Spektakuläre Küsten hat Kantabrien in allen Varianten zu bieten. Foto: Bettina Bernhard

Vorne spektakuläre Küsten, mittendrin wilde Bären und sagenhafte Höhlen, dahinter schneebedeckte Berge: Warum kennt keiner Kantabrien, Spaniens zweitkleinste Autonomieregion?

Bei Spanien denkt man an Sand und Salz und Sonne, an sommerliche Hitze und ausgedörrte Landschaften. Doch Spanien gibt es auch in Grün, mit hohen Bergen, grünen Wäldern, frischem Wind und dem dafür nötigen Regen. Die kleine nordspanische Region Kantabrien begeistert mit landschaftlicher Vielfalt, mit Geschichte, Natur, Kultur und Kulinarik. Fünf Gründe, warum sich eine Reise dorthin lohnt.

 

1. Spektakuläre Steilküsten

220 Kilometer Küstenlinie. Und was für welche! Wellen, die direkt von Amerika über den Atlantik gerollt kommen, schäumen auf weiße Sandstrände oder krachen gegen spektakuläre Steilküsten, auf deren grünem Dach wahlweise Weidevieh oder Wanderer an der Kante entlangbalancieren und auf die Naturgewalt des Wassers starren.

Faszinierend und fotogen sind alle Küstenabschnitte, einer lockt Wissenschaftler aus aller Welt: Die Costa Quebrada, zu Deutsch „gebrochene Küste“ entstand, als die Erdplattenverschiebungen auf 40 Kilometer Länge ein Gebirge aus dem Meer drückten, dessen Reste nun vor der Küste aus dem Wasser ragen. An den Bogen und Türmen, den schrägen Schichtplatten und den Tafelbergen nagen unermüdlich Wellen, Wind und die Gezeiten.

„So viele verschiedene Reliefformen auf so geringer Entfernung – das hat internationale Relevanz“, versichern Javier Alvaro und Indira Ruiz von der Initiative Geopark. Diese bemüht sich um die Aufnahme der Küste in die Unesco-Geoparks. Während die beiden die Besonderheiten „ihrer“ Küste erklären, donnert das Meer gegen die Felsen, gurgelt in Löchern, spritzt über Kanten, und der Wind weht jedes zweite Wort davon. So stark ist er, dass sich jeder Fotograf, sobald er aus dem Windschatten des Aussichtshügels heraustritt, sofort hinsetzt und die Kamera mit beiden Händen festhält.

2. Naschbären und brunftige Hirsche

„Bärental“ nennen Einheimische das Gebiet um Pesaguero im Naturreservat Saja-Nansa. Das hat einen guten Grund: „18 Bären hatten wir nachts im Dorf Avellanedo. Wir haben sie mit Schüssen vertrieben“, berichtet die Biologin Virginia Fernandes. „Die Tiere naschen von den Obst- und Nussbäumen“, weiß sie und zeigt auf große Haufen am Wegesrand.

In den Hinterlassenschaften der Bären stecken Pflaumenkerne und Nussschalen. Zu sehen bekommt man den kantabrischen Braunbären selten, und Probleme mache er auch nicht, versichert Fernandes, er habe nur welche: Erst rottete man ihn fast aus, jetzt trennt eine Autobahn die letzten Populationen. Um Inzucht zu vermeiden, versucht man die Bärengruppen mittels Brücken wieder zu mischen.

Dagegen sind die Bauern nicht gut auf die Wölfe zu sprechen. Die dürfen seit einem Jahr nicht mehr getötet werden, und das hat die Zahl der Schafe stark dezimiert. Ganz unumstritten ist das Rotwild in den Wäldern der Sierra de Ibio. Wer sich frühmorgens in die Braña de la Silla del Oso aufmacht, erlebt die Hirschbrunft mit allen Sinnen. Überall röhrt und tönt es, Naturführer Ion Palazuelos übersetzt: „Der eine Ruf lockt die Mädels an, der andere vertreibt die Konkurrenz.“

3. Wo Kalk als Künstler wirkte und Urmenschen malten

Die Überraschung gelingt perfekt. Im flackernden Dämmerlicht führt Jezabel Tazon ihre Gäste durch einen nüchternen Bergwerksstollen hinein in den Berg. Dann macht sie Licht, und man findet sich wieder in einer gigantischen Wunderwelt aus Kalkstein. Die Höhle El Soplao – entdeckt 1908 von Bergleuten, die bei der Ortschaft Rábago Blei und Zink schürften – ist 27 Kilometer lang und voll von filigranen, Korallenriff-ähnlichen Gebilden an der Decke, von Formationen im Zuckerbäckerstil, von monumentalen Kalk-Phalli und steinernen Wasserfällen.

„Die Bergleute staunten nicht schlecht, als sie beim Graben plötzlich in einer Halle landeten“, berichtet die Höhlenführerin. Als dann aber im Licht ihrer Stirnlampen weiße Geistergestalten auftauchten, die sich zu bewegen schienen, nahmen sie erst einmal Reißaus, um später, besser ausgerüstet, wiederzukommen. Bis 1978 betrieb man dort Bergbau, sorgsam um die Höhle herum, die parallel dazu erforscht wurde. Seit 2005 ist sie samt Infozentrum und Führungen für Touristen ausgebaut.

