Den Kirchen fehlen Mitglieder, Steuereinnahmen, Finanzen. Darum soll gespart, die Arbeit eingeschränkt, Gotteshäuser geschlossen werden. Doch Mitglieder der Versöhnungskirche in Oberesslingen glauben, einen Weg aus der Misere gefunden zu haben.
Am Samstag wurde es schmackhaft. Da wurde in der evangelischen Versöhnungskirche in Oberesslingen ein Benefizessen organisiert. Das gemeindeeigene Küchenteam schwang den Kochlöffel und zauberte ein Menü, für das acht Helfer erst mal 50 Kilogramm Kartoffeln schälen mussten, plauderte Gemeindemitglied Dorothee Schäfer aus dem Nähkästchen. Auch für die Versöhnungskirche schält sich eine Zukunftsperspektive heraus. Sie war von der Schließung bedroht. Nun soll das Gotteshaus gerettet werden.
Die Sparpläne der Esslinger Gesamtkirchengemeinde waren auf zähen Widerstand gestoßen. Mit Blick auf schwindende Mitgliederzahlen, rückläufige Kirchensteuereinnahmen und steigende Unterhaltskosten eigener Immobilien wollte das Gremium den Rotstift ansetzen. Die Versöhnungskirche sollte aufgegeben oder anderweitig genutzt werden. Doch die Gemeindemitglieder vor Ort setzten sich zur Wehr. So wurde eine neue Verhandlungsbasis erzielt. Die Gesamtkirchengemeinde mit Dekan Bernd Weißenborn will laut Dorothee Schäfer, dass ein eigenes Konzept für die Versöhnungskirche entwickelt wird, wobei ihr Unterhalt nichts kosten dürfe.
Verein in den Startlöchern
Diesen Ball griffen die Gemeindemitglieder auf. Im Juli wurde mit gut 20 Aktiven eine Gründungsversammlung für einen Förderverein abgehalten. Diese Pläne sind nun in trockenen Tüchern, sagt das Vorstandsmitglied Albrecht Braun: Alle Formalien seien erledigt oder auf den Weg gebracht worden. Der Förderverein Versöhnungskirche Oberesslingen steht auf sicheren Füßen, meinen die Vorstandsmitglieder. Die Ziele der etwa 60 Mitstreiter sind klar: Nach der Renovierung des Ertingerhauses neben der Martinskirche, das zu einem zentralen Gemeindezentrum in Oberesslingen werden soll, möchten sie die Versöhnungskirche weiterhin mit Leben füllen.
Ein Logo hat der Förderverein schon. Vier Vierecke unterschiedlicher Größe in den Farben gelb, orange, rot und grau reihen sich aneinander. Die geometrische Formation, erklärt Claudia Müller vom Vorstand, zeige einen Querschnitt der Versöhnungskirche und gebe wie ein aufgeklapptes Leporello die Wandkonstellation in dem Gotteshaus wieder. Die Signalfarben stünden für Dynamik, das Grau für die Betonelemente in der 1972 errichteten Kirche. Für sie wollen sie kämpfen. Etwa 14 000 Euro werden nach Rechnung des Fördervereins für Heizung, Wasser, Strom oder Rücklagen pro Jahr benötigt. Dieses Geld soll durch Spenden, Veranstaltungen, Eintritte und Vermietungen zusammenkommen. Gut 2600 Quadratmeter umfasst das Areal der Versöhnungskirche mit Pfarrhaus und Gelände – das bietet den findigen Kirchenrettern viele Möglichkeiten.
Seelsorger Stefan Schwarzer ist bis Ende 2024 im Einsatz, dann entfällt seine Stelle. Das Areal soll zwar im Besitz der Gesamtkirchengemeinde verbleiben, könnte aber an Nutzer mit sozialem Anspruch vermietet werden. Denkbar wären nach Ansicht des Fördervereins ein integratives Wohnprojekt, ein inklusiver Treffpunkt, ein auch von Mitarbeitern mit Handicaps betriebenes Café oder eine Einrichtung für betreutes Arbeiten. Der Verein wolle sich vom Dekan grünes Licht für eine Mieterakquise geben lassen.
Großer Einzugsbereich
Das Veranstaltungsleben in der Versöhnungskirche darf nicht sterben – meinen die Vereinsmitglieder. „Es geht nicht um Beton, sondern um den Erhalt des besonderen Flairs. Man kann Zusammenhalt nicht an einen anderen Ort verpflanzen“, meint Dorothee Schäfer. Die Nutzung der Martinskirche, des anderen Gotteshauses in Oberesslingen, wäre für sie und ihre Mitstreiter keine Alternative. Die Wege in dem Stadtteil seien weit, der sakrale Raum der Versöhnungskirche müsse bewahrt, über Jahrzehnte entstandene Gemeinschaften dürften nicht zerstört werden, betont Claudia Müller. Außerdem gehe der Einzugsbereich der Versöhnungskirche weit über Oberesslingen hinaus: Viele Menschen würden von außerhalb kommen, weil sie die Arbeit vor Ort so sehr zu schätzen wüssten.
Ihren engagierten Einsatz begründen Claudia Müller, Dorothee Schäfer und Albrecht Braun mit ihrem Wunsch nach Erhalt des Zusammengehörigkeitsgefühls, der gewachsenen Freundschaften, des ehrenamtlichen Engagements. Das Gotteshaus soll weiter für Gottesdienste zur Verfügung stehen, die Gemeindearbeit fortgeführt, die Begegnungsmöglichkeit bewahrt bleiben. Das bisherige Veranstaltungsangebot soll erweitert und ergänzt werden – durch Theateraufführungen, Filme, Konzerte, Chorarbeit, Vorträge oder Gruppensitzungen. Die Versöhnungskirche sei die Mühen wert, meint Albrecht Braun: „Wir lieben sie.“
Die Versöhnungskirche in Oberesslingen
Anfänge
Ab 1926 wurde laut Homepage der Kirchengemeinde über einen Kirchenbau in der Paracelsusstraße nachgedacht. 1935 wurde das Pfarrhaus errichtet, doch der Zweite Weltkrieg stoppte alle Baupläne. Ab 1964 wurden Gottesdienste im Pfarrhaussaal abgehalten, der aber rasch zu eng wurde. Eine Holzbaracke neben dem Pfarrhaus diente lange als Behelfskirche.
Architektur
1971 wurde mit dem Kirchenbau begonnen. Doch Architekt Eberhard Weinbrenner sollte etwas Besonderes entwerfen: Entstanden ist eine Mehrzweckkirche, deren Gottesdienstraum auch als Halle für Veranstaltungen genutzt werden kann. Der zeltartige Betonbau mit einem großen Foyer wurde auch als Versammlungsort und Raum für Begegnungen konzipiert.
Besonderheit
Die Versöhnungskirche wurde 1972 eingeweiht. Laut Homepage der Kirchengemeinde wurde vor zehn Jahren eine Wand- und Lichtinstallation des Esslinger Glas- und Lichtkünstlers Bernhard Huber angebracht, um die nüchterne Atmosphäre um eine spirituelle Dimension zu ergänzen. Das Kunstwerk greife die Trapezform von Dach und Wänden wieder auf.