Ein kurzes Video hat den Olympiasieger Christian Kukuk in Bedrängnis gebracht. In Stuttgart reagiert er nun auf die Vorfälle – der Springreiter gesteht einen Fehler ein.
Es ist 13.02 Uhr, als Christian Kukuk in diesem Jahr erstmals in den Parcours der Stuttgarter Schleyerhalle reitet. Man könnte auch sagen: als das Versteckspiel endet. Aber: Aus der Deckung ist der Olympiasieger schon rund zwei Stunden zuvor getreten.
Unweit der Halle, in der sich in diesen Tagen die besten Reiterinnen und Reiter tummeln, hat Christian Kukuk ins Clubrestaurant des VfB Stuttgart geladen. Um zu erklären, was er sich selbst nicht so recht erklären kann. Und was die Welt des 35-Jährigen in den vergangenen Tagen erschüttert hat. „Ich habe verstanden“, sagt er und betont seine Offenheit, „dass ich einen Fehler gemacht habe.“ Über den die Reitwelt seit dem vergangenen Wochenende diskutiert. Und der auch den Bundestrainer sofort beschäftigte. „Ich habe“, sagt Otto Becker, „Christian gleich am nächsten Morgen um halb acht angerufen.“ Zu besprechen gab es einiges.
Mit seiner Stute „Just be gentle“ ist Kukuk am vergangenen Wochenende in Verona angetreten. Das Fazit war sportlich gut, zum Abschluss durften sich Springreiter und Pferd über einen dritten Platz freuen. Das gute Gefühl währte aber nicht lange.
Dann nämlich tauchte im Netz ein 30-sekündiges Video auf, das zeigt, wie der Olympiasieger von Paris (auf Checker 47) seine Stute auf dem Abreiteplatz lediglich mit einem Schlaufzügel reitet. Ein solcher ist ein Hilfszügel wird normalerweise nicht alleine benutzt, sondern in Verbindung mit einem zweiten. Was Christian Kukuk da tat, ist im internationalen Top-Reitsport zwar nicht verboten, sehen möchte man das Vorgehen dennoch nicht. Zum Wohle der Pferde.
„Wir finden das nicht akzeptabel“, sagte denn auch Martin Richenhagen, der Präsident der deutschen Reiterlichen Vereinigung FN. Otto Becker erklärt am Freitag in Stuttgart: „Rein sachlich hat er gegen keine Regel verstoßen.“ Ergänzt jedoch: „Trotzdem war es nicht glücklich.“
Glücklich war auch Christian Kukuk nicht mehr seit dem Augenblick, indem das entsprechende Video viral ging. „Beleidigung, Verleumdung, Verachtung“, nennt er als Auszug dessen, was ihm und seiner Familie seitdem begegne. Auch deshalb geht er in Stuttgart nun in die Offensive.
Rund zehn Minuten lang sind seine ersten Ausführungen vor Journalisten, in denen er gar nicht erst versucht, sein Tun vom vergangenen Wochenende schönzureden. „Ich bin eigentlich ein Kopfmensch, habe in diesem Moment aber auf mein Bauchgefühl gehört“, sagt er – und gibt zu: „Das war falsch.“ Die Wucht der Reaktionen habe ihn dann überrascht, er habe Zeit gebraucht, um das Geschehene zu reflektieren: „Es waren schwere und harte Tage.“ Nun betont er: „Es tut mir außerordentlich leid.“
Das Geschehene soll nicht mehr vorkommen
Dass er die Menschen, die ihm nahestehen, „in diese Situation gebracht“ habe. Dass er einige davon „enttäuscht“ habe. Dass die Veranstalter des Turniers in Stuttgart nun dieses Thema begleitet. Und: Dass er seiner Vorbildfunktion als Olympiasieger nicht gerecht geworden sei. Denn eigentlich gelte für ihn doch: „Ich will meinen Sport so gut es geht repräsentieren.“
Nun muss er erst einmal Vertrauen zurückgewinnen. Die Menschen daran erinnern, dass er das Tierwohl sehr wohl nach weit oben stellt („Nur, wenn es dem Pferd gut geht, geht es mir auch gut“, „Ich mache mir viele Gedanken, wie ich das Beste für meine Pferde tun kann“) und dass das, was da in Verona passiert ist, im eigenen Stall nicht an der Tagesordnung ist. Er werde, versichert er, „alles dafür tun, dass dies nicht mehr vorkommt“. Erklären möchte er es dennoch.
„Just be gentle“, ein „sehr energiegeladenes, aber auch sensibles“ Tier, sei in Verona ungewöhnlich angespannt gewesen. Christian Kukuk habe dann nach Möglichkeiten gesucht, der elfjährigen Stute diese Anspannung zu nehmen. Das, was in den 30 Sekunden auf dem veröffentlichten Video zu sehen ist, war dann ein Teil der Lösungsidee, er habe eine sehr direkte Verbindung zu „Just be gentle“ haben wollen, „ich wollte ganz bei ihr sein“. So entstanden die Bildern. Die, das ist dem Reiter aus Warendorf wichtig, „aber nicht das widerspiegeln, was in den 45 Minuten davor und danach passiert“ sei. Er betont: „Ich finde es schwierig, eine Beziehung zwischen zwei Lebewesen auf 30 Sekunden zu reduzieren.“ Zumal man später gesehen habe, dass die Stute tatsächlich entspannter gewesen sei.
Seine Lehren will und muss Christian Kukuk nun dennoch ziehen. Wie gesagt: Die Schlaufzügel alleine will er nicht mehr nutzen. Womöglich werden die Regeln in diesem Bereich ja auch noch klarer formuliert. Dann, mein der Olympiasieger, habe das Ganze für die Zukunft vielleicht sogar einen positiven Effekt.
„Es war gut, dass er sich hier gestellt hat“, sagt nach dem Gespräch der Bundestrainer Otto Becker über seinen Schützling, den er oft im Training beobachtet habe: „Ich weiß, wie er mit seinen Tieren umgeht.“ Nun sei ein „Fehler passiert“, grundsätzliche Sorgen mache er sich aber nicht.
Um 13.04 Uhr am Freitagnachmittag ist dann auch Christian Kukuks erster sportlicher Auftritt in Stuttgart beendet – mit Platz 30 auf „Cepano Baloubet“.