Die Burg Eltz bei Wierschem im Eifelwald ist ein beliebtes Fotomotiv Foto: Rheinland Pfalz Tourismus/Dominik Ketz

Hotels und Campingplätze in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen klagen, dass Urlauber reihenweise Zimmer und Stellplätze stornieren, auch wenn Orte weit weg vom Krisengebiet liegen. Ist das oft nur ein Vorwand?

Kaisersesch - Liselotte Arnicot kann es schwer fassen. „Von uns an die Ahr sind es 30 Kilometer Luftlinie, wir waren seit Monaten ausgebucht, und dann war das Hotel plötzlich leer“, sagt die Inhaberin des Waldhotels Kurfürst. Die Flutkatastrophe im Juli in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen hat Auswirkungen auf den Tourismus an Orten wie Kaisersesch in der Eifel, die weit entfernt von den Zerstörungen liegen. Reihenweise stornierten Urlauber lange reservierte Zimmer, Ferienwohnungen und Camping-Stellplätze in Teilen der Region, die gar nicht betroffen waren. „Sogar in Rheinhessen und der Pfalz gab es Absagen“ sagt Klaus Schäfer, Geschäftsführer der Eifel-Touristik.

 

Konnten die Urlauber nicht differenzieren, oder hatten sie Bedenken, als Katastrophentouristen zu gelten? Schäfer schließt das nicht aus, glaubt aber, dass die Gründe sehr unterschiedlich waren. „Wenn die Niederländer absagen, weil sie ihren Kindern keine zehntägige Quarantäne zumuten wollten, ist das nachvollziehbar“, sagt er: „Aber ich habe auch von Stornierungen im nicht betroffenen Hunsrück unter dem Deckmäntelchen des Hochwassers gehört.“

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Lieselotte Arnicot vermutet ebenfalls, dass der wahre Grund auch das regnerische Wetter im Juli war. „Ich habe mir am Telefon den Mund fusslig geredet“, sagt sie: „Aber die Leute haben sich einfach nicht von einer Stornierung abbringen lassen. Die Buchungslage war wirklich dramatisch. Auch die ganzen Wochenenden sind uns weggebrochen. Erst seit der vergangenen Woche sind wir wieder zu 50 Prozent ausgelastet.“ Dabei sind die meisten Straßen passierbar, sagt die Hotelchefin, kein einziges Ausflugsziel ist gesperrt.

Fast alle Campingplätze in der Eifel sind offen

Auch der Chef der Eifel-Touristik betont, dass so populäre Wanderwege wie der Eifelsteig offen sind. „Bis auf die stark betroffenen Städtchen Euskirchen, Bad Münstereifel und das Ahrtal, wo die Infrastruktur zerstört ist, hatten alle anderen Regionen der Eifel keine Hochwasserschäden. Oder sie sind bereits beseitigt.“

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Einige Wanderwege wurden umgeleitet, auch die Radwege sind laut Tourismuschef Schäfer von Trier bis Aachen vollständig befahrbar. Allerdings rät er, vor einer Radtour auf den Internetseiten der Eifel-Touristik nachzusehen (www.eifel.info) oder in der Tourist-Info anzurufen, ob die jeweilige Strecke tatsächlich geöffnet ist. Lediglich zehn von 100 Campingplätzen in der Eifel sind laut Schäfer derzeit noch geschlossen, und selbst die öffnen aber im Herbst wieder.

Bis auf das Ahrtal und Bad Münstereifel stehen auch die Stellplätze für Wohnmobile zur Verfügung. Schäfer verspricht: „Die Eifel ist nicht großflächig betroffen. Wenn man hier Urlaub macht, ist von den Schäden fast nichts mehr zu sehen.“

Niederländische Touristen scheuen die Quarantäne

Die Stornierungswelle nach der Flutkatastrophe traf die von Corona ohnehin schon geplagte Tourismusbranche zur denkbar ungünstigsten Zeit. „Erst der Stillstand durch die Pandemie, dann das Hochwasser, außerdem das schlechte Wetter in diesem Sommer, durch das die spontane Buchungen ausfielen, und nun kamen auch noch die Stornierungen dazu“, sagt Schäfer: „Außerdem mussten bis zum Montag zeitweise die Niederländer in Quarantäne, nachdem sie im Urlaub in Deutschland waren.“ Katastrophale Zeiten für die Gastgeber, Restaurants, Freizeitparks und alle anderen Betriebe, die von den Touristen abhängen.

Ein wenig erstaunt über die große Zahl der Absagen anderenorts ist Hubert Drayer, der im Eifel-Städtchen Schalkenmehren Michels Wohlfühlhotel betreibt: „Wir hatten schon ein paar Gäste, die früher abgereist sind, weil sie selbst oder die Eltern Hochwasser hatten.“ Stornierungen gab es bei ihm nur ein paar wenige: „Es gab einige Urlauber, die fürchteten, in ein Gebiet zu reisen, in dem nichts funktioniert. Ob das Ausreden wegen des schlechten Wetters waren oder nicht, kann ich natürlich nicht sagen.“ Wurde doch storniert, profitierten davon andere Urlauber: „Andere Gäste, die auf der Warteliste standen, haben sich über die freien Zimmer gefreut.“

Wander-Urlauber fürchten Einschränkungen

Dass die Reaktion der Gäste auf die Flutkatastrophe so unterschiedlich ausgefallen ist, lag möglicherweise an den Erwartungen, die sie an ihren Urlaub geknüpft hatten. „Wellness-Urlauber bewegen sich ohnehin nur wenig aus dem Hotel“, mutmaßt die Chefin des Kurfürst Hotels, Lieselotte Arnicot: „Gäste, wie die unseren, die zum Wandern gehen oder mit dem Rad unterwegs sind, fürchten natürlich eher, dass sie außerhalb des Hotel wenig unternehmen können.“

Abgesehen davon hat auch Corona laut Eifel-Tourismuschef Schäfer zu einem Umdenken geführt: „Die Gäste sind seit der Pandemie in Bezug auf ihre Sicherheit viel sensibler, als das noch vor zwei Jahren der Fall war.“ Der Regionalpräsident des Hotel- und Gaststättenverbandes in Nordrhein-Westfalen, Haakon Herbst, appelliert dennoch an die Urlauber: „Besprechen Sie die Situation mit den Betrieben vor Ort, bevor sie absagen. Es gibt fast überall im Land keinen objektiven Grund, eine Reise abzusagen.“

Info

Wirtschaftsfaktor
Der Tourismus ist in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Rheinland-Pfalz lag 2020 auf Platz neun der beliebtesten Bundesländer für Urlauber. Städte wie Koblenz, Kaiserslautern Speyer sowie das Moseltal oder die Pfalz lockten rund 23 Millionen Übernachtungsgäste. Auf Platz drei landete hinter Bayern und Baden-Württemberg das Bundesland Nordrhein-Westfalen mit 53 Millionen Übernachtungsgästen. Vor allem die historischen Stadtzentren von Aachen, Hattingen oder Soest waren auch in Coronazeiten gut besucht. Außerhalb der Städte waren Kletterfelsen, Radtouren und Wanderungen beliebt.

Besucherrekord
Der Nationalpark Eifel feierte mit 1,3 Millionen Besuchern einen neuen Rekord. Laut dem Nationalpark-Sprecher Michael Lammert habe die Steigerung in dem 11000 Hektar großen Schutzgebiet gut 50 Prozent gegenüber den Vorjahren betragen.