So ruhig und romantisch findet man die Seebrücke Heringsdorf nur noch selten vor. Foto: TMV/Grundner

Nobles Seebad mit Historie, Naturidyll für Familien oder Ziel mit Wachstumspotenzial? Nachdem die Ostseeinsel im Coronasommer zum Lieblingsziel avancierte und förmlich überrannt wurde, bemüht sie sich jetzt um nachhaltige Entwicklung.

 

Usedom - Was ist Usedom? Für Ulf Wigger keine Frage: „Die Insel ist seit 1999 ein Naturpark mit insgesamt 15 Schutzgebieten“, sagt der Leiter des Naturparkzentrums im alten Bahnhof der Stadt Usedom. Der liegt an der ehemaligen Strecke Berlin–Stralsund, die bis 1945 existierte. Dann kam die Wehrmacht und sprengte die Brücke, die bei Karnin das Festland mit der Insel verband, weil sich auf Usedom schon die Russen breitgemacht hatten. Übrig blieb nur die 1875 erbaute Hubbrücke, ein einsamer Stahlkoloss im Wasser.

Das Zentrum will sensibilisieren für den Naturraum auf Usedom. Der besteht zu rund 40 Prozent aus Wasser, zu einem Drittel aus Acker- und Grünland und zu 15 Prozent aus Wald mit Buchen und Traubeneichen. Hier leben Kormoran und Dachs, Seeadler und Biber. Letztere irritieren gerne mal Touristen, die dann die Feuerwehr rufen, weil sich „eine Art Riesenratte an den Strand verirrt hat . . .“.

Flora und Fauna brauchen auch mal Ruhe

Zu Usedoms 32 000 Einwohnern kommen jährlich zwei bis drei Millionen Gäste. Weil „Flora und Fauna auch mal Ruhe brauchen“, sind die Naturschützer wenig begeistert vom Bemühen der Touristiker, die Saison mit Wellness und Genuss in den Winter hinein zu verlängern. Stattdessen setzt man auf Nachhaltigkeit als Gegenbewegung. „Tourismus ist angewiesen auf intakte Natur“, sagt Wigger.

Akteure, die pfleglich mit den Ressourcen ihrer Insel umgehen, gibt es genug. Zum Beispiel Rika Harder. Sie hält mit der „Romantik“, ihrem bildschönen hölzernen Zeesboot, das maritime Weltkulturerbe des Zeesbootsegelns lebendig, indem sie Gäste vom Naturhafen Krummin aus mit zum Segeln auf dem Achterwasser („hinten“, zwischen Land und Insel) nimmt. Die „Romantik“ ist Baujahr 1929 und war bis in die 1960er Jahre im Einsatz als Fischerboot, man zog Aale, Hechte, Zander und Barsche aus dem Achterwasser. Heute ist es das letzte seiner Art auf der Insel. Hinter seiner prächtigen Erscheinung steckt unendlich viel Arbeit. Doch Rika Harder liegt der Erhalt des alten Bootes sehr am Herzen. „Ich bin traurig über die Disneyfizierung der Insel. Überall Hüpfburgen, Wikingershows, Dinoparks – das verdirbt den Charakter der Insel, die eigentlich für Ruhe, Natur und Ursprünglichkeit steht“, sagt sie.

Kuchen nach Omas Rezept

Im Naturhafen Krummin wohnt auch Alina Bull. Die Chefin des Café Seelchen, einem reizenden Kleinod auf dem Halbinselchen Gnitz im Norden von Usedom, lebt auf einem Boot. „Das kostet nur einen Bruchteil von der Miete für meine bisherige Zweizimmerwohnung“, sagt sie. Und im Winter ist sie eh mit Camper und Katze gen Süden unterwegs. Zur Weiterbildung in Sachen Wein, denn auch den gibt es im Seelchen, das mit verwunschenem Garten, Scheunenflair und Deko vom Flohmarkt direkt einem Landmagazin entsprungen zu sein scheint. Vor allem aber gibt’s Kuchen und Torten, mindestens zehn verschiedene, selbst gebacken nach Omas Rezept und geschickt verfeinert für moderne Ansprüche an allergieneutrale Ernährung.

