Mehr Nationalpark geht nicht: Namibias Caprivizipfel ist ein grandioses Schutzgebiet mit imposantem Wildtierbestand.
Es ist nicht überliefert, dass Leo von Caprivi jemals den Boden des nach ihm benannten Landzipfels im Süden des afrikanischen Kontinents betreten hat. Vielleicht hat er sich auch nur vor gesundheitlichen Risiken gefürchtet. Denn wahrscheinlich ahnte der Adlige in Staatsdiensten, was erst Jahre später der Kaiserliche Resident, Hauptmann Kurt Streitwolf, warnend nach Berlin telegrafierte. Erst 1908 hatte Streitwolf den Caprivizipfel erkundet und schlug umgehend vor, den „malariaverseuchten Caprivizipfel“ doch lieber gegen eine wertvollere Region zu tauschen.
Seltsamer Name für einen Nationalpark
Reichskanzler Caprivi, der sich in den großen Fußstapfen seines Vorgängers Otto von Bismarck ein wenig verlor, hatte im Juli 1890 mit England einen Vertrag ausgehandelt, in dem Berlin auf Ansprüche an Sansibar verzichtete, sich aber im Gegenzug den Zugang zum Sambesi sicherte, um sich dem Kolonialbesitz in Ostafrika territorial zu nähern. Der Name für diese Landbrücke hatte Bestand bis zum Jahr 2013. Erst dann entledigte sich das 1990 unabhängig gewordene Namibia dieses kolonialen Erbes.
Der Caprivizipfel mutierte zur Region Sambesi, der westliche Teil zu Kavango-Ost. Aber der Name Caprivi beherrscht in vielen Varianten noch immer den namibischen Alltag, nicht nur in der Region. Das ist Kolonialgeschichte. Heute hat sich der Caprivizipfel zu einem unentbehrlichen Bestandteil eines grandiosen Naturschutzgebietes gemausert.
Wildtiere live erleben
Eine Fahrt durch den Caprivizipfel beginnt in Rundu, Namibias zweitgrößter Stadt am Okavango. Auf der B 8 führt die Reise nach Osten über Hunderte von Kilometern durch einen riesigen Nationalpark. Nirgends ist der Landstrich breiter als 100 Kilometer. Immer wieder warnen eindeutige Schilder vor Antilopen, Elefanten und Wildhunden, die die schnurgerade Asphaltpiste unvermutet überqueren könnten.
Der Bwabwata-Nationalpark gehört zu den wenigen Schutzgebieten in Namibia, die bewohnt sind. Zu beiden Seiten der Straße haben sich kleine Siedlungen eingenistet, alle sorgsam durch oft mannshohe, stabile Holzzäune vor neugierigen oder fresslustigen Wildtieren geschützt.
Die Rundhütten, Rondavels genannt, sind traditionell mit Schilf gedeckt. Andere Hütten, oft mithilfe von Wellblech gebaut, leuchten in einem satten, kräftigen Blau, offenbar die Lieblingsfarbe ihrer Bewohner. Immer wieder lassen Schilder erkennen, dass die Sambesi-Region kein bildungsfernes Niemandsland ist: Schulen hier, Schulen da. Kinder winken den wenigen vorbeifahrenden Autos zu oder hüten die braun-weißen Ziegen, die fast zu jedem Haushalt in der Gegend gehören.
Beeindruckende Popa Falls
In Divundu, etwa auf der Hälfte der Caprivi-Landbrücke, zweigt der Weg zu den Popa Falls ab. Der Kwando stürzt hier über riesige Steinblöcke aus eher harmloser Höhe in die Tiefe. Sie verdienen es nicht, mit den grandiosen Victoriafällen verglichen zu werden. Aber nachts können die gurgelnd rauschenden Wassermassen den Gästen in der nahe liegenden Lodge sehr wohl den Schlaf rauben. Der vermeintliche Traum, man übernachte nahe einem großen Verschiebebahnhof, ist dann doch nur ein Traum.