Noch nicht abgeschlossen sind die Forschungen in der El-Castillo-Höhle, die mit ihren 40 000 Jahre alten Höhlenmalereien zum UNESCO-Welterbe zählt. Das verrät die Gruppe Archäologiestudenten auf dem Gerüst im Eingangsbereich. Die El-Castillo-Höhle gehört zu einem Höhlenkomplex bei Puente Viesgo. Das Innere der 1903 entdeckten Höhle beeindruckt mit seiner Größe. Urmenschen lebten hier in einer mehrstöckigen Steinkathedrale mit Tropfsteinen und Felsformationen, deren Wände sie mit Zeichnungen und Handabdrücken verzierten. In Kantabrien sind laut Höhlenführerin Mercedes Valeiro mehr als 6500 Höhlen dokumentiert, zehn von ihnen zählen zum Weltnaturerbe.

4. Seefahrer sichten Europas Spitzen

„Das Erste, was Seefahrer aus der neuen Welt von Europa sahen, waren die schneebedeckten Gipfel hinter der Bucht von Santander – die Picos (Spitzen) de Europa“, erzählt Mario Gutierrez. Er ist Wanderführer im Nationalpark Picos de Europa, jenem Gebirgszug, dessen Gipfel sich bis auf 2646 Meter hinaufrecken. Tiefe Schluchten teilen das Gebirge in die drei Massive West, Mitte und Ost – eines schöner als das andere. Die einzige Bergbahn führt von Fuente Dé hinauf in die Puertos de Áliva.

Hier wandert man zwischen Felstürmen und Geröllhalden, imposanten Steilwänden und steinernen Zacken, die an die Dolomiten erinnern. Wildpferde kreuzen den Weg, am Himmel kreisen die Geier, und mit etwas Glück entdeckt man Steinadler oder Gämsen zwischen Felsengrau und Flechtengrün. Der Blick ins Tal eröffnet die Aussicht auf urige Dörfer, zumeist aus Natursteinhäusern, und auf das üppige Grün, das diese Landschaft den Picos verdankt: Als erste hohe Barriere fängt das Gebirge sämtliche Atlantiktiefs ein und beschert dem sonst so trockenen Spanien seinen grünen Norden. Dafür gehört zur Sonnencreme immer auch ein Regenschutz.

5. Jakob kennt jeder – und den heiligen Turibius?

Wo, wenn nicht in Nordspanien, sollte der Jakobsweg allgegenwärtig sein – ist sein Ziel doch Santiago de Compostela im äußersten Nordwesten. Doch während sich die Standardstrecke, der Camino Francés, von der französischen Grenze über Pamplona, Burgos und Leon auf staubigen Straßen durchs sommerheiße Landesinnere zieht, hat der Norden die geniale Alternative parat: Der Küstenweg (Camino del Norte) führt von San Sebastián über Santander und Oviedo an der Atlantikküste entlang durch die Naturparks von Kantabrien. Dank häufiger Niederschläge ist es hier schön grün und selbst im Sommer wanderbar. Seewind bläst immer, und irgendeine Wolke spendet verlässlich Schatten.

Wer sich das Pilgererlebnis nicht mit der halben Welt teilen will, dem sei der Camino Santo Toribio empfohlen. Der zweigt bei San Vicente de la Barquera von der Küste ab und führt über schmale Pfade durch die Berglandschaft der Picos de Europa. Durch wilde Schluchten, einsame Täler und pittoreske Dörfer verläuft der 72 Kilometer lange Pilgerweg und endet im einsamen Kloster Santo Toribio de Liébana. Es gehört zu der Handvoll Klöster weltweit, die ein Heiliges Jahr feiern dürfen, und zwar immer, wenn der Tag des heiligen Turibius (16. April) auf einen Sonntag fällt – so wie 2023 wieder.

Info

Anreise
Eurowings fliegt von Stuttgart nach Bilbao, www.eurowings.com, Lufthansa via Frankfurt ebenfalls, www.lufthansa.com. Vor Ort empfiehlt sich ein Mietwagen. Der Zug fährt über Frankreich und Barcelona nach Santander, www.bahn.de

Unterkunft
Die Posada Sierra de Ibio ist ein reizendes kleines Landhotel am Eingang zum Naturpark. DZ/F ab 105 Euro, www.posadasierradeibio.com Das Hotel Valdecoro residiert in Potes im Tal von Liebana, DZ/F ab 70 Euro, www.hotelvaldecoro.com In Laufweite zum Stadtstrand von Santander liegt das Hotel Santemar. DZ/F ab 75 Euro, www.hotelsantemar.co Ebenfalls in der Nähe des Meeres befindet sich in Santander das Hotel Chiqui mit sehr gutem Restaurant, DZ/F ab 91 Euro, www.hotelchiqui.com

Essen und Trinken
Urig: Bodega del Riojano in Santander, www.bodegadelriojano.com Originell: Bodegas Miradorio in Ruiloba, www.miradorio.com Gemütlich: Casa Cayo in Potes, www.casacayo.com

Aktivitäten
Naturwanderungen in Potes mit Naturea Cantabria, www.redcantabrarural.com Bergtouren in den Picos mit El Portal de Picos, www.elportaldepicos.com Küstenwanderungen bieten www.cantabriaexperimental.com und https://parquegeologicocostaquebrada.com Höhlenführungen gibt es in El Soplao, www.elsoplao.es, und am Monte Castillo, www.cuevas.culturadecantabria.com

Buchtipp
Der druckfrische Rother Wanderführer Kantabrien von Martin Stüllein erschließt die ganze Naturpracht in 51 Wanderungen. 208 Seiten, 16,90 Euro

Allgemeine Informationen
Tourismus Kantabrien, www.turismodecantabria.com Spanisches Fremdenverkehrsamt, www.spaininfo.de