Kleinere Kinder sind im Flugzeug nicht wirklich geschützt. Foto: Sergey Novikov / Fotolia

Ein stiller Skandal: Die Kleinsten reisen im Flieger auf dem Schoß der Mutter oder des Vaters. Wirklich sicher wäre nur ein richtiger Autokindersitz.

Niemand käme auf die Idee, im Auto ein Kind der Mama auf den Schoß zu setzen und das dann auch noch für sicher zu halten. In Flugzeugen geschieht genau das: Kinder bis zu zwei Jahren sitzen bei Mama oder Papa auf dem Schoß und werden dort mit den bloßen Händen festgehalten. Bei Start und Landung kommt dann üblicherweise ein Schlaufengurt, der sogenannte Loop Belt, zum Einsatz, der am Gurt des Erwachsenen eingehängt wird. Von Sicherheitsgurt kann man allerdings auch da nicht wirklich sprechen. Nach Tests des Tüv Rheinland würde das Kind bei einem Unfall vom Erwachsenen regelrecht zusammengequetscht werden. „Das Kind wird im Notfall zum Airbag für den Erwachsenen“, warnt ein Tüv-Sprecher vor dem weltweit eingesetzten Schlaufengurt. Für die Sicherheitsingenieure ist klar: Sicherheit für Kinder im Flugzeug gibt es nur mit einem geeigneten Autositz. Das bestätigt auch das Luftfahrtbundesamt. Es hat bereits 2008, bei der Einführung der Schlaufengurte, auf die mangelnde Sicherheit hingewiesen und die Fluggesellschaften aufgefordert, Kindersitze bereitzustellen. Passiert ist nichts.


Der normale Flugzeuggurt würde im Fall des Falles tief in die Weichteile einschneiden

Wirklich geschützt durch den normalen Gurt sind den Experten zufolge erst größere Kinder, der Tüv spricht von wenigstens 125 Zentimeter Körpergröße. Deshalb empfehlen die Sicherheitsexperten für Kinder bis etwa sieben Jahre ebenfalls den Autositz. Der normale Flugzeuggurt würde nämlich im Fall des Falles tief in die Weichteile einschneiden, weil die Beckenknochen eines Kindes noch nicht so stabil sind. Geeignete Sitze gibt es zuhauf. Die meisten Eltern fahren sie ohnehin in ihrem Privatwagen herum. Wichtig ist, dass sie vernünftig in einen Zweipunktgurt eingehängt werden können. Zahlreiche Autositze dokumentieren dies durch das Tüv-Siegel „For Use in Aircraft“ („Zur Benutzung in Flugzeugen“). Allerdings ist das noch keine Garantie, dass man den eigenen Sitz auch verwenden darf. Jede Airline hat dazu andere Vorschriften. Deshalb sollte man das unbedingt vorher mit der Fluggesellschaft abklären. Meistens gibt es auf der Website der Fluggesellschaft ein Formular oder eine Web-Adresse (bei Condor z. B. unter „Familien und Kinder“).


Dort steht allerdings auch der Haupthinderungsgrund, warum Kleinkinder nicht speziell gesichert werden. Im Gegensatz zum Transport auf dem Schoß der Mama beansprucht der Autositz einen eigenen Flugsitz. Und der muss von den Eltern voll bezahlt werden. Das jedoch tut kaum jemand, solange die Lösung mit dem Schlaufengurt nicht verboten ist und die Fluggesellschaften nicht entsprechend aufklären. Die ziehen sich bequem aus der Affäre: Sie weisen zwar im Serviceteil ihrer Internetseiten auf die Möglichkeit hin und empfehlen auch den Transport im Kindersitz, aktiv beim Ticketkauf wird der einzig sichere Transport von Kleinkindern aber nicht beworben. Und Kindersitze zum Ausleihen bietet von den großen deutschen Ferienfluggesellschaften auch keine an. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Airlines ihre Sitze lieber an voll zahlende Erwachsene verkaufen als zum reduzierten Kindertarif. Auf Anfrage verweisen Fluggesellschaften gern darauf, dass keine Verletzungen aufgrund von Loop Belts bekannt seien. Es gibt allerdings auch keine Statistik dazu. Und so muss vermutlich erst etwas Schlimmes passieren, bis sich die Vorschriften ändern.

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