Die Insel schmecken kann man auch bei Torsten Peters. Er hat die 1953 dichtgemachte Inselmühle wiederbelebt. In seiner Manufaktur entstehen kalt gepresste Öle, Säfte, Liköre, Marmeladen, BBQ-Soßen – und Usedomer Oliven. Das sind eingelegte grüne Kornelkirschen von eigenen Plantagen auf der Insel. Regionale Produktion und kurze Wege sind ihm wichtig, Konservierungsstoffe tabu. Ina Schirmer schwört auf Wildkräuter. „Sie sind unsere Urnahrung und waren lange Zeit die einzige Medizin“, sagt die Kräuterkundlerin und empfiehlt Hustensirup aus Spitzwegerich und Brennnesseltee gegen Rheuma. Brennnesseln kommen bei Ina Schirmer aber auch auf den Tisch. Ebenso wie Giersch, Sauerklee, Vogelmiere und allerlei essbare Blüten – alles, was Wald und Wiese vor ihrem Hexenhaus mitten im Wald hergeben. Ihr Wissen gibt Ina Schirmer bei Kräuterführungen weiter, deren Ausbeute anschließend gemeinsam zubereitet und verspeist wird. Ungewohnt, aber überraschend lecker schmecken Wildkräutersuppe und der Salat mit bunten Blüten, mit Giersch-Spinat gefüllte Kartoffeln und Champignons, die herzhaften Brennnesselbratlinge und das absolut köstliche Sauerkleeeis an Beeren.

Der Sternekoch schwört auf Wildkräuter

Auf Ina Schirmers Kräuter schwört auch Sternekoch Tom Wickboldt, der im Oktober 2020 sein neuestes Restaurant Kulmeck im Seebad Heringsdorf eröffnete. Sein Ansatz ist Usedom mit einem Hauch Frankreich – Regionales und Saisonales raffiniert verarbeitet zu Bouillabaisse, Steinpilz-Entenröllchen und Magnolien-Kirsch-Gelee. Sein Konzept – am Nachmittag ein Terrassenangebot mit sechs Gerichten und abends das mehrgängige Sternemenü im Restaurant – passt gut ins noble Seebad mit seinen prächtigen Villen in großzügigen Parks. Und zum Versuch der Touristiker, im Herbst und Winter genussfreudige und gesundheitsbewusste Gäste anzulocken.

Alte Bäume als Therapeuten

Auch in den Seebädern weiß man aber um die Schätze der Natur. „Wir wollen die natürliche Regenerationsfähigkeit erhalten – die des Waldes und die des Menschen mithilfe des Waldes“, sagt Karin Lehmann. Die Ärztin hat auf Usedom den ersten Heilwald mit medizinischem Konzept und ausgebildeten Waldtherapeuten initiiert. Seit 2017 werden in Heringsdorf Menschen im mehr als 100 Jahre alten Küsten-Mischwald therapiert. „Besonders hier ist das Zusammenspiel von Waldluft und Seeluft, die Buche gibt sehr viel Sauerstoff ab, und die Nadelbäume helfen mit ätherischen Ölen“, schildert Karin Lehmann. Erwiesene Erfolge gibt es schon bei Patienten mit Raucherlunge, aber auch mit Schmerzpatienten, aggressiven Kindern und Demenzkranken. Krank muss man nicht sein, um den Heilwald zu nutzen: Themenpfade mit Erklärtafeln und Übungsstationen führen durch das 194 Hektar große Gelände.

Von paradiesischen Zuständen ist man auf Usedom zwar weit entfernt, doch „Erkenntnis ist der erste Schritt“, sagt Tourismuschef Michael Steuer. Der zweite war die Aufnahme ins Landesprogramm „Nachhaltiges Reisen“ und dessen Umsetzung hat gerade begonnen.

Info

Anreise
Mit dem Zug via Berlin oder via Hannover nach Züssow und weiter nach Heringsdorf auf Usedom, www.bahn.de Mit dem Auto über Nürnberg oder Würzburg nach Leipzig und via Berlin nach Usedom.


Unterkunft
Auf dem Festland: Umweltbewusst im Haffhus in Ueckermünde, DZ/F ab 129 Euro, www.haffhus.de.Am Achterwasser: Der Naturhafen von Krummin bietet schwimmende Suiten an, DZ/F ab 220 Euro, www.naturhafen.de. Am Strand: Ostseeblick, DZ/F ab 145 Euro, www.strandhotel-ostseeblick.de .Am Meer: Seetel Hotel Ahlbeck, DZ/F ab 125 Euro, www.seetel.de. Essen und Trinken
Inselspezialitäten hat die historische Mühle, www.inselmuehle-usedom.de.Kräuterwandern und Kräutermenü gibt es bei Ina Schirmer in Dargen-Prätenow, www.kraeuterverbena.de.Sterneküche im Kulmeck by Tom Wickboldt in Heringsdorf, www.kulmeck.de. Kaffee-Köstliches im Café Seelchen in Lütow-Neunedorf, Tel. 03 83 77 / 12 99 53

Aktivitäten
Naturparkzentrum in Usedom-Stadt, www.naturpark-usedom.de. Durchatmen im Heilwald Heringsdorf, www.kur-und-heilwald.de.Zeesbootsegeln auf dem Achterwasser, www.naturhafen.de . Allgemeine Informationen
Usedom Tourismus, www.usedom.de Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, www.auf-nach-mv.de