Der Fernsehturm und die Wilhelma sollen Touristen anlocken. Foto: fr

Was hat Stuttgart zu bieten? Bei der Reisemesse CMT präsentieren sich Stadt und Region und buhlen um Touristen. Ein Markt, bei dem es um Milliarden geht.

Es geht entlang an Hamburg und Magdeburg, hoch nach Machu Picchu, dann pilgert man am zu den Kirchen, die in ökumenischer Eintracht „Urlaub für die Seele“ empfehlen, Nordseewellen schwappen empor und der Bodensee liegt einem zu Füßen. Schließlich erreicht man Stuttgart. Im Herzen der Messehalle 6 bei der CMT.

 

Ohne Superlative geht es nicht auf der CMT

Hier wird die Welt ganz klein, man spaziert an verschiedenen Landschaften vorbei; 1600 Aussteller sind da, jeder buhlt um Käufer und Touristen. Und jeder hat natürlich etwas anzupreisen, was es anderswo nicht gibt: das Schönste, das Höchste, das Größte, das Kleinste, das Erholsamste, das Entspannendste, das Gesündeste, das Aufregendste, das Tierfreundlichste, das Älteste, das Schneereichste, das Sonnenverwöhnteste. Was Werbern halt so einfällt.

Was also preisen die Touristiker der Region Stuttgart an? Sie haben ja immerhin für Gesprächsstoff gesorgt in den vergangenen Wochen. Eine halbe Million Euro für ein Stuttgart-Zeichen, neudeutsch Sign am Marktplatz. Alle anderen müssen sparen, aber für Großbuchstaben und die Stadtwerbung ist Geld da, so die Klage. Instagramable nennt man das unter Experten und solchen, die es sein wollen. Und meint, es braucht Orte, die fotografiert und via Sozialer Netzwerke in die Welt hinausgehen. Und dort von Leuten gesehen werden, die sagen: da muss ich mal hin!

Ganz trocken muss es nicht sein: Jeden Tag gibt es Weinproben. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Also noch mehr als bisher. Mit 4,6 Millionen Menschen Übernachtungen war 2024 das bisher beste Tourismus-Jahr in der Geschichte Stuttgarts. In der gesamten Region waren es 9,6 Millionen Übernachtungen. Zu gerne würde man die Zahlen von 2025 wissen. Stuttgart-Marketing auch. Aber das Statistische Landesamt ist überlastet, so hört man. Zu viel Rechnerei für zu wenige Menschen. Also muss man warten, bis ins Frühjahr hinein, so die Ansage. Aber lassen wir vorerst die Vergangenheit ruhen, hier geht es ja um die Zukunft, um künftige Kunden.

Und zwar um die aus der Nachbarschaft. Wobei die Nachbarschaft dann schon auch Mannheim, den Bodensee, Oberschwaben, Hohenlohe und das Allgäu mit einschließt. Von überall dort halt, wo sich ein Tagesausflug nach Stuttgart lohnt. So wirbt man folgerichtig mit dem Satz: „Dein nächstes Erlebnis liegt vor Deiner Haustür“. Das mag banal klingen, aber tatsächlich lassen die Tagestouristen die Kassen klingeln. 125 Millionen Menschen waren das im Vorjahr in der Region, jeder gibt im Schnitt 33 Euro aus. Da muss man keine binomischen Formeln beherrschen, um zu merken, das rechnet sich; das ist ein gutes Geschäft.

Der härteste Job der Welt? Für die Stuttgarter S-Bahn werben

Aber was für Erlebnisse gibt es denn nun? Gleich der erste Stand verkauft Erlebnisse besonderer Art. Einen Nervenkitzel, den der moderne Mensch nur noch selten erlebt. Der unseren durchgeplanten Alltag mal durchrüttelt und einem unerwartete Mußestunden bescheren kann. Die man zu einem langen Spaziergang über Bahnsteige nutzen kann, bei frischer Luft, gerne derzeit auch minus zwei Grad frisch. Fährt sie? Fährt sie nicht? Und wann? Die VVS trägt mit ihrem S-Bahn-Bingo viel zum Gesprächsstoff des hiesigen Menschenschlags bei. Man muss ja den Mut bewundern, sich bei einer Messe zu präsentieren, obschon an den CMT-Wochenenden im dritten Jahr in Folge keine S-Bahn fährt. Da helfen auch Gummibärchen und Pfefferminzbonbons nur bedingt. Auf einer Wand soll der Besucher Faden schlagen. Verschiedene Farben repräsentieren die Verkehrsmittel. Wundert es irgendjemand, dass der blaue Faden am meisten verwendet wird? Er steht fürs Auto. Mit dem man zur Arbeit, Einkaufen, Freizeit fährt – oder zur Messe.

Auch die IBA zeigt sich

Passend dazu steht ein Youngtimer-Porsche gleich ums Eck. Klar die Automobil-Museen dürfen nicht fehlen. Der Schwarzwald wirbt ja auch mit dem Bollenhut. Der Fernsehturm reckt sich stolz in die Höhe, in seinem 70. Geburtsjahr ist er der Posterboy des Stuttgarter Tourismus. Ihrer Zeit voraus ist die Internationale Bauausstellung, die 2027 gefeiert wird, zum 100-Jahr-Jubiläum. Ein großes Plakat haben die Macher dabei, und eine kleine Tischtennisplatte. Die ganz gut das Klein-Klein symbolisiert mit dem die Verantwortungsträger der Stadt die Bauausstellung behandeln, ein Projekt nach dem anderen ging flöten. Immerhin, das neue Besucherzentrum wird wohl rechtzeitig fertig werden. Wobei, so ganz genau weiß man das in dieser Stadt ja nie.

Da lässt sich seine Mitte finden

Immerhin, die Wilhelma gibt es, und echte „Sehnsuchtsorte“. So vermarktet die Tourismusgesellschaft des Landes in diesem Jahr ausgewählte Plätze. Natürlich auch den Fernsehturm als „Heimatsymbol, Kompassnadel, Arbeitsplatz“. Aber auch Stuttgarts „urbane Kiezkultur“. Da kann man dann schon mal „seine Mitte finden“ oder den „Süden in sein Herz lassen“. Solchermaßen beschwingt drücken wir bei den Stuttgarter Straßenbahnen noch einen Buzzer, weil wir dank Heimvorteil wissen, dass die Zacke die Zahnradbahn ist.

Auf der Suche nach Erlebnissen Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nach einem Viertele am Stand des Weinbaumuseums geht es vorbei am Mühlrad des Schwäbischen Waldes, der Böblinger Motorworld und der Märklinstadt Göppingen, an Sachsen und dem Allgäu bis zum Mittelalterlichen Kriminalmuseum: „Deutschlands bedeutendste rechtshistorische Sammlung“. Was es alles gibt. So was haben sie in Rothenburg ob der Tauber. Zusammen mit einem großen Haufen Fachwerkhäuser. Dafür haben sie keinen Fernsehturm.