Während England mit den Auswirkungen des Brexit kämpft, entsteht in London ein Wohlfühlstadtteil für Besserverdiener. Hochhäuser, Kanäle und künstliche Atmosphäre: Das Viertel Canary Wharf ist ein Symbol für den Wandel Londons.
Fußgänger warten an einer Ampel, bis der Bus der Linie 135 in Richtung Old Street gemächlich um die Ecke tuckert. Die typisch roten Doppeldecker wirken in dieser Ecke von London seltsam fremd – weil Canary Wharf auch nicht aussieht wie der Rest der britischen Metropole. Die Gegend ist cool, seltsam steril, eine Stadt in der Stadt, bevölkert von Menschen in eng geschnittenen Anzügen.
Die putzigen viktorianischen Häuser aus Backstein fehlen, dafür gibt es moderne Wolkenkratzer aus Stahl und Glas, penibel gefegte Straßen und Gehwege, dazu viel Wasser. Denn Canary Wharf liegt sozusagen mitten in der Themse. Der Fluss macht östlich der Londoner Innenstadt eine hufeisenförmige Schleife, sodass man sich wie auf einer Insel fühlt.
Vom einsamen Sumpfgebiet zum quirligen Hafen
Bis vor 300 Jahren war dieser Flecken nichts weiter als ein einsames Sumpfgebiet. Im frühen 19. Jahrhundert kam man auf die Idee, hier einen Hafen zu bauen. Dazu wurden breite Kanäle einmal quer zwischen die Spitzen des Hufeisens gegraben. Schiffe konnten so von der Nordsee kommend einfach geradeaus in die Docks fahren, ihre Ladung löschen und auf der anderen Seite wieder auf die Themse abbiegen – zurück Richtung Meer. Der Name „Canary“ bezog sich auf Importe von den Kanarischen Inseln und aus dem Mittelmeer.
Doch irgendwann wurden die Pötte zu groß für die Anlage. Tilbury in Sussex lief London als Containerhafen den Rang ab. Die Docks in Canary Wharf vergammelten – bis Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980er Jahren die Planung eines neuen Finanzdistrikts in Auftrag gab. Die „Eiserne Lady“ wollte London für ausländisches Kapital attraktiv machen. Und dazu war ihr jedes Mittel recht: Thatcher schaffte Devisenkontrollen und die staatliche Überwachung von Kapitalbewegungen ab. Im Oktober 1986 folgte dann der „Big Bang“, der Urknall: Per Gesetz wurde die Trennung von regulären Banken und Investmentbanken aufgehoben. Auf diese finanzpolitische Revolution folgte ein jahrzehntelanger Boom, der London in eine Liga mit New York katapultierte. In den ehemaligen Docklands entstand ein glitzerndes Bankenviertel: Canary Wharf. Einige der weltgrößten Geldinstitute haben hier bis heute ihre Zentrale, darunter Barclays, HSBC oder Citigroup.
Canary Wharf ist „Safe and clean“, sicher und sauber
Als Investor gewann Margret Thatcher den kanadischen Immobilienunternehmer Paul Reichmann, der auch das World Financial Center in New York entwickelte. Die Immobilien gehören zum Großteil der Canary Wharf Group. Anteilseigner sind zu gleichen Teilen der katarische Staatsfonds und die kanadische Immobiliengesellschaft Brookfield. Genau genommen befindet man sich also auf Privatgelände. Fußgänger, die mit der Bahn kommen, merken das nicht. Doch wer mit einem Taxi oder Uber anreist, muss durch kleine Kontrollstationen mit Schranken. „It’s safe and clean“, sagt Filipe Avillez vom neu eröffneten Tribe Hotel auf die Frage, was seine Gäste hier wollen: Sicherheit und Sauberkeit. Und wo bleibt das gemütlich-britische London-Gefühl?
Canary Wharf ist wie ein Freizeitpark, in dem man keinen Eintritt bezahlen muss. Es gibt Gärten und Grünflächen, Promenaden am Wasser und Bootsanlegeplätze. Zum Gelände gehören meist unterirdische Malls mit Hunderten Geschäften, dazu kommen teils wirklich ganz ausgezeichnete Restaurants und Bars, Cafés und Pubs. Eine künstliche neue Welt, mit der man erst mal warm werden muss.
Wer andere Besucher fragt, warum sie ausgerechnet hier ausgehen, bekommt mitunter lustige Antworten. Sie verabrede sich immer in der vorstädtischen Anonymität für erste Tinder-Dates, erzählt eine zufällige Waschraumbekanntschaft beim Händetrocknen. Falls der Typ nichts taugt, kann sie einfach unauffällig verschwinden. Klingt logisch: Im Stamm-Pub um die Ecke würde wahrscheinlich getuschelt.
