In New Braunfels steigt seit 61 Jahren das Wurstfest – mit viel Bier, Trachten und deutschen Wurstspezialitäten. Foto: www.mikiefarias.com/Christopher Farias

Im texanischen New Braunfels werden nicht nur auf dem Wurstfest deutsche Wurzeln gefeiert. In Fredericksburg erinnert ein spannendes Museum an die ersten Jahre der Siedler aus Good old Germany vor über 175 Jahren.

Die Virtuosen der Beethoven German Dance Band blasen in ihre Posaunen und lassen die Halle beben. Lederhosen-Musik. Man haut auf die Pauke, dass die Trachtenhütchen von den Köpfen rutschen. Im Stelzenhaus steigt die Stimmung, und die mit 1,89 Liter Bier gefüllten Pitcher leeren sich rasch. „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ steht auf den Plastikbechern. Schließlich soll jeder mitsingen, der will. Auch wenn er sonst kein Wort Deutsch spricht und versteht. Denn in New Braunfels steigt das Wurstfest. Und das seit 61 Jahren.

 

Deutsche Gemütlichkeit in Texas

Deutsche Gemütlichkeit, Würstchen am Spieß, Jumbo-Brezeln, Sauerkraut nebst Schnitzeln – und natürlich deutsches Bier. Davon reichlich. Wenn auch erst ab 21 Jahren. Texas hat da strenge Regeln. Aber ganz so genau nimmt man das in diesen besonderen Tagen hier nicht.

Das Wurstfest (Eigenwerbung „The best ten days in sausage history“ – die besten zehn Tage in der Würstchen-Geschichte) ist so etwas wie das texanische Oktoberfest. 230 000 Besucher in zehn Tagen sorgen in den vier großen Hallen – die man hier Zelte nennt – und in Krause’s Biergarten für ordentlich Stimmung und Umsatz. Denn in und um New Braunfels herum frönt man seinen deutschen Wurzeln, mag die Grenze zu Mexiko auch nur gut zweieinhalb Autostunden entfernt sein. Deutsch, das war sein letztes Wort: Rennie und seine Happy Travelers, wohlbeleibte ältere Herren in braunen Lederhosen, treffen da den richtigen Ton, wenn auch den nicht immer genau.

Bid Daddy der Texas Braunfelser

„Mein Vater war ein Wandersmann“, singt Rennie Guenther und „Seemann, lass das träumen“. Da verlieren sie bierselig im weiß-blauen Texas dann doch zwischen Hamburg und München etwas den Überblick. Maritimes ist hier eigentlich nicht angesagt. Der nahe Comal ist mit seinen vier Kilometern Amerikas kürzester schiffbarer Fluss.

Bob DiFanzo – rotes Wams, Lederhose, gelbe Feder am Filzhut – ist in diesem Jahr der Chef vom Ganzen. Der Big Daddy. Der sechsfache Großvater darf sich „großer Opa“ nennen, was mit seinen Enkelchen nichts zu tun hat. In Wurstfest-New Hampshire ist der „große Opa“ eine Mischung aus Karnevalsprinz und Schützenkönig, die Krönung für jeden Texas-Braunfelser.

„Opa“ und „Oma“ nennen sie die vielen freiwilligen Helfer und Helferinnen, die das Wurstfest organisieren. Leute wie Mallory Hines, die in einer Art Dirndl in den Zelten nach dem Rechten schauen und Gäste betreuen. Mallory ist 36. Eine heiße „Oma“. Und stolz auf ihre Stadt, auch weil in dem noch immer bestehenden Phoenix-Saloon erstmals in Texas Frauen bedient wurden. Lang ist’s her.

Pioniere kommen über den Großen Teich

Schwarz-Rot-Gold: In und vor den „Zelten“ wehen gefühlt mehr deutsche Fahnen als in Berlin-Mitte. Eine Lederhose gibt’s an einem der vielen Verkaufsstände für 289 Dollar. Der Kuchenladen heißt Naegelin. Ihn gibt es in New Braunfels seit sechs Generationen. Die Gegend hier ist deutsches Kernland. Tara Kohlenberg erklärt im schmucken Sophienburg-Museum die Geschichte jener bis um 1900 rund 40 000 Pioniere, deren Vorhut vor gut 175 Jahren über den Großen Teich aus Deutschland nach Texas kommen. Angelockt von einem „Mainzer Adelsverein“ von Bodenspekulanten, an deren Spitze Carl Prinz zu Solms-Braunfels als Generalkommissar „für den Schutz deutscher Siedler“ steht. New Braunfels wird am 8. Mai 1845 gegründet.

Entbehrungsreiches Leben im versprochenen Land

Vier Monate gibt Hermann Seele, der Bürgermeister, unter Eichen für die Kinder unter Eichen die ersten Unterrichtsstunden. Schnell wächst das deutsche Leben. Ferdinand Lindheimer gründet die „Neu-Braunfels-Zeitung“, die sich als „New Braunfels Herald-Zeitung“ ins 21. Jahrhundert retten kann. Das Leben auf dem versprochenen Land ist entbehrungsreich.

