„Ich finde das extremst edel.“ Kolumnist KNITZ über einen Satz, der ihn auf freier Wildbahn erwischt hat – und den er nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
KNITZ muss wohl nicht zur Gießkanne greifen. Draußen fallen die ersten Tropfen. Wenn der Regen noch ein bissle an Fahrt aufnimmt, dann füllen sich sogar die Wasserbehälter im Garten.
Insofern müsste es KNITZ jetzt eigentlich glänzend gehen. Er lässt den Regen für sich arbeiten. Leute, die ihre Ersparnisse gut angelegt haben, dürfte diese Art der Zufriedenheit bekannt sein. Sie lassen ihr Geld für sich schaffen.
Was für ein Angeber!
Dennoch ist KNITZ von der absoluten Glückseligkeit noch ein Stück entfernt. Eine Formulierung treibt ihn um, die er am Morgen aufgeschnappt hat. Zwei Männer und eine Frau kamen ihm entgegen. Einer der Männer, ein junger Kerl so zwischen zwanzig und dreißig, sagte, an die Frau gewandt: „Ich finde das extremst edel.“
KNITZ hat keinen Dunst, um was es in dem Gespräch ging, was da „extremst edel“ sein soll. Eine Armbanduhr? Ein Automobil? Eine frei stehender Edelstahlherd mit sechs Gasflammen und extrabreitem Backofen?
Was für ein Angeber, fuhr es KNITZ durch den Kopf. Auf die Gefahr hin, dass er dem Mann damit unrecht tat. Vielleicht ist das ein charmanter, fürsorglicher Mensch, der sein halbes Gehalt an Umweltorganisationen stiftet, ehrenamtlich in fünf Sportvereinen tätig ist, hin und wieder gendert, aber in einem Moment der Unbedachtheit sich gehen ließ und im Schwang der Gefühle „Ich finde das extremst edel“ von sich gab.
Doch KNITZ kann nicht anders. Er kommt von dem Satz nicht mehr los. Reicht es nicht, dass etwas einfach nur edel ist? Warum extremst? Ist extrem nicht schon ein Superlativ? Ist eine Steigerung überhaupt möglich? Ist es nicht genug, dass wir mit Extremwetter zu kämpfen haben? Droht in Kürze Extremstwetter?
Lecker, lecker, lecker. Mir verstehen uns?
KNITZ vergisst viel. Viel zu viel. Namen sind eine mittlere Katastrophe. Manchmal ist er kurz davor, sich seinen eigenen auf der Handinnenfläche zu notieren. Aber so eine blöde Formulierung, die noch nicht mal an ihn gerichtet war, kriegt er nicht mehr aus dem Kopf.
Es ist, wie wenn man ins Auto steigt, sich ungefragt das Radio einschaltet, in dem ein gesungener Werbespot läuft: „Wenn der Abfluss mal verstopft ist, ja was ist denn schon dabei, dann nimmt man Abflussfrei, das macht den Abfluss frei.“ Der Tag ist gelaufen.
Gibt es das Zeug überhaupt noch? Abflussfrei? Der Reklamespot stammt aus den Achtzigerjahren, hat sich ins Hirn von KNITZ gefräst. Den hätte er jetzt besser nicht erwähnt. Jetzt geht ihm der Singsang tagelang nicht mehr aus dem Kopf.
Wenn es hart auf hart kommt, hilft nur noch der Griff zum Gegengift. Lecker, lecker, lecker. Seitenbacher. Mir verstehen uns? Der Chef von dem Laden, der Willi Pfannenschwarz, Sohn einer Müllerfamilie aus dem schönen Waldenbuch, der die ganzen Spots selbst einspielt, soll wegen der Reklame schon Morddrohungen erhalten haben. Womit bewiesen wäre, dass seine Werbung die Leuten nicht kalt lässt.
KNITZ geht jetzt in den Garten. Gießen. Das bringt ihn auf andere Gedanken. Er lässt sich doch von so einem Regen, der zudem wochenlang auf sich warten ließ, nicht vorschreiben, wann er zur Kanne greifen darf.