Nun kann man im Viertel auch wohnen – nicht nur arbeiten
Wer sich für urbane Entwicklung und Städtebau interessiert, ist in Canary Wharf richtig. Stararchitekt Norman Foster hat die U-Bahn-Station und einen tropisch anmutenden Garten entworfen. Vom Schweizer Büro Herzog & de Meuron stammt ein Turm, der an aufgestapelte Klötzchen erinnert. Das dominierende Gebäude in der Skyline ist der 1991 fertiggestellte und 235 Meter hohe One Canada Square mit seiner Spitze in Form einer Pyramide. Hier residiert die Canary Wharf Group – von den Büros hat man einen atemberaubenden Ausblick auf die Themse und das alte London. „2015 haben wir angefangen, Wohngebäude zu bauen und in Richtung Wood Wharf zu expandieren“, sagt Stuart Fyfe und erklärt, dass dieser Name einen Teil am Ostende des Areals meint.
In Wood Wharf wird zurzeit fleißig gebaut. Auf neun Hektar sollen insgesamt 3600 Apartments entstehen. Auch eine Grundschule, ein Kindergarten und Arztpraxen sind geplant. Canary Wharf will endlich lebenswert werden, das künstliche Image abstreifen. 3500 Menschen wohnen bereits hier. „Unsere Zielgruppe hat viel Geld und wenig Zeit“, sagt Stuart Fyfe. Daher seien kurze Wege und ein gutes Angebot gefragt.
Die wenigen Bürogebäude in Wood Wharf sollen an junge Technologiefirmen und Start-ups vermietet werden. Die Canary Wharf Group versucht seit Jahren, das Portfolio zu diversifizieren. Weg von reinen Banken-Immobilien, hin zu einer Mischung aus Arbeiten, Wohnen und Freizeit. Auf die Idee seien sie schon lange vor dem Brexit gekommen, der mehr als 7000 Jobs in der Finanzbranche auf den Kontinent verlagert hat. Kurz darauf stellte Corona die Arbeitswelt zusätzlich auf den Kopf. Während der Pandemie herrschte in Großbritannien Homeoffice-Pflicht. Die Bürotürme waren verlassen. Heute arbeiten viele zumindest tageweise immer noch von daheim. Eine Stadt in der Stadt nur zum Arbeiten braucht in diesen Zeiten wirklich kein Mensch mehr.
Die neue Schnellbahn ist ein „Gamechanger“
Hilfreich für die Entwicklung ist die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Seit 2022 gibt es eine rund 19 Milliarden Pfund (umgerechnet 21,5 Milliarden Euro) teure Express-Bahn, die Fahrtzeit zwischen wichtigen Bahnhöfen wie Paddington und dem Finanzdistrikt hat sich seither halbiert. In nur 39 Minuten erreicht man vom Flughafen Heathrow den östlichen Stadtteil Canary Wharf, früher steckte man oft weit über eine Stunde in der alten „Tube“. „Die Elizabeth Line ist für uns ein Gamechanger“, sagt Stuart Fyfe. Canary Wharf hat sich schon einmal neu erfunden. Warum sollte das nicht noch einmal klappen?
Info
Anreise
Flüge ab Stuttgart zum Londoner Flughafen Heathrow werden von Eurowings, www.eurowings.com, und British Airways, www.britishairways.com, angeboten. Dank einer 2022 eingeweihten Express-Bahn namens Elizabeth Line ist man in 45 Minuten im Stadtteil Canary Wharf. Weitere Infos bei Transport for London, https://tfl.gov.uk/.
Unterkunft
Für Londoner Verhältnisse noch einigermaßen erschwinglich ist das neue Haus der Lifestyle-Hotelmarke Tribe. Hier findet man schicke Zimmer, bequeme Betten und eine sehr gutes Wlan. Doppelzimmer inkl. Frühstück ab 215 Euro, https://mytribehotel.com/en. Im Novotel Canary Wharf kostet ein Doppelzimmer ab 293 Euro, https://all.accor.com.
Essen und Trinken
Handgemachte Nudeln wie in Italien und einen sehr netten Service bietet Emilia’s Crafted Pasta, www.emiliaspasta.com.Burger mit echt-fluffigen Briochebrötchen dazu selbst gemachte Pommes frites – Fast Food vom feinsten serviert Patty & Bun. Allerdings muss man wie bei der Konkurrenz mit dem großen „M“ auf Teller verzichten, www.pattyandbun.co.uk. Moderne indische Küche auf hohem Niveau gibt es im Chai Ki, www.chai-ki.com.
Aktivitäten
Das Dockland Museum wurde 2003 in einem alten Lagerhaus eröffnet, in dem ab 1802 Zuckerrohr aus der Karibik gehandelt wurde. Die Dauerausstellung zeigt die Geschichte von Canary Wharf. Geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr, Eintritt frei. www.museumoflondon.org.uk.
Das moderne Kunstmuseum The Beams London zeigt noch bis zum 4. Juni 2023 die aus Lichtinstallationen bestehende Ausstellung „Thin Air“ . Eintritt: 25 Pfund (28 Euro), https://thebeamslondon.com/information/
Allgemeine Informationen
Visit Britain, www.visitbritain.org