Wer sich entscheidet, in den Wintermonaten in die kanadische Provinz Alberta zu reisen, muss mit eisigen Temperaturen rechnen, wird aber mit einer eindrucksvollen Schneelandschaft für das Frieren belohnt. Eine Reise durch den östlichen Teil der kanadischen Rocky Mountains.
In der Nacht hat es geschneit, unter den fünf Zentimeter Neuschnee ragen nur noch die Spitzen der Ski hervor. „Locker in die Knie gehen!“, ruft Tom Chandler seinen Schülerinnen zu. Elegant kurvt er zwischen den hohen Tannen hindurch, mit seiner roten Jacke ist er auf der weißen Piste deutlich zu erkennen. Der Brite reist dem Schnee hinter. Neuseeland, Japan, Kanada – für ihn ist das ganze Jahr Winter.
Doch die Skigebiete in den Rockies verfügen über ein Alleinstellungsmerkmal: den Champagner-Powder. Der Schnee wird durch die niedrigen Temperaturen in den Höhenlagen trocken, weich und pudrig und zieht passionierte Ski- und Snowboard-Fahrer sowie -lehrer aus aller Welt an. Auf den höhergelegenen Pisten des Skigebiets Sunshine Village, dort wo man selbst zur Mittagszeit noch unberührten Tiefschnee findet, hat man einen weiten Blick über den Banff-Nationalpark.
Das natürliche Erbe schützen
Mehr als 6600 Quadratkilometer Wildnis, in der nicht nur unzählige Tierarten beheimatet sind, sondern auch mehrere First Nations – indigene Völker – leben. Der Banff-Nationalpark ist der älteste Nationalpark Kanadas, der drittälteste der Welt und Teil des Unesco-Weltkulturerbes der kanadischen Rocky Mountains Parks. Um die unzähligen Pflanzen- und Tierarten im Banff-Nationalpark zu erhalten, wird viel Wert auf ihren Schutz und den respektvollen Aufenthalt von Besuchern gelegt.
Dazu gehört der Mindestabstand von drei Buslängen von einem Wapiti-Hirsch und zehn Buslängen von Bären, hinzu kommen ein Fütterungsverbot und die Anweisung, die Wege nicht zu verlassen. Rein kommt nur, wer am Tag zehn kanadische Dollar (knapp sieben Euro) für ein Ticket zahlt. Die Devise: das natürliche Erbe schützen, damit auch die nächsten Generationen etwas davon haben.
Unverbautes Bergpanorama
Konträr zu der größtenteils unberührten Wildnis gleicht Banff einem lebendigen Treffpunkt. Die Kleinstadt mit 8500 Einwohnern liegt eingekesselt zwischen dem Mount Norquay sowie dem Cascade-, Tunnel-, Rundle- und Sulphur- Mountain. Aus den Anfangsbuchstaben der Berge ergibt sich die Eselsbrücke „No clouds today really sunny“ (übersetzt: „Keine Wolken heute, sehr sonnig“).
Wer hier lebe, müsse entweder selbst im Nationalpark arbeiten oder habe einen Partner, der dort beruflich tätig ist, erklärt Rob Ashpole, Tourismusführer von „Discover Banff Tours“. Leere Ferienhäuser, die nur über den Sommer belebt sind, fände man hier nicht. Und noch eine Regel gibt es: „Die Häuser dürfen nicht mehr als drei Stockwerke haben, damit jeder die Berge sehen kann.“
Durch Tiefschnee mit dem Fahrrad
Clare McCann bietet mit der „Fat-Bike- Tour“ eine Alternative für alle, die es nicht auf die Bretter zieht. Vor zwei Jahren, mitten in der Coronapandemie, hat sie das Unternehmen „Bikescape“ gegründet. Ursprünglich im Hotelgewerbe tätig, verbringt Clare McCann jetzt den ganzen Tag an der frischen Luft – und das mit ansteckender Begeisterung. „Ich kenne niemanden, der so viel Energie hat“, meint Penny Lawless über ihre Chefin.
Die dicken Reifen der Räder ermöglichen das Fahren durch Tiefschnee und unebenes Gelände. Wer es gerne etwas leichter hat, wählt ein E-Bike. Entlang des zweistündigen „Fenland Trailhead“ warten Aussichtspunkte und eine Lektion in Verteidigung gegen die Wildtiere: Weibliche Wapitis lassen sich mit großen Gesten vertreiben, Bären mit Geräuschen. I
n die Pedale tritt es sich etwas langsamer als bei den gewöhnlichen Mountainbikes und die vielen Kleidungsschichten, die Voraussetzung sind für die Fahrt, erscheinen anfangs ungewohnt. Dadurch bleibt aber ausreichend Zeit, um das Panorama auf sich wirken zu lassen und die frische, kalte Luft zu genießen.
