Die Olympia-Ikonen Isabell Werth und Michael Jung sprechen über die unvergesslichen Sommerspiele in Paris, die Schattenseiten ihrer Sportart und die herausragende Stimmung beim Turnier in der Stuttgarter Schleyerhalle.
Die Startglocke ertönt an diesem Mittwoch (12.30 Uhr), danach gibt es beim Turnier in der Stuttgarter Schleyerhalle fünf Tage lang Reitsport der Extraklasse zu sehen. Am Start sind auch zwei Olympia-Ikonen: Dressurkönigin Isabell Werth und Vielseitigkeitschampion Michael Jung erinnern im Doppelinterview an den goldenen Sommer in Paris und sprechen auch über die Schattenseiten ihres Sports.
Frau Werth und Herr Jung, Sie prägen seit Jahrzehnten den Reitsport, allerdings in unterschiedlichen Disziplinen. Wie gut kennen Sie beide sich?
Isabell Werth: Wenn Michael Jung nur Buschreiter wäre, dann würden wir uns höchstens zweimal im Jahr sehen . . . Michael Jung: In Aachen und Wiesbaden. Isabell Werth: Genau. Aber da er einige Springturniere absolviert, bei denen auch wir Dressurreiter sind, treffen wir uns etwas häufiger. Ich würde sagen: Es ist immer schön, miteinander zu sprechen, eine engere Beziehung wäre aber nur möglich, wenn wir in der selben Disziplin unterwegs wären.
Isabell Werth erhielt zuletzt beim Deutschen Sportpresseball die Auszeichnung „Legende des Sports“. Wie sehen Sie auf ihre Lebensleistung, Herr Jung?
Michael Jung: Herzlichen Glückwunsch, erst einmal! Isabell Werth (lacht): Vielen Dank. Michael Jung: Sie hat eine beeindruckende Karriere hingelegt. Mit so vielen verschiedenen Pferden immer wieder auf allerhöchstem Niveau erfolgreich zu sein, das spricht für ihr enormes reiterliches Können.
Viele Experten bezeichnen Michael Jung als besten Reiter der Welt. Würden Sie zustimmen, Frau Werth?
Isabell Werth: Er ist mit Sicherheit der beste Allrounder, den es gibt. Auch bei den Sommerspielen war wieder großartig zu sehen, welche außergewöhnliche Professionalität er in die Vielseitigkeit gebracht hat. Diese zeichnet ihn neben seinen immens großen reiterlichen Fähigkeiten aus – und hebt ihn von der Konkurrenz ab. Es war eine Augenweide, ihn in Paris zu beobachten.
Welche olympischen Erinnerungen haben Sie sonst noch?
Michael Jung: Die Atmosphäre im Park von Versailles war unglaublich. Doch Frankreich ist nicht nur pferde-, sondern auch allgemein sportbegeistert. Die Arenen waren überall ausverkauft, auch die Paralympics hatten eine große Bedeutung. Ich bin nach meinem Wettkampf nach Hause gefahren, habe von dort die Spiele verfolgt. Am TV-Gerät hatte man noch mal einen anderen Blick auf die Kulisse gehabt – das war schon begeisternd.
Frau Werth, Sie haben schon öfter gesagt, dass Olympische Spiele nicht besser präsentiert werden können. Was hat Paris 2024 für den Reitsport bedeutet?
Isabell Werth: Wir Dressurreiter haben zur richtigen Zeit am richtigen Ort die sportlich bestmögliche Antwort auf die negativen Vorfälle vor den Spielen gegeben. Wir haben fantastischen Sport und eine faszinierende Stimmung erlebt, die Leute haben mitgetanzt und mitgefiebert. Es war ganz wichtig, dieses hohe Maß an Aufmerksamkeit, Akzeptanz und Wertschätzung zu erfahren.
Gilt das nicht für den gesamten deutschen Reitsport?
Isabell Werth: Selbstverständlich. Wir haben nicht nur für den Medaillenspiegel viel getan, sondern auch die Art und Weise, wie wir das geschafft haben, war außergewöhnlich.
Reicht das, um die Image-Dellen, die sich der Reitsport durch Akte der Tierquälerei in großen Ställen selbst verpasst hat, aufzupolieren?
Isabell Werth: Um das Image des Reitsports wieder langfristig ins rechte Licht zu rücken, braucht es sicherlich mehr als ein einmaliges Ereignis, sondern multiple Faktoren samt geschlossener Strategie.
Wie müsste diese aussehen?
