VW-Bus, Surfbrett, ein Gefühl von Freiheit: Vanlife, die Do-it-yourself-Variante des Campens, ist die Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit. Aber wer bezahlt den Preis für diese Freiheit?
Im Jahr 2014 steht dieses Fahrzeug endlich vor mir: Ein VW-Bus T4, Baujahr 2003. Den hinteren Bereich kann man schnell zu einer ebenen Fläche mit Bett umfunktionieren. Der Lack blättert schon, der Motor wurde gerade getauscht. Auf die Sitze kommen kleine Ikea-Teppiche, um den Beifahrersitz eine Blumenkette.
Ich kaufe den Bus damals vor meinem Auslandssemester in Portugal. Im Gepäck: ein Surfbrett, eine akustische Bassgitarre, zerfledderte Shorts – man will ja kein Klischee auslassen. Das Fahrzeug ist mein Traum, meine Freiheitsmaschine, Fluchtmobil aus grauen Alltagsalpträumen aus Studienarbeiten und Nebenjobs.
Vanlife: Mit dem Bus fühle ich mich als Abenteurer und Surferboy
Ein paar Monate später fahre ich mit Freunden die portugiesische Küste entlang, wir arbeiten uns von Strand zu Strand vor, und wo die Wellen gut sind, werfen wir uns ins Wasser. Zwei, drei Stunden südlich von Lissabon biegen wir eher zufällig auf eine Schotterstraße. Sie führt eine Klippe hoch, unter uns das Meer, irgendwo weit hinten versinkt die Sonne langsam im Atlantik. Nur wenige andere Busse stehen dort. Dort übernachten wir.
Wilde Natur, Einsamkeit, die salzige Meeresbrise lässt uns die Haare ums Gesicht flattern: Es ist genau der Moment, der Ort, nach dem ich gesucht habe. Ich bin immer noch ein eher blasser, dünner Junge vom Festland, aber hier fühle ich mich wild und frei, als Abenteurer und Surferboy, eins mit den Elementen. Es ist Vanlife, wie ich es mir vorgestellt hatte.
Vanlife ist auch die Idee eines alternativen Lebens
Vanlife, so nennt man dieses Leben in einfachen, oft selbst ausgebauten Campingbussen. Der VW-Bulli ist ihr ikonisches Modell. Mit den Leuten in ihren teuren Wohnmobilen auf Campingplätzen, also den Spießern, wollen Vanlifer nichts zu tun haben. Sie suchen sich ihre Stellplätze selbst, irgendwo dort, wo es aussieht, als wäre die nächste Zivilisation meilenweit entfernt. Vanlife ist auch die Idee eines alternativen Lebens: Man lebt einfach und reduziert, im Einklang mit der Natur. Aber natürlich packt man sich vorher noch eine Flasche Weißwein vom Supermarkt in die Kühlbox.
Diesen Urlaubs-Lifestyle bekommt man nicht einfach mitgeliefert, wenn man sich einen Bulli kauft. Hat man endlich einen Stellplatz mit guter Aussicht und möglichst viel Natur gefunden, müssen Tische aufgestellt, Gaskocher startklar gemacht, Tomaten für die Pasta auf dem Miniklapptischchen geschnippelt werden. Nach dem Essen: Teller in Kisten packen (man kann in der Natur ja nicht abwaschen), die Kisten verstauen, den Wein aus der Kühlbox holen, Becher aus einer anderen Box holen, Pulli suchen, es wird frisch, und wo war noch mal die akkubetriebene Tischlampe? Und vielleicht sollte man auch noch die Klappergeräusche im Motor checken. Das nächste Klo ist übrigens kilometerweit entfernt, lieber gar nicht dran denken.
Warum Vanlife - Urlaub, bei dem man ständig was tun muss?
Beim Vanlife gibt es also immer was zu tun. Was will man mit dieser Art von Urlaub in Zeiten der Work-Life-Balance, fragte ein Kollege kürzlich. Warum dieses ständige Auspacken, Einpacken, Weiterziehen, diese unzähligen Handgriffe? Genau deswegen. Weil dieses ständige Anpacken das Gefühl der Autarkie vermittelt und vorspiegelt, mit einfachsten Mitteln zu überleben, etwas Echtes zu erleben. Man erledigt alles selbst, hat die Kontrolle über sein Dasein. Das perfekte Kontrastprogramm für Menschen, die hauptberuflich auf Bildschirme mit Zahlen und Buchstaben starren, also immer nur mit der Abstraktion greifbarer Dinge arbeiten. Etwas wissenschaftlicher formuliert heißt das: Camping ist der Versuch, sich neu zu zivilisieren. So hat das die Psychologin Ines Imdahl in einem Interview mit unserer Zeitung formuliert. Man gehe der Frage nach: Was wäre, wenn ich mein Leben noch einmal ganz ändern würde?
