Wer bestimmt Trends: Markt, Museum, Sammler – oder Publikum? Blick aus dem Stuttgarter Kunstmuseum Foto: Gonzalez

Sammler, Kuratoren, Kritiker, Händler, Galeristen, Künstler brachte das Kunstmuseum in den vergangenen Wochen ins Gespräch. Am letzten Abend der Reihe „Pivate View. Privat gesammelt – öffentlich präsentiert“  stellt sich die große Frage: Sammler oder Museum, wer bestimmt die Trends in der Kunst?

Stuttgart - Das Thema des Abends lieferte der Kurator und Kritiker Thomas Wulffen bereits 1994 mit seiner Dokumentation „Betriebssystem Kunst“. Ein trügerischer Begriff, wie Hans Dieter Huber gleich zu Beginn feststellt, denn das Betriebssystem Kunst sei nicht gesteuert, es organisiere sich selbst. Wie es das tut, wie die verschiedenen Akteure und Komponenten zusammenspielen, und ob die Kunst als Betriebssystem weiterhin funktionsfähig bleiben kann, das ist das eigentliche Thema am Dienstag.

Hans Dieter Huber, Professor für Kunstgeschichte der Gegenwart an der Stuttgarter Kunstakademie, übernahm für den erkrankten Journalisten Tim Sommer die Moderation des Gespräches. Keine leichte Rolle, wie sich bald schon zeigt, denn diese letzte Diskussionsrunde entpuppte sich schnell als die emotionalste der Reihe.

Harald Falckenberg, Jurist, Unternehmer und Kunstsammler aus Hamburg, spricht vom Glück des Sammelns, das für ihn eine Rückkehr ist in die Freiheit der Kindheit. Christiane Lange, die Direktorin der Stuttgarter Staatsgalerie, zieht genau hier die Grenze. Für sie kann die private Sammlung der Ort kindlichen Glücks sein, das staatlich finanzierte Museum dagegen muss sich dem kulturellen Gedächtnis der Gesellschaft verpflichtet fühlen. „Wir erwerben ein Werk, wenn wir sagen können: Das hat die Kunstgeschichte beeinflusst, das hat andere Künstler beeinflusst“, sagt sie. Und: „Kunst kommt immer von Kunst.“

Globaler Wettbewerb der Museen

Obschon Falckenberg, wie sich später zeigt, mit Lange in entscheidenden Fragen übereinstimmt, provoziert ihr Statement zur Rolle der öffentlichen Museen seinen klaren Widerspruch: „Ich fühle mich angegriffen, als privater Sammler“, sagt er. „Der Sammler hat zwar häufig nicht die Kraft, die Zeit, die finanziellen Mittel, um über einen so langen Zeitraum hinweg aktiv zu sein wie ein Museum, aber ich bin dennoch nicht bereit, den Machtanspruch an die öffentlichen Museen abzutreten.“ Und schon ist ein Streitgespräch in Gange, das Hans Dieter Huber kaum noch zu bändigen