Isabell Werth: Es gab, wie Sie richtig gesagt haben, Dinge, die wir uns selbst zugefügt haben. Das war unverständlich, unnötig, fachlich sinnlos und unerklärbar. Dazu muss man aber auch feststellen, dass diese teilweise vier Jahre alten Bilder gezielt in den Medien platziert wurden, nicht zum Wohle des Pferdes, sondern ausschließlich aus persönlichen Motiven. Auch die kritische Bubble in den sozialen Medien spiegelt nicht die durchweg begeisterte Stimmung auf den Turnieren wider. Wir benötigen nun weitere herausragende Veranstaltungen, die als Multiplikatoren taugen, ich denke da vor allem an die WM 2026 in Aachen. Und wir brauchen neben einer internationalen Strategie in unseren Reihen eine klare Neustrukturierung des nationalen Verbandes. Ende des Monats wird hoffentlich die Wahl eines neuen Präsidenten vollzogen sein.
Die deutschen Reiterinnen und Reiter sind seit langem Garanten für olympische Medaillen, in Paris gab es viermal Gold und einmal Silber. Was sind die Gründe für diese Erfolge?
Michael Jung: Wir haben ein sehr gutes Ausbildungssystem, das uns womöglich von anderen Verbänden unterscheidet.
Isabell Werth: Ja, wir haben zwar bis zu einem gewissen Grad ein gutes Ausbildungssystem, aber wir haben vor allen Dingen die besseren Pferde in Deutschland. Zwar unterstützt der Verband den Spitzensport organisatorisch und dank des DOSB stehen den Reitern die jeweiligen Bundestrainer zur Seite. Aber der Spitzensport hängt, zumindest nicht in der Dressur oder im Springen, vom Verband ab. Das ist eher eine Kombination aus Familientraditionen, Pferdebesitzern, Mäzenen, großen Ställen und professionellen Eigeninitiativen. In der Dressur ist mehr die Passion die Initiatorin, im Springsport sind es die Professionalität und das Geschäft, was zu den Erfolgen führt.
Spürt man denn bei Olympischen Spielen die große sportliche Bedeutung der Reiterei für das Team Deutschland?
Michael Jung: Natürlich gibt es dort, wo es notwendig ist, Unterstützung – ansonsten aber wenig Berührungspunkte zu anderen Sportarten. Da ist man eher als Einzelkämpfer unterwegs.
Haben Sie das Ziel, 2028 in Los Angeles ihr viertes Einzel-Gold zu gewinnen?
Michael Jung: Ich brenne weiter für meinen Sport. Wenn ich gesund und fit bleibe, möchte ich noch lange weiterreiten. Ich habe jetzt zwei kleine Kinder, das Größte für mich wäre, wenn wir in zehn oder 15 Jahren zusammen auf die ersten Turniere gehen könnten. Was Los Angeles angeht: 2028 ist schon noch ein Stück weit weg, aber die Planungen, welches Pferd dort vielleicht gehen könnte, sind natürlich schon da.
Sie haben in Paris angedeutet, dass Sie in vier Jahren einen Doppelstart in der Vielseitigkeit und im Springen erwägen. Gibt es einen neuen Stand?
Michael Jung: Das sind keine konkreten Pläne, die ich da schmiede. Es ist eher ein Traum als ein Ziel, auch bei einem Springen mal in einem Championat dabei zu sein. Ich habe tolle junge Pferde im Stall, aber so etwas muss sich entwickeln.
Frau Werth, Sie sind mit acht Goldmedaillen die erfolgreichste deutsche Olympionikin – streben Sie den neunten Olympiasieg an, mit dem Sie auch international die Nummer eins wären?
Isabell Werth (lacht): Das Ranking sieht doch jetzt schon nicht schlecht aus. Aber es war nie die Statistik, die mich angetrieben hat. Ich werde ganz in Ruhe Jahr für Jahr entscheiden, was passiert. Alles hängt von der Wettkampffähigkeit von mir und meinen Pferden ab.
Aber die WM 2026 in Aachen ist in Ihrem Terminkalender fest vermerkt?
Isabell Werth: Das ist ein ganz klares Ziel. Dort zu starten, wäre ein Wunsch und ein Traum. Ich habe die WM 2006 in Aachen erlebt, das war ein außergewöhnliches Ereignis, das in die Kategorie Paris gehört.
In dieser Woche treffen sich die Reitstars in Stuttgart – was macht das Turnier in der Schleyerhalle aus?
Michael Jung: Für mich als Horber natürlich die Nähe. Die Familie, viele Freunde und Bekannte sind dabei, das sorgt für heimatliche Gefühle. Zudem ist die Stimmung in der Halle immer super. An diesem Mittwoch in diese tolle Arena einzureiten, bedeutet Nervenkitzel und Gänsehaut. Es ist einfach ein superschönes Turnier. Isabell Werth: Das kann ich nur bestätigen. Die Atmosphäre und die äußeren Bedingungen sind exzellent, das Publikum ist einzigartig. Dazu kommt die tolle Mischung. Ein derart abwechslungsreiches Programm mit vier Disziplinen gibt es in der Halle in dieser komprimierten Form nirgendwo sonst. Das ist schon bemerkenswert.