Das Mercedes-Benz Museum ist nach wie vor Spitzenreiter Besucherzahlen. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Die Stuttgarter Museen haben 2023 insgesamt mehr als 3,2 Millionen Besucher verzeichnet. Mit einem Plus von 700 000 übersteigt die Bilanz der 43 Häuser sogar die Ergebnisse der Jahre vor der Pandemie. Doch nicht alle haben Grund zu jubeln.

Noch nie haben die Stuttgarter Museen zusammen so viele Besucher angelockt, wie im vergangenen Jahr. Über 3,2 Millionen Menschen haben die unterschiedlichen Ausstellungen besucht. In vielen Häusern scheinen die Pandemie-Nachwirkungen überwunden. Das größte Interesse gilt nach wie vor den Autobauern, aber auch die Kunst- und Mitmachausstellungen feiern Erfolge.

 

Auto steht in dieser Stadt nicht nur alphabetisch an der Spitze: „Früher als erwartet haben wir mit 800 245 Besuchern die magische Marke von 800 000 geknackt und sind damit fast wieder auf dem Niveau wie vor der Pandemie“, jubelt man im Mercedes-Benz Museum. Ein Geschenk zum 18. Geburtstag des Hauses, der am 19. Mai mit freiem Eintritt gefeiert wird.

Steven Maez aus den USA (vorne) wurde im Juli als zwölfmillionster Besucher im Mercedes-Museum empfangen. Foto: MediaPortal Mercedes-Benz AG/Mercedes-Benz AG - Mercedes-Benz

Im Juni wurde der zwölfmillionste Besucher, Steven Maez aus Ohio/USA, begrüßt. Nein, ein Auto hat der Jubiläumsgast nicht bekommen, höchstens ein kleines aus dem Museumsshop, aber er durfte sich hinter das Steuer des 300 SL Roadster setzen und macht mit dem Foto davon zuhause vermutlich schwer Eindruck. Unter den Vertretern von 160 Nationen behaupteten die deutschen Besucher mit 50 Prozent den Löwenanteil, gefolgt von Stern-Fans aus den USA und Frankreich. Bei den Erwartungen für dieses Jahr spielt die Fußball-Europameisterschaft mit vier Spielen im benachbarten Stadion eine große Rolle.

Porschemuseum zählt so viele Besucher wie noch nie

Ein 911er im Porschemuseum – auch hier gab es einen ordentlichen Besucherzuwachs. Foto: Lichtgut//Max Kovalenko

Auch im Porschemuseum gibt es zum 15. Geburtstag in diesem Jahr ein Geschenk: Knapp 536 000 Besucher – 200 000 und damit 54 Prozent mehr als im Vorjahr – haben die Ausstellungsräume 2023 besucht. Die aktuelle Bilanz, so Museumsleiter Achim Stejskal, übertrifft selbst das Ergebnis des Eröffnungsjahres 2009 mit seinerzeit 512 000 Gästen. Bis heute hat das Haus 5,8 Millionen Besucher aus aller Welt gezählt. „In diesem Jahr erwarten wir den sechsmillionsten Besucher“, kündigt Pressesprecherin Astrid Böttinger an.

Kunst als Publikumsmagnet

Die Ausstellung „SHIFT.KI“ im Kunstmuseum lockte bereits am Eröffnungswochenende 4200 Menschen an. Foto: Bogen

Staatsgalerie und Kunstmuseum in Stuttgart stehen bei Ausstellungstouristen hoch im Kurs und finden für ihre Schauen ein bundesweites Presseecho. Auch Freunde aus München reisen an, um die Ausstellung „Sieh Dir die Menschen an! Portraits der neuen Sachlichkeit aus der Zeit der Weimarer Republik“ im Kunstmuseum zu sehen, das mit annähernd 240 000 Besuchern die erfolgreichste Bilanz seit der Eröffnung des Hauses vor 19 Jahren verzeichnen kann. Damit sei die Prognose übertroffen worden, so Direktorin Ulrike Groos, die den Erfolg noch zwei weiteren „sehr ambitionierten Projekten“ zuschreibt: Der Ausstellung „SHIFT.KI und eine zukünftige Gemeinschaft“, die schon am Eröffnungswochenende 4200 Menschen angezogen und auch neue Besucherkreise angezogen hatte. Und der Präsentation des wundersamen und meditativen Werkes des Blütenstaubsammlers und Bienenwachs-Bildhauers Wolfgang Laib. „Wir konnten unsere Wahrnehmung und Reichweite erheblich steigern“, stellt Ulrike Groos zufrieden fest.

Ein Überblick über die Besucherzahlen der vergangenen Jahre Foto: Statistisches Amt/Grafik: Biwer

„Ein programmatisches Feuerwerk“ nennt Staatsgalerie-Direktorin Christine Lange die Ausstellungen über George Grosz, Cindy Sherman und Amadeo Modigliani. Der Funke hat gezündet, für Modigliani stehen die Leute Schlange, die Besucherzahl schnellte um 60 000 auf 242 000 hoch.