Schlittschuh laufen auf dem Lake Louise
65 Kilometer weiter liegt der Lake Louise, benannt nach der Prinzessin Louise Caroline Alberta, einer Tochter von Königin Victoria. In den Wintermonaten liegt der türkisblaue See unter einer dicken Eisschicht verborgen. Ein Teil der Fläche, die zwischen dem Fünf-Sterne-Hotel Fairmont Chateau Lake Louise und schneebedeckten Bergen liegt, wird geräumt und kann mit Schlittschuhen befahren werden.
Der einsame Alberta Highway 93
Wer den Rockies folgt und den Weg Richtung Jasper einschlägt, befährt den „Icefields Parkway“, eine der bekanntesten Straßen Kanadas. 233 Kilometer schlängelt sich der Weg am Bow River entlang der Kontinentalscheide durch felsige Berggipfel und endlose Wälder.
Wer’s nicht eilig hat, sollte sich Zeit einplanen, um die Gletscher und Wasserfälle entlang der Panoramastraße zu sehen. Ist die Autotür einmal geschlossen, herrscht absolute Stille. Trotz der Popularität dieser Strecke begegnet einem im Winter kaum ein anderes Auto. Das mag auch daran liegen, dass die vereiste Straße einige Übung erfordert und es im Winter keine Tankstelle zwischen Lake Louise und Jasper gibt.
Beste Voraussetzungen für Nordlichter
Der Jasper-Nationalpark grenzt direkt an den Banff-Nationalpark. Er ist der größte Nationalpark in den Rocky Mountains und das zweitgrößte Schutzgebiet der Welt, bekannt für seinen dunklen Himmel, das „Dark Sky Preserve“. Im Jasper-Nationalpark wird der Nachthimmel „geschützt“, indem die Lichtverschmutzung in all ihren Formen so weit wie möglich reduziert wird. Es ist die ideale Voraussetzung, um Nordlichter zu sehen. Mit viel Glück sieht man hier nachts rote, grüne und blaue Lichtbänder am Himmel flackern.
Während die Wapitis direkt in den Vorgärten des gleichnamigen Ortes Jasper grasen, leben andere Tiere im Verborgenen. Wer einmal Kojoten, Wölfe, Elche und Füchse in ihrer natürlichen Umgebung beobachten will, kann eine Wildlife-Tour durch den Nationalpark buchen.
Alternativen für Wintersportler
Auch nahe Jasper kommen Ski- und Snowboard-Fahrer im familienfreundlichen Skigebiet Marmot Baisin auf ihre Kosten. Für andere Optionen ist gesorgt: sei es eine Wanderung durch den vereisten Maligne Canyon (der mit mehr als 50 Metern tiefste Canyon im Jasper-Nationalpark) oder eine Schneeschuhtour über den zugefrorenen Maligne Lake.
Die Rocky Mountains sind zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert. Ein Idyll mit majestätischen Berggipfeln, weitläufigen Seen und dunklen Wäldern, das sich viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt hat. Wer jetzt in den Wintermonaten nach Kanada fliegt, wird hier im hohen Norden des amerikanischen Kontinents eine Winterlandschaft erleben, wie es sie in Europa kaum noch gibt – und schon gar nicht in diesen unendlichen Dimensionen.
Kanadische Rocky Mountains
Anreise
Ab Frankfurt gibt es Direktflüge von Air Canada (www.aircanada.com) nach Calgary. Von dort dauert es mit dem Zug knapp zwei Stunden in die erste Stadt Canmore in den Rocky Mountains, mit dem Auto etwas mehr als eine Stunde. In die nächsten Städte Banff und Jasper fährt auch ein Bus.
Unterkunft
Alle Städte in den Rocky Mountains verfügen über eine große Auswahl an erstklassigen Unterkünften, die in den Wintermonaten deutlich weniger kosten. Das Baker Creek Mountain Resort zwischen Banff und Jasper bietet kleine Blockhütten für Paare, Familien und Gruppen an; DZ ab 220 Euro, https://www.basecampresorts.com/bakercreek. Vom forest park hotel am Stadtrand von Jasper aus hat man einen schönen Blick auf das Bergpanorama; DZ ab 106 Euro, https://www.banffjaspercollection.com/hotels/forest-park-hotel/.
Aktivitäten
Touristikunternehmen wie Discover Banff Tours (www.banfftours.com) und Sundog (www.sundogtours.com) bieten einen Transportservice, verschiedene Touren und Wintersportaktivitäten an. Die zweistündige Fat bike Tour in Banff kostet 95 Euro und kann über Bikescape (www.bikescape.ca) gebucht werden.
Allgemeine Informationen
www.keepexploring.de, https://www.travelalberta.com/ca/