkeitsgefühl der Deutschen zur weltweiten Buddha-Anhängerschaft äußert sich weniger in formaler Mitgliedschaft als in einer geistigen Verbundenheit und meditativen Praxis. Wer ein Yoga-Seminar besucht oder Meditationspraktiken ausprobiert, ist Sympathisant, aber kein ernsthafter Anhänger Buddhas.

Muslimische Parallelwelten

Der Islam wird in den nächsten Jahrzehnten die mit Abstand am stärksten wachsende Weltreligion bleiben. In Deutschland wird die Zahl der Muslime von derzeit rund vier auf sieben bis acht Millionen ansteigen. Bei einer Gesamtbevölkerung von prognostizierten 75 Millionen Menschen (derzeit rund 80 Millionen) wäre das ein Anteil von mehr als zehn Prozent.

Der Trend zu sozio-religiösen Parallelgesellschaften wird sich fortsetzen. Wie tief die Gräben zwischen den gesellschaftlichen Gruppen sein werden, hängt wesentlich von der Integration Hunderttausender von Flüchtlingen ab, die nach Deutschland einwandern.