Besucher machen im Landesmuseum gerne mit

Das Landesmuseum punktet mit Ausstell Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski

Mit einem Plus von 60 Prozent zu 182 000 Besuchern: „Schön, dass unser vielfältiges Angebot von Ausstellungen und Veranstaltungen so erfolgreich ist“, freut sich Christina Haak, seit September Leiterin des Landesmuseums Württemberg. Denn im Alten Schloss darf mehr als nur geguckt werden, Mitmachen und Anfassen ist bei der kleinen Hexe und bei den Urformen der Eiszeit erlaubt. Bier- und Weinseminaren machten die Schau „Berauschend“ süffig, und in der Dürnitz trifft man sich nicht nur zum Kaffee, sondern auch zum Night Call mit Tanz, Cocktails und Musik mit Kurzführungen. Begleitet wird auch die Erlebnisausstellung „Protest! Von der Wut zur Bewegung“ vom 27. Oktober an mit einem digitalen Storytelling-Projekt.

Naturkunde kommt an

Naturkunde fasziniert immer mehr Menschen. Das schlägt sich auch in den Besucherzahlen des Rosensteinmuseums nieder. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Auf ein verändertes Bewusstsein für die Umwelt führt man im Naturkundemuseum zurück, dass mehr als 350 000 Kinder und Erwachsene dem Haus am Löwentor und dem Schloss Rosenstein das besucherstärkste Jahr seit langem bescherten. „Unser Forschungsmuseum ist ein Haus des Staunens, Lernens und Verstehens mit faszinierenden Einblicken in die Evolution der Vielfalt des Lebens “, betont Direktor Lars Krogmann. Immer mehr Schulklassen, so Pressesprecherin Meike Rech, lassen sich auf die Reise durch die Entstehung des Lebens mitnehmen oder gehen im Meeressaal auf Tauchfahrt. Bei Lektionen, die Spaß machen.

Lernen und Gedenken im Fokus

Führung durch die Ausstellung „Gestapo vor Gericht“ im Lern- und Gedenkort Hotel Silber Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Nicht nur als Gedenk-, sondern auch als Lernort ausgewiesen ist ebenfalls das Hotel Silber, das sich als Schauplatz der NS-Geschichte in Stuttgart mit vielen Veranstaltungen in der Stadt etabliert hat und mit 17500 Besuchern und Teilnehmern einen deutlichen Zuwachs verzeichnen kann. „Wir sind stolz darauf“, sagt Geschäftsführerin Elke Banabak, „würden aber neben den Schulklassen, die zu uns kommen, gern noch mehr junge Gesichter sehen.“ Das Hotel Silber gehört zum Haus der Geschichte, genau wie die Stauffenberg-Erinnerungsstätte im Alten Schloss, die der Entscheidung zum freien Eintritt den Aufschwung auf 9500 Besucher verdankt. Im Haus an der Konrad-Adenauer-Straße, wo bis Ende Juli die großartige Sonderausstellung „American Dreams – ein neues Leben in den USA“ über Auswanderer aus Baden und Württemberg vom 18. bis zum 20. Jahrhundert zu sehen ist, wurden 60 000 Interessierte gezählt.

Nicht alle Museen legen zu

Festivals, Partys und Ausstellungen vereint das Stadtpalais Foto: Lichtgut//Ferdinando Iannone

Auch andere Häuser haben zugelegt: das Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier, das bei fast 25 000 ein Plus von 33 Prozent gewinnt, das Weinbaumuseum in Uhlbach mit knapp 30 000 internationalen Gästen, und das Museum der Illusionen, das rund 133 000 Menschen besucht haben. Eine Ausnahme stellt das Stadtpalais dar, das bei 154 000 eine kleine Einbuße hinnehmen musste. Und manchmal ist der Aufwind auch nur ein Lüftchen wie im Linden-Museum, das bei 35 000 Besuchern eine minimale Steigerung erlebte: „Wir sind enttäuscht“, räumt Pressesprecher Martin Otto-Hörbrand ein. Zwar sei das Haus durch den Umgang mit dem kolonialen Erbe und Restitutionen im Gespräch, aber leider habe die Sonderausstellung „Von Liebe und Krieg, über tamilische Geschichte(n) aus Indien und der Welt“ nur etwas mehr als 12 000 Menschen interessiert.

Blick auf die Baustelle begeistert

Nach wie vor ist der Blick auf und in die Baustelle des Stuttgarter Bahnhofs beliebt. Foto: Imago/Arnulf Hettrich

Begeisterung dagegen bei David Bösinger vom Infoturm über das deutlich größere Interesse am Mammutprojekt S 21: „Wir haben wieder die 200 000er-Marke geknackt.“ Genau 204 373 Menschen wollten sich einen Panorama-Blick auf die Baustelle und ihre Fortschritte machen. „Wir knüpfen damit an die Erfolgszahlen des Turmforums von 2015 bis 2018 an und haben seither 4,5 Millionen Besucher“, betont Bösinger und kündigt an, dass auch in diesem Jahr zu Ostern (Karsamstag und beide Osterfeiertage) und am 1. April wieder Tage der offenen Baustelle stattfinden. Der Ansturm dürfte erneut rekordverdächtig sein.