Das bodenständige Münchner Arbeiterviertel Giesing ist ein Ort für Individualisten. Hier drückt man statt dem großen FC Bayern dem kleinen TSV 1860 München die Daumen, und ein Bier-Start-up macht den alteingesessenen Brauereien Konkurrenz.
Der beste Ort für eigensinnige Ideen ist die Garage, so lautet die heilige Start-up-Regel. Steve Jobs baute in den 1970er Jahren in einer Garage den ersten Apple-Computer. Und Steffen Marx startete hier 2006 das Giesinger Bräu, die erste Brauereineugründung an der Isar seit Hunderten von Jahren. „Wir sind die coolen Revoluzzer, die den angestammten Markt aufmischen“, sagt Marx.
Auf so verrückte Idee können wahrscheinlich nur Zugezogene kommen. Man hört es am Dialekt: Marx ist kein Bayer. Der 46-Jährige kommt aus Anklam in Mecklenburg-Vorpommern und blieb nach der Bundeswehrzeit in München hängen. 18 Jahre später ist Giesinger Bräu eine beliebte Marke. Inzwischen wird auch nicht mehr in irgendwelchen Nebengebäuden abgefüllt, sondern in einer feschen Lokalbrauerei in Obergiesing. Im Sommer 2023 eröffnete Steffen Marx ein zweites Werk im Münchner Norden.
In drei Jahren will Gieisinger Bräu aufs Oktoberfest
„Es war Zufall, dass wir damals in Giesing gelandet sind. Aber wir passen hierher und die Giesinger haben uns gut aufgenommen“, sagt der 46-Jährige. Die Menschen im Viertel seien bodenständig, direkt und konfrontativ. So wie er selbst. Marx zapft gerne und verzapft noch viel lieber. In spätestens drei Jahren sieht er sein Bier auf dem Oktoberfest. „Vielleicht dann noch nicht mit einem eigenen Zelt, aber als Lieferant“, sagt er.
Aus Giesing ganz nach oben durchstarten – diese Erfolgsgeschichte hat schon einmal geklappt. Die bodenständige Gegend im Südosten der bayerischen Landeshauptstadt verdankt ihre Bekanntheit dem Kaiser persönlich: Franz Beckenbauer wuchs in der Zugspitzstraße 6 in Giesing auf, die Lichtgestalt des deutschen Fußballs besuchte die Icho-Schule gegenüber der Heilig-Kreuz-Kirche, kickte auf roter Asche am Sankt-Martins-Platz. Später machte der talentierte Libero beim FC Bayern München Karriere.
Das Dorf „Kyesinga“ wurde im Jahr 790 erstmals urkundlich erwähnt. „Im 19. Jahrhundert war das der Slum von München. Hier wohnten Tagelöhner, einfache Handwerker oder Fuhrleute“, sagt Stadtführer Anton Figl. Auch der 56-Jährige ist ein Zugezogener, stammt aus Sankt Pölten in Österreich und lebt seit mehr als 25 Jahren in München.
Eine Kirche vom selben Architekten wie Schloss Neuschwanstein
1854 wurde der soziale Brennpunkt gemeinsam mit den ebenfalls von eher einfachen Milieus geprägten Gegenden Haidhausen und Au zur Landeshauptstadt eingemeindet. Als „Morgengabe“ erhielten die neuen Stadtviertel je ein schickes Gotteshaus: in Giesings Fall die neugotische Heilig-Kreuz-Kirche, die weithin sichtbar die Mitte Obergiesings markiert und das Etikett von Steffen Marx’ Bierflaschen ziert. Fun Fact: Der 1886 geweihte Backsteinbau wurde vom selben Architekten entworfen wie die bayerischen Schlösser Linderhof, Herrenchiemsee und Neuschwanstein – von Georg Dollmann, dem Haus- und Hofplaner des Märchenkönigs Ludwig II.
Weiter unten Richtung Isar liegt das kleinere Untergiesing, garniert mit viel Grün und durchzogen vom Auer Mühlbach, der an wildromantisch bepflanzten Terrassen vorbeifließt. Manche Häuser, etwa an der Mondstraße, sind so nah am Wasser gebaut, dass man die Gegend auch „Klein Venedig“ nennt.
Im 19. Jahrhundert verbannten die Münchner unliebsame Einrichtungen an den damaligen Stadtrand nach Giesing: Deshalb gibt es hier zwei große Gottesäcker, den Ostfriedhof und den Friedhof am Perlacher Forst, wo außer Fußballlegende Franz Beckenbauer auch Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst von der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ begraben liegen. Direkt nebenan steht die Justizvollzugsanstalt Stadelheim, benannt nach Josef Stadler, der hier einst einen Bauernhof hatte.
Gieising stemmt sich gegen die Gentrifizierung
Den Charme eines Arbeiterviertels hat sich Giesing bis heute bewahrt – auch wenn es immer mehr junge Kreative und Familien in das noch bezahlbare Viertel in Zentrumsnähe zieht. Viele Wohnblöcke von Genossenschaften sorgen dafür, dass sich Alteingesessene die Lage noch leisten können. „Giesing stemmt sich gegen die Gentrifizierung, aber auch hier gibt es inzwischen Kaffeeröstereien und vietnamesische Pho-Suppen-Läden“, erzählt Anton Figl.