Später kommen Fritz Früholz und seine Frau Bertha, geborene Eberle, jeder mit einem frischen Sehr-gut-Examen der Tübinger Eberhard-Karls-Universität als Doktoren nach New Braunfels – als Zahn- und Augenarzt, Internist und Chirurgen in einem. Gesprochen wird Texasdeutsch. Mehr Deutsch als Englisch. Wird hier heute noch Deutsch gesprochen? „Immer weniger“, sagt Tara Kohlenberg, auch wenn Deutsch in vielen Schulen als Wahlfach angeboten werde.

Romantisiertes Deutschtum

Deutsche Geschichten, deutsche Schicksale. Auch in Gruene, das von Ernst Grüne und seiner Braut Antoinette gegründet wurde. Ein paar Holzhäuser, ein General-Store, rund 30 Baumwoll-Farmer und ihre Familien – bis heute verströmt das Dorf echten Western-Charme. Vor allem wegen seiner alle Höhen und Tiefen überdauernden Musik- und Tanzhalle, unter deren rostigem Wellblechdach die Zeit stehen zu bleiben scheint. „Welcome Cowboys“ liest man hinter der langen Holztheke. Die regelmäßigen Countrymusik-Auftritte tun ihr Übriges.

„Bergvagabunden sind treu“, singt Rennie. Das Deutschtum werde romantisiert, findet Vera Deckard. Sie kam 1982 aus Hamburg und gründete in San Antonio vor fünf Jahren mit ihrem Mann Brent und Küchenrezepten die „Künstler“-Brauerei. Am WC steht „Damen“ und „Herren“, ansonsten „machen wir keine übertrieben deutschen Sachen“. Außer Kölsch, Pils, Alt und 13 weiteren Biersorten – und Obatzda. Deutsch sei hier ein sehr positiver Begriff, sagt Wurstfest-Direktor Dan Tharp, um zwischen Lederhosen, Dirndln und Cowboyhüten einzuräumen: „Unterm Strich ist das Interesse an Bier und Würstchen wohl größer als das an Germany.“

Texas

Anreise
Nach San Antonio u. a. ab Stuttgart über Amsterdam und Atlanta mit KLM, www.klm.com.

Unterkunft
Fredericksburg: Trueheart-Hotel, entzückendes Boutique-Hotel mit 13 individuellen Häusern im Ortskern, ab 220 Euro, www.thetruehearthotel.com.San Antonio: Canopy Riverwalk, direkt am Flussweg in zentraler Lage, DZ ab 180 Euro, www.hilton.com. San Antonio: Emma, nobles und lebhaftes Haus in der historischen Pearl-Brauerei, DZ ab 470 Euro, www.online-reservations.com.Gruene: Mansion Inn, stimmungsvolles Haus, DZ ab 120 Euro, www.gruenemansioninn.com.

Essen und Trinken
Gruene: Gristmill, nahe am Guadalupe-Fluss und dem alten Wasserturm gelegen, Restaurant mit typisch texanischen Gerichten in einer historischen Getreidemühle www.gristmillrestaurant.com; www.jelly.com.Fredericksburg: Hill and wine, seit 2012 bieten Jesse und Sarah Barter spannende Kombinationen texanischer Gerichte mit heimischen Pfirsichen von Fischer & Wieser, scharfen Pecannüssen, Blätterteig-Kuchen und Texas Rum. Nicht billig, aber preiswert, www.rockandwinemag.com. San Antonio: Burgerteca, Burger-Restaurant im King William District in mexikanischem Stil. Besonders gut: die Queso Fundido Pommes, www.chefjohnnyhernandez.com.

Aktivitäten
Luckenbach: Der Ort hat nur drei Einwohner, ist aber seit 1973 Mekka der Country-(Outlaw)-Bewegung. Willie Nelson und Waylon Jennings setzten dem Ort mit dem Lied „Luckenbach, Texas“ ein Denkmal, www.luckenbachtexas.com.Enchanted Rock: 30 Kilometer von Fredericksburg, 665 Hektar großer State Park im Nordosten der Hill Country Region mit 130 Meter kuppelförmigen Granit-Monolithen, einem der größten in Nordamerika, www.texasstateparks.org. King William District San Antonio: 25 Straßenblocks großer im späten 19. Jahrhundert von deutschen Siedlern gegründeter Bezirk, einer der elegantesten der damaligen Zeit, www.guentherhouse.com. San Antonio: Missions National Historical Park, Entlang des San Antonio Revers wurden zwischen 1718 und 1731 fünf spanische Missionsstationen errichtet. Darunter The Alamo, berühmt durch den gleichnamigen Film mit John Wayne. San Antonio Riverwalk: Der unterhalb der Straßenhöhe angelegte Spazierweg folgt dem Lauf des San Antonio Flusses und ist das Zentrum abendlicher Unterhaltung und Bootstouren. Market Square San Antonio: Größter mexikanischer Markt der USA mit einem Warensortiment, das die ethnische Vielfalt widerspiegelt.

Allgemeine Informationen
www.visitsanantonio.com; www.nps.gov/saan; www.traveltexas.de.