Vanlifern geht es dabei weniger darum, dem Alltag zu entfliehen – sie sind eher von einem Bedürfnis nach mehr authentischen Erlebnissen, Naturverbundenheit und Selbstverwirklichung getrieben. Zu dem Ergebnis kommt zumindest eine Studie von Carolin Oesterle und Wolfgang Aschauer der Uni Salzburg. Und während sich auf Campingplätzen mehrheitlich Menschen aus dem oberen Einkommensdrittel finden, sind Vanlifer tendenziell jünger, die Fahrzeuge sind kleiner und minimalistischer, heißt es in der Salzburger Studie.
Nur wer Geld hat, nennt es Vanlife
Trotzdem ist Vanlife kein Hobby für arme Menschen. Es ist eine Mittelschichtsveranstaltung – mit dem Unterschied, dass Vanlifern ihre Erlebnisse wichtiger sind als gut angelegtes Geld. Deswegen können sie ihre Ersparnisse in den Busausbau stecken – und wo Geld ist, ist auch ein Markt. Wer sich auf Instagram durch den Hashtag #vanlife klickt, findet eine Art Schöner Wohnen im Busformat vor: Videoführungen durch ausgebaute Busse, Ausstattungslisten und Ausbautipps zum Nachmachen. Dazu Deko-Inspiration: ein bisschen beige und pastell, Kaffee gibt es aus der bruchfesten Emaille-Tasse, eine kleine Zimmerpflanze sollte auch sein, Lichterketten sowieso, und Hauptsache innen holzverkleidet. Man nennt das hyggelig.
Wer das selbst nach Do-it-Yourself-Anleitung nicht hinbekommt, stößt auf immer mehr Komplettangebote für Ausbauten. Billig ist das natürlich nicht. Wer es noch einfacher will, kann sich auch den aktuellen Camping-Bulli kaufen, Startpreis 63 000 Euro. Wer sich ein bisschen auf der Extraliste austobt, ist auch schnell bei sechsstelligen Beträgen. Kurz: Man kann für diese alternative Lebensform ganz schön viel Geld ausgeben.
Natürlich gibt es auch weiterhin Vanlifer, die sich mit Klappmatratze und Schlafsack auf den Boden ihres angerosteten Vans legen, den man sich in schlecht bezahlten Studentenjobs erarbeitet hat. Menschen also, die den ursprünglichen Vanlife-Spirit leben. Aber es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass der Hashtag #vanlife 2011 von Foster Huntington, einem ehemaligen Designer bei Ralph Lauren erfunden wurde: jung, weiß, hochschulgebildet. Nicht reich, aber mit mit vielen Möglichkeiten.
„Es ist nur Vanlife, wenn du Mittelschicht bist. Wenn du arm bist, heißt es Obdachlosigkeit“, schreibt dazu ein Nutzer auf der Plattform Reddit. Gerade in den USA ist das zu einem Massenphänomen geworden, dem sich etwa der oscargekrönte Film „Nomadland“ widmet. Vanlife ist die Idee eines freien einfachen Lebens für Menschen, die auf der privilegierten Seite des Kapitalismus stehen.
Schattenseiten des Vanlife-Hypes: Wo ein Geheimtipp war, sind jetzt vollgekackte Büsche
Zurück in Portugal: Ein paar Jahre nach meinem ersten Besuch mit dem Bus fahre ich die Route mit meiner Freundin nach. Wir steuern dieselbe Klippe an, diesen für mich magischen Ort. Was wir sehen: Ein Bus reiht sich an den anderen, viele davon aus Deutschland. Mein Geheimtipp hat sich herumgesprochen. An anderen Orten geht es uns ähnlich. In einem Dorf erzählt uns ein Anwohner, dass er seinen Hund kaum noch Gassi führen könne. „There is shit everywhere“, die Leute defäkierten hinter jeden Busch. Wen er meint, ist klar: die Leute mit den Bussen. Die Freiheit, die sich Vanlifer nehmen, hat ihren Preis.