Die windschiefen Herbergshäusl sind heute hübsch renoviert. An der Tegernseer Landstraße wechseln sich verspielter Zuckerbäckerstil und nüchtern-elegantes Bauhaus ab. Am Zwickel, wo die Lebensader Giesings auf die Martin-Luther-Straße trifft und fortan Grünwalder Straße heißt, wurde im Dezember 1971 die erste deutsche McDonald’s-Filiale eröffnet. Den Ort wählte man wegen der Nähe zur US-amerikanischen Mc-Graw-Kaserne. 1992 zog die Army ab, die Burgerbraterei aber gibt es noch heute.
In der Ferne spitzen die Flutlichtlichtmasten des Grünwalder Stadions aus dem Häusermeer hervor. Kurioserweise ist es nicht weit von der Heimspielstätte des TSV 1860 München zum Trainingsgelände des FC Bayern München an der Säbener Straße. „Mehr Fußball geht nicht“, sagt Anton Figl. Doch wer genau hinschaut, erkennt schnell: Hier ist das Revier der Löwen. Der TSV 1860 München trägt den König des Tierreichs im Wappen und sieht sich als stadtinternen Gegenentwurf zum Schickeriaclub.
An Regenrohren, Straßenschildern und Zäunen pappen zahllose 1860-Aufkleber. In Stehkneipen mit hübschen Namen wie „Tonys Einkehr“ oder „Schau ma moi“ pflegen die Löwen-Fans nach den Spielen ihren Frust zu ertränken. Die Blauen dümpeln in der dritten Liga und konnten den Abstieg gerade noch mal abwenden. Derbysiege wie die legendäre Partie am 13. Spieltag der Saison 1999/2000, als der Pfälzer Thomas Riedl gegen den FC Bayern München traf und für ewig zum blauen Fußballgott wurde, sind heute Lichtjahre entfernt.
„Mit einer roten Jacke fliegt man an Spieltagen schon mal aus der Kneipe raus“, erzählt Steffen Marx. Ihm ist das genau so passiert. In Giesing muss man leidensfähig sein und Spaß verstehen. Kein Wunder, dass genau hier ein gewisser Josef Friedrich Schmidt Anfang des 20. Jahrhunderts das Spiel „Mensch ärgere Dich nicht“ erfunden hat. Übrigens in einer Garage.
Info
Anreise
Mit dem Zug ab Stuttgart in gut zwei Stunden nach München, www.bahn.de.
Unterkunft
Neue Hotelikone in bester Altstadtlage: Die Luxushotelkette Rosewood hat im ehemaligen Hauptsitz der Bayerischen Staatsbank und dem angrenzenden Palais Neuhaus-Preysing ihr erstes Haus in Deutschland eröffnet. Die eleganten Zimmer erfüllen höchste Ansprüche, die hauseigene Brasserie Cuvilliés und die Bar Montez sind auch bei den Münchnern beliebt. Doppelzimmer ab 660 Euro, www.rosewoodhotels.com.Für ein Vier-Sterne-Haus außergewöhnlich viel Komfort bietet das nagelneue Marriott Hotel City West im Stadtteil Laim, designt von Studio Lux Berlin. Im dazugehörigen Ristorante Assoluto serviert der Udineser Chefkoch Marco De Cecco feine, authentische Italo-Küche, DZ ab 218 Euro, www.marriott.com.Uriges und doch modernes Boutiquehotel in der Au: Marias Platzl, DZ ab 120 Euro, www.mariasplatzl.de.
Essen und Trinken
Institution im Viertel: Das Café „Schau ma moi“ in einem ehemaligen Trambahnhäusl ist das Wohnzimmer für viele Giesinger, www.cafeschaumamoi.de.Der Name Kyso soll an die alte Bezeichnung für Giesing erinnern: Kysinga. In dem hippen Café gibt es neben Espresso, Cappuccino und Filterkaffee aus hochwertig gerösteten Bohnen auch Kleinigkeiten zu essen, https://kyso.cafe/ Das Traditionswirtshaus Hohenwart gibt es seit 1896, doch die Karte ist sehr zeitgeistig und umfasst neben klassisch bayerischen Köstlichkeiten auch Schmankerl für Vegetarier, https://wirtshaus-hohenwart.de Giesing steht sogar im „Guide Michelin“: Im Sterne-Lokal Gabelspiel servieren Sabrina und Florian Berger moderne Küche aus regionalen Zutaten, www.restaurant-gabelspiel.de.
Allgemeine Informationen
München Tourismus, www.einfachmuenchen.de. Hier kann man auch Führungen durch einzelne Stadtviertel wie Giesing, Schwabing oder Haidhausen buchen (18 Euro). https://www.muenchen.travel/angebote/buchen/viertelliebe-unsere-fuehrungen-durch-die-stadtteile-von-muenchen#/