Else und Kurt Hetzel im Jahr 1972 bei der Eröffnung ihres Hotels in Schluchsee.

 Foto: SDR/Winkler

An der Platja de Muro auf Mallorca ist eine Straße nach ihr benannt: Die Reisepionierin Else Hetzel feiert bald den 95. Geburtstag. Das Stuttgart-Album erinnert an die ersten Züge mit Hetzel nach Italien in den 1950ern und die ersten Charterflüge in den 1960ern.

Stuttgart - Chianti in der Korbflasche, Amore mit Papagalli. Keine zehn Jahre nach Kriegsende kamen die Deutschen dahinter, was unter „bella Italia“ zu verstehen ist. Bereits 1954 haben Else und Kurt Hetzel damit begonnen, Sonderzüge mit sonnenhungrigen Schwaben nach Sizilien zu schicken.

In den ersten Jahren fuhr das Chefpaar des neu gegründeten Reiseunternehmens von Stuttgart zum Badeurlaub nach Taormina immer mit, um als Betreuer vor Ort selbst dafür zu sorgen, dass die neue Art von Ferien und Völkerverständigung ihre Chance nutzte.

Man brauchte gute Nerven. Es gab viel zu tun, wie sich Else Hetzel erinnert. „Die Sehnsucht unserer Kunden war sehr groß, nach dem Krieg die deutschen Grenzen zu verlassen“, sagt sie, „in Italien war es aber schwer, für diese große Nachfrage genügend Betten zu finden.“

Den 95. Geburtstag feiert sie im Schloss Solitude

Im Glanz der harten D-Mark sonnten sich die deutschen Urlauber und lästerten über kleine Kaffeetassen. Zurück fuhren sie mit bastumhüllten Chiantiflaschen, in die sie daheim Kerzen steckten.

Am 7. September will Else Hetzel im Schloss Solitude ihren 95. Geburtstag groß feiern. Reisen kann sie nicht mehr, freut sich aber, dass zu ihrem Fest viele ehemalige ­Hetzel-Mitarbeiter kommen. Dabei gibt es die Firma seit 20 Jahren nicht mehr. „Wir sind noch immer eine große Familie“, sagt die gebürtige Sächsin, die mit ihrem Mann Kurt Hetzel, einem gebürtigen Stuttgarter, Tourismusgeschichte geschrieben hat.

Der Name Hetzel steht für die Erfindung der Charter- und Kurzflugreise. Das als „Gesellschaft für Studien- und Ferienreisen“ gegründete Unternehmen startete 1963 den Luftverkehr mit propellergetriebenen DC 7 nach Barcelona. Die beiden Hetzels feierten, blumen- und pralinenbewaffnet, das Ereignis mit Passagieren. „Mit Hetzel reisen, das war, wie wenn man ein Stück Heimat mitnimmt“, schreibt Gisela Salzer-Bothe im Facebook-Forum des Stuttgart-Albums. ­Etliche erinnern sich an das Hetzel-Hotel im Hochschwarzwald in Schluchsee, an dessen Finanzierung sich 3600 Gesellschafter beteiligten. Zur Einweihung komponierte Firmenchef Kurt Hetzel, der 1985 im Alter von 64 Jahren gestorben ist, eine „Schluchsee-Kantate“ und dirigierte die Uraufführung.

1996 musste Hetzel Konkurs anmelden

In der Reisebranche wurde die Konkurrenz immer größer. „Gegen die Großen hatten wir keine Chance“, sagt Else Hetzel, „die konnten 400 Betten zu anderen Konditionen buchen – wir zahlten für 100 viel mehr“. Schon früh habe sie ihren Mitarbeitern gesagt, „Tui wird unser Totengräber“. 1996 musste Hetzel Konkurs anmelden. Ironie der Geschichte: Das Hotel Grupotel Alcudia, das an der Else-Hetzel-Straße auf Mallorca liegt, gehört heute zum Angebot von Tui.

Zu unserem Geschichtsprojekt „Stuttgart-Album“ sind im Silberburg-Verlag zwei Bildbände erschienen.

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