Von diesem Moment an sah ich das Vanlife mit anderen Augen: Vollgestellte Wiesen, vermüllte Wälder und Busse an Orten, wo eigentlich keine sein sollten. Seit das Thema Vanlife in der Coronapandemie noch mal einige Anhänger mehr bekommen hat, ist man an den schönen Stellplätzen noch seltener allein. Aber wenn ein Campspot voll oder vermüllt ist, oder die Aussicht doch nicht so prickelnd, fährt man eben weiter. Apps wie Park4Night helfen, die guten Plätze für die Nacht im Van zu finden. Vanlife ist zu einer Art Tinder für Naturschauplätze geworden: Man wischt weiter, weil der bessere Stellplatz ja in der nächsten Bucht warten könnte. Aber was bedeutet das für diese Orte?
Vanlife in der Natur – eine Art Mini-Landgrabbing?
Eine Kurzanalyse, die von der Universität San Diego veröffentlicht wurde, vergleicht die Vanlife-Bewegung mit den Hippies: „Beide Bewegungen bestehen hauptsächlich aus weißen Menschen der Mittel- und Oberschicht, die versuchen, sich wieder mit der Natur zu verbinden und sich von der Gesellschaft zu lösen“, heißt es da. Und: Beide Bewegungen würden koloniale Hierarchien reproduzieren und die Natur und Wildnis als einen Raum betrachten, auf den sie einen Anspruch erheben könnten. Vanlife als eine Art Mini-Landgrabbing?
Man muss diese Sichtweise nicht vollständig teilen, um sich die Frage zu stellen: Soll ich mein Fahrzeug an einen fast unberührten Ort parken? Oder soll ich es bleiben lassen, damit der Ort unberührt bleibt? Zerstöre ich sonst nicht genau das, was ich suche? Selbst das großzügige Jedermannsrecht, wie es in Skandinavien gilt, schränkt ein: Es will zwar allen Menschen unabhängig von ihren Eigentumsverhältnissen die Möglichkeit geben, die Natur zu ihrer Erholung zu nutzen. Aber für motorisierte Fahrzeuge gilt es nicht.
Wie wir Spießer wurden – und warum es sich gut anfühlt
Letztendlich bedeutet Vanlife: Man will nicht Teil einer uniform gestalteten Hotelanlage mit 1000 Zimmern sein, mit einem Frühstücksbuffet, das für alle gleich ist, mit einer Handvoll Pools, in denen sich unzählige Menschen gleichermaßen treiben lassen. Man will kein Erlebnis serviert bekommen, sondern selbst eines schaffen. Man will sich abgrenzen von der Masse. Man will etwas Besonderes, vielleicht etwas Besseres sein. Man will sich mit der Natur verbinden, aber mit den Hotel-Horsts nichts zu tun haben. Dabei sind 1000 Toilettengänge in der Natur nicht unbedingt besser als 1000 Spülungen im Hotelzimmer.
Das Alles soll kein Rant, kein pauschales Diffamieren der Vanlifer sein: Ich verstehe den Reiz, sich von einem Ort zum nächsten treiben zu lassen. Und die meisten Vanlifer, die ich bei meinen Trips getroffen habe, waren nette Menschen, begeistert vom Reisen, von der Begegnung mit Anderen, vom Entdecken der Natur. Und wer die Natur entdecken will, möchte sie in der Regel auch schützen. Das ist eine Chance. Vanlife hätte auch das Potenzial, den Tourismus zu entzerren – weg von den überlaufenen Hotspots, hin zu wenig erschlossenen Gebieten, ein Stellplatz braucht ja kaum Infrastruktur. Instagram-„Geheimtipps“ darf man dafür aber nicht folgen.
Meinen letzten großen Trip mit dem VW-Bus unternahm ich 2023 – eine Tour durch Frankreich und Spanien. Irgendwann landeten wir im Surferörtchen San Vicente de la Barquera. Eine Wiese oberhalb des Strandes war vollgestellt mit Bussen. Es gab eine Parkgebühr aber kein Klo. Wir zogen weiter zu einem Campingplatz. Nutzten den Platz, der dafür vorgesehen ist, damit der Rest der Landschaft unberührt bleiben kann. Wir sind jetzt keine Individualisten mehr. Wir sind Spießer. Es fühlt sich besser an als gedacht. Aber für dieses Reisen braucht man keinen VW-Bus mehr: Ich habe ihn verkauft.
Florian Gann
hat mehrere Monate seines Lebens auf Roadtrips in Autos verbracht. Seine Vanlife-Karriere begann 2008. Er tourte vier Monate in einem Dodge Ram Van durch Kanada und die USA. Nach mehreren Reisen mit Freunden ging es ab 2014 im eigenen VW-Bus unter anderem nach Portugal, Spanien, Frankreich und Italien. Im Vorjahr hat er seinen Bus nach 10 Jahren verkauft.