Nicht nur die Tiere, auch die Beamten müssen etwas mitbringen, um bei der Polizeireiterstaffel arbeiten zu dürfen. Sven Staudenmaier hat bereits mit sechs Jahren das Reiten gelernt. Foto: Caroline Holowiecki

Im idyllischen Körschtal ist eine der beiden Reiterstaffeln von Baden-Württemberg stationiert. Dass die Polizeibeamten ausgerechnet Pferde einsetzen, hat im Wesentlichen zwei Gründe.

Filder - Es hat etwas von Bullerbü. Auf saftigen Wiesen an der sanft plätschernden Körsch grasen Pferde. Mehlschwalben flitzen über die Köpfe der stattlichen Tiere, eine der drei Hofkatzen liegt träge auf einem Strohhaufen. Doch der ehemalige Pferdehof der Brauerei-Familie Dinkelacker ist kein Feriendomizil, sondern eine Polizeidienststelle. Im Tal zwischen den Ostfilderner Ortsteilen Kemnat und Scharnhausen ist die Reiterstaffel stationiert. Hier befindet sich die einzige Wache in Stuttgart, in der es nach Heu riecht. Kein Wunder, unmittelbar unter den Büros liegt der Stall.

Die Reiterstaffel sitzt zwar vor den Toren Stuttgarts, seit der Polizeireform 2014 ist sie aber organisatorisch der Bereitschaftspolizeidirektion Göppingen zugeschlagen. Es gibt nur zwei berittene Sondereinheiten in Baden-Württemberg. „Theoretisch werden wir landesweit eingesetzt“, sagt der Leiter, Hauptkommissar Sven Staudenmaier, das Haupteinsatzgebiet deckt allerdings den östlichen Teil ab. Den Westen übernehmen zumeist die Reiter aus Mannheim.

Selbst Hooligans wollen Selfies machen

Hauptsächlich werden Pferde beim Fußball, bei Demos und Großevents eingesetzt. „Beim VfB sind wir immer dabei“, sagt Sven Staudenmaier, auch Freiburg- und Hoffenheim-Spiele gehören zu den Dauerbrennern. In den unteren Ligen hängt es von der Brisanz der Begegnung ab. Doch warum gerade Pferde? Ein Grund ist, dass die Tiere deeskalierend wirken. „Das ist ein Phänomen, sie tragen zur Ruhe bei.“ Pferde sind Sympathieträger, „selbst Hooligans haben schon gefragt, ob sie Selfies machen dürfen“. Zum anderen komme man reitend nahezu überall hin. Aber nicht nur in Extremsituationen kommen die vierbeinigen Polizisten zum Einsatz, sondern auch beim Objektschutz – etwa am Flughafen oder den Kelley-Barracks –, bei Durchsuchungen oder auf Streife. „Wenn einer stiften geht, sind wir meistens schneller“, sagt Sven Staudenmaier und grinst.

Nicht jedes Ross taugt zum Polizeidienst. Interessant sind bereits angerittene, neugierige, gelassene und angstfreie Alphatiere. Württemberger sind dabei und schwere Warmblüter, favorisiert wird aber keine Rasse. Allerdings sind ein einfarbiges Fell – wegen der Erkennbarkeit – und ein Stockmaß ab 1,68 Meter vorgesehen. Bulliger geht indes immer. Der Star in Ostfildern ist der schwarzbraune Carlo. 1,82 Meter Stockmaß, 752 Kilo, „das ist eine Maschine“, sagt Sven Staudenmaier.

Die Pferde müssen vieles über sich ergehen lassen

Bis es losgeht, muss das Pferd eine bis zu anderthalbjährige Ausbildung durchlaufen. Viel ist Gewöhnarbeit. Feuer, Rauch, Böller oder Fahnen dürfen das Tier nicht schrecken. In der Reithalle steht eine Vogelscheuche aus Plastik, der Kanistermann, zur Konfrontation. Oberkommissar Werner Volk übt gerade mit dem fünfjährigen Carlos. Der Hengst muss über raschelnde Folie gehen, während Ballons an seinem Halfter baumeln. Das macht er unbeeindruckt, als sich aber die Longe zwischen seinen Beinen verheddert, geht der Jungspund durch. Übung macht den Meister.

Der Mensch muss auch etwas mitbringen. Wer auf die laut Sven Staudenmaier einzige Dienststelle ohne Zaun will – das liegt an der Lage im Naturschutzgebiet –, muss Reitqualitäten auf A-Niveau und Einsatzerfahrung vorweisen. Der Chef hat bereits mit sechs Jahren im Reitverein Geislingen gelernt. Während er übers Gelände geht, kommen sämtliche Tiere an die Zäune. Auch Lauser, genannt Lausi. Der sechsjährige Hengst knibbelt an der Hand des Polizisten, während der zurückherzt. „Zehn Minuten bissle kraulen und schwätzen muss sein.“ Die Bindung zwischen den 30 Beamten und den 21 Pferden im Körschtal scheint eng, und das ist auch gut so. Die Arbeit baut auf Vertrauen auf. „Wir gehen mit denen durch dick und dünn“, betont er. Dazu gehört für die Beamten auch: ausmisten, striegeln oder für die Tiere das Pferdesolarium anwerfen. „Die Pferde haben es hier traumhaft“, sagt Sven Staudenmaier, „sie haben eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung“.

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