Rekord bei Zulassungen Stuttgarter fahren mehr aufs Auto ab als je zuvor

Von Jürgen Bock 

Dauerstau in Stuttgart: Trotzdem werden  in der Landeshauptstadt immer mehr Fahrzeuge zugelassen Foto: Max Kovalenko
Dauerstau in Stuttgart: Trotzdem werden in der Landeshauptstadt immer mehr Fahrzeuge zugelassen Foto: Max Kovalenko

348 103 Fahrzeuge sind Ende 2014 in Stuttgart zugelassen gewesen. Das ist ein Rekord. Trotz aller Verkehrsprobleme steigen die Zahlen seit Jahren massiv an. Experten vermuten die florierenden Automobilunternehmen und generell die starke Wirtschaft als Gründe.

Stuttgart - Totgesagte leben offenbar doch länger. Das gute alte Automobil jedenfalls hat derzeit eigentlich einen schweren Stand. Als Statussymbol bei jungen Leuten habe es ausgedient, heißt es. Carsharing sei stattdessen angesagt. In Stuttgart beherrschen Dauerstau und Feinstaubprobleme die Diskussionen. Parkplätze fallen weg oder werden teurer, um zumindest die Fahrt in die Innenstadt unattraktiver zu machen. Und was passiert? Es gibt so viele Autos wie noch nie.

Seit Jahren steigen die Zulassungszahlen in Stuttgart massiv an. Seit dem jüngsten Tiefstand im Jahr 2009 mit damals 323 000 zugelassenen Pkw, Motorrädern, Lastwagen und anderen motorisierten Untersätzen sind satte 25 000 Fahrzeuge hinzugekommen. Exakt 348 103 betrug der Wert Ende Dezember 2014. „Im November sind es zwischenzeitlich sogar noch ein paar mehr gewesen“, sagt Matthias Franke. Der Leiter der Stuttgarter Zulassungsstelle spricht von einem Rekordwert.

Das sieht auch die KFZ-Innung Region Stuttgart so: „Wir freuen uns über einen neuen Höchststand“, so deren Stuttgarter Vorsitzende Michael Mayer. Das sichere den rund 1000 Betrieben in der Region das Werkstattgeschäft. Besonders überrascht sei man darüber, dass auch die Zahl der Pkw-Neuzulassungen im vergangenen Jahr mit über 49 000 einen Rekord erzielt habe. Rechnet man alle anderen Fahrzeuge hinzu, kommt man laut Franke sogar auf rund 53 000 Neuzulassungen. „Es ist in allen Bereichen eine deutliche Steigerung sichtbar“, sagt er. Die Werte liegen auch jeweils deutlich über dem Bundesschnitt.

Über die Gründe rätseln die Experten. „Sicherlich spielen Firmenzulassungen eine Rolle. Daimler und Porsche sind sehr aktiv“, sagt Franke. Auch die wirtschaftliche Stärke der Region insgesamt sei ein Faktor. Das führt zu mehr Dienst-, Mitarbeiter- und Jahreswagen. Dementsprechend liegt Mercedes-Benz weiterhin als einsamer Spitzenreiter bei den zugelassenen Fahrzeugen vorn. Etwa jedes fünfte Stuttgarter Auto ziert ein Stern. Dahinter folgt VW.

Volker Zahn vom ADAC Württemberg vermutet noch weitere Gründe. „Stuttgart ist Autostadt. Nicht nur die Zahl von Fuhrparkfahrzeugen steigt, auch Carsharing-Flotten, die hier stark vertreten sind, spielen eine Rolle.“ Außerdem sei das Thema, dass junge Leute sich nicht mehr für Autos interessierten, aus Sicht des ADAC „überbewertet“. Und noch einen Ansatzpunkt sieht Zahn: „Die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs ist in den vergangenen Jahren doch stark in die Kritik geraten.“ Die Pünktlichkeit und der Komfort hätten gelitten. Man habe in Gesprächen von so manchem gehört, der vom Nahverkehr wieder auf das Auto umgestiegen sei.

Gerade das dürfte der Stadtverwaltung überhaupt nicht gefallen. Oberbürgermeister Fritz Kuhn will mit einem Verkehrsentwicklungskonzept bis 2030 den Verkehr um ein Fünftel reduzieren. Ein zentraler Punkt dabei ist ein attraktiver öffentlicher Nahverkehr. Im sogenannten ÖPNV-Pakt haben sich Stadt, die angrenzenden Landkreise, Region und Land auf verschiedene Schritte dabei verständigt. So sollen unter anderem die verschiedenen Verkehrsmittel besser miteinander vernetzt werden, um Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen. Auch der Rad- und Fußverkehr spielen im Konzept der Stadt eine Rolle.

Auf die neuen Rekordzahlen reagiert man im Rathaus deshalb zurückhaltend. „Fakt ist: Es gibt zu viel Stau, Stress, Lärm, Feinstaub und Stickoxide. An dieser Erkenntnis führt trotz aller Bemühungen der vergangenen Jahre kein Weg vorbei“, sagt Sprecher Sven Matis. Man dürfe sich aber nicht entmutigen lassen: „Die Strategie ist längerfristig ausgerichtet.“ Dabei gehe es nicht darum, „ob man für oder gegen Autos ist“, sondern darum, wie eine gut vernetzte Mobilität in der Stadt aufgebaut und organisiert werden könne. Am Ende natürlich fraglos mit dem Ziel, den Autoanteil zu verringern.

Ein bisschen Hoffnung in dieser Richtung macht ausgerechnet die KFZ-Innung. Ein weiteres Wachstum auf solch hohem Niveau sei 2015 kaum zu erreichen, glaubt man dort. Doch wer weiß: Die Autofahrer in Stuttgart sind derzeit für manche Überraschung gut.

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