Mudumu- und Mamili-Nationalpark
Dort, wo der Landstreifen sich zum Zipfel ausstülpt, schließen sich weitere Nationalparks an: der Mudumu- und Mamili-Nationalpark. Und weiter nach Osten der Chobe-Nationalpark, der zum überwiegenden Teil zu Botsuana gehört. Es brauchte viele Jahre, bis die Regierungen dieser Länder im südlichen Afrika erkannten, dass die Finanzquelle Tourismus auf Dauer nur sprudelt, wenn es gelingt, den Tierbestand zu erhalten.
Es war nicht immer leicht, die einheimische Bevölkerung davon zu überzeugen. Denn gejagte Antilopen können den Fleischbedarf der Menschen sichern und das Elfenbein der Elefanten war schon immer eine reizvolle, wenn auch illegale Verdienstquelle. Und schließlich lassen sich Elefanten nur ungern von den schmackhaften Feldfrüchten der Bauern fernhalten. So wenig wie räuberische Paviane Rücksicht auf arglose Touristen nehmen. Ein offenes Fenster im Lodge-Quartier kann schnell nicht nur zum Verlust von Essbarem, sondern auch von den unentbehrlichen Schlüsseln für das Mietauto führen.
Immer noch kommen ausländische Jäger
Aber immer noch reisen Ausländer nach Namibia, wenn auch überwiegend in Gegenden außerhalb des Caprivizipfels. Diese besondere Spezies von Touristen ignoriert den engagierten Wildschutzgedanken schieß- und trophäensüchtig. In den Shops der Tankstellen im und am Caprivizipfel liegen jagdwaffenstarrende Zeitschriften zum Verkauf aus.
Was so gar nicht im Einklang mit den Plänen der fünf Anrainerstaaten ist, die sich dem Natur- und Tierschutz verschrieben haben. KAZA – Kavango Zambezi Transfrontier Conservation Area – heißt das anspruchsvolle Projekt, das sich seit 2011 die Länder Angola, Namibia, Sambia, Simbabwe und Botsuana vorgenommen haben. Der Superlativ beeindruckt: Es ist das größte grenzüberschreitende Naturschutzgebiet der Welt und der legendäre Caprivizipfel liegt in seinem Zentrum.
Elefanten am Ufer des Chobe River
Am letzten Abend am Chobe River demonstrieren es die Tiere selbst, was sich hinter dieser Idee verbirgt. Den sanften Hang am botsuanischen Ufer des Chobe River schreiten ein Dutzend Elefanten zum Wasser hinab. Während die sich verabschiedende Sonne die Szenerie in blutrotes Licht taucht, nehmen die grauen Riesen genüsslich ein Bad. Sie denken nicht im Traum daran, wieder zurück auf botsuanisches Territorium zu wandern. Sie queren den Fluss und nähern sich dem idyllischen Zeltcamp auf namibischer Seite.
Und in diesem Moment wird auch dem afrikafernsten Reisenden klar, dass sich wandernde Tiere nicht von Staatsgrenzen beeindrucken lassen und dass es sehr wohl sinnvoll ist, den Ess- und Feuerplatz des Zeltcamps mit meterhohen Palisaden einzuzäunen.
Info: Namibia
Anreise
Eurowings fliegt von Frankfurt nach Windhuk, www.eurowings.com. In Namibia empfiehlt es sich, einen Mietwagen zu buchen, mit dem auf zum überwiegenden Teil asphaltierten Straßen der Caprivizipfel angesteuert werden kann.
Veranstalter
Individuell ausgestaltete Reisen in den nordnamibischen Teil des Landes, aber auch in andere Regionen, organisiert Afrika Reisen Exklusiv. Die beschriebene Reise – 15 Tage, inkl. Flug, zu viert im Mietwagen – kostet 4300 Euro. Weitere Infos unter Tel. 0 22 24 / 90 03 63 sowie www.afrika-reisen-exklusiv.com.Andere Veranstalter haben manchmal auch den Caprivizipfel in ihren Reiseprogrammen. So etwa Studiosus: Dort kostet eine 14-Tage-Tour in kleiner Gruppe nach Caprivi und Botsuana inkl. Flug 6390 Euro, www.studiosus.com. World Insight bietet eine Gruppenreise 17 Tage Sambesi-Region und Botsuana inkl. Flug ab 4250 Euro an, www.world-insight.com.
Allgemeine Informationen
Fremdenverkehrsamt von Namibia, www.namibia-tourism.com.