Die Bonlandenerin Gabriella Thess beim Springen in der Schleyerhalle Foto: Günter E. Bergmann - Photography

Die 16-jährige Gabriella Thess vom Reit- und Fahrverein Filderstadt war bei den Stuttgart German Masters am Start. Ihr Trainer traut ihr eine Profikarriere zu.

Dieser Mittwoch, kurz vor 15.25 Uhr. Gabriella Thess reitet ein in den 470 Meter langen Parcours. Zwölf Hindernisse plus zwei Wassergräben warten auf sie. Grundsätzlich so wie in der Vergangenheit auch, seit die Reiterin des Reit- und Fahrvereins Filderstadt an Turnieren teilnimmt. Und dennoch hat die 16-Jährige diesmal erhöhten Puls, stellt der aktuelle Auftritt doch einen Meilenstein ihrer noch jungen Karriere dar. Am Start ist sie im Rahmen des internationalen Reit- und Springturniers Stuttgarter German Masters im weiten Rund der Schleyerhalle vor einem größeren Publikum, genauer gesagt beim Finale des Nürnberger Burg-Pokals der baden-württembergischen Junioren. Am Ende erringt sie den achten Platz unter 15 Teilnehmern.

 
Gabriella Thess. Foto: Günter Bergmann

Das Stechen zu erreichen wäre schön, hatte Thess vor ihrem Ritt als Ziel formuliert. Nach dem Umlauf in etwas mehr als 77 Sekunden ärgerte sie sich gewaltig. „Mann, das hätte ich schaffen können; ich war lange auf Kurs“, sagt sie. Genau gesagt bis zum vorletzten Hindernis, das sie mit ihrer Stute Katootje Blue, Spitzname „Tjutschi“, zwar „nur ganz leicht touchierte“, aber ausreichend, damit der Balken fiel. Die Note von 8,40 Punkten – der Eindruck im Zusammenspiel von Reiter und Pferd – war die beste, die sie bislang in der Serie erhalten hatte, doch der Abwurf bedeutete einen Abzug von 0,5 Punkten und damit war sie „leider raus aus dem Stechen“. Jedoch: Es sei dennoch ein super Gefühl gewesen, in der großen Arena zu reiten – dies mit Unterstützung von zahlreichen Leuten inklusive großem Plakat aus ihrem Verein mit der Aufschrift „Gabriella – wir sind stolz auf Dich!“ Und, nervös gewesen? „Zuvor ja, aber im Parcours keine Spur, es war einfach toll.“

Ihr Abschneiden ist umso höher zu bewerten, wenn man den Werdegang der aus Bonlanden kommenden Reiterin betrachtet. Erst seit März 2024 nimmt sie an Turnieren teil und sagt deshalb lachend: „Ich bin eine extreme Späteinsteigerin. Viele meiner Konkurrenten gehen bereits seit ihrem fünften, sechsten Lebensjahr bei Wettkämpfen über die Hindernisse.“ Zwar hatte Thess in etwa dem gleichen Alter bei der Bonlandener Reitschule Bayha die ersten Kontakte zu den großen Vierbeinern, aber eben „nur hobbymäßig, so wie es kleine Mädchen oft machen“. Danach war einige Jahre Funkstille in Sachen Reiten. Die Familie Thess zog berufsbedingt nach Ungarn und kam erst nach knapp drei Jahren wieder zurück nach Bonlanden. 2022 schloss sich die Tochter dann dem Reit- und Fahrverein an, wo sie anfangs Unterricht bei Sandra Parbel und Dominik Todten nahm. Die entscheidende Wende und der Einstieg ins Turnierreiten kam mit Carl. „Mein erstes eigenes Pferd“, sagt Thess.

Trainer auch in der Schleyerhalle am Start

Zudem nahm der Profitrainer und -reiter Nikolaus Leckebusch-Peters – selbst Teilnehmer in der Schleyerhalle – die Bonlandenerin unter seine Fittiche. Der Kanadier mit Wurzeln im Schwarzwald hat seine Anlage aber nicht um die Ecke, sondern in Wittendorf bei Freudenstadt. Ein großer Aufwand für die nun Elftklässlerin der Waldorfschule Gutenhalde. Das bedeutet: insgesamt vier Stunden Zugfahrt für eine Trainingseinheit, vier- bis sechsmal pro Woche. Aber mit Erfolg. Anfangs noch bei E-Springen, bei denen die Hindernisse nur 85 Zentimeter hoch sind, kam Thess schnell in der Kategorie M und Höhen von 1,25 bis 1,35 Meter an. „Höhenangst“ hat sie keine, wie sie bei der Nürnberger-Burg-Pokalserie unter Beweis stellte.

Sprung ins Finale locker geschafft

Das Pferd hat sie mittlerweile gewechselt. Zu Beginn noch auf der Stute „C’est la vie“, folgte die nächste Weiterentwicklung mit Katootje Blue. Zuerst wollte es beim Probereiten noch nicht so richtig „matchen“. Es sei schwierig gewesen, sie habe sich anders verhalten als die Pferde zuvor, sei viel feinfühliger. Doch ein gewisses gegenseitiges „Feintuning“, und siehe da: „Mittlerweile passt es super, ich gehe auf sie ein, gebe aber die entscheidenden Befehle“, sagt Gabriella Thess. Wohl zutreffend, denn in der Addition der fünf besten Resultate von sieben Wettkämpfen landete sie in der Gesamtwertung der Burg-Pokalserie auf Rang sechs. Locker ausreichend, um sich für das jetzige Finale der besten 15 in der Schleyerhalle zu qualifizieren. Bei zwei anderen größeren Wettbewerben hatte die Filderstädterin in dieser Saison zuvor sogar schon Podestplätze errungen: Platz eins bei den württembergischen Meisterschaften sowie Platz zwei bei den Landestitelkämpfen.

Ob die Saison für die 16-Jährige, die sich vorstellen kann „Reiten zum Beruf zu machen“, nach dem Höhepunkt in Stuttgart abgeschlossen ist, steht noch nicht fest. Fest steht aber bereits für ihren Trainer Leckebusch-Peters: „Sie ist ehrgeizig und hat das Zeug zum Profi, ist in ihrem jetzigen Alter schon weiter als ich es damals war.“ Und fest steht auch: „Im nächsten Jahr will ich wieder in der Schleyerhalle reiten“, sagt Thess. Dann wohl erneut an einem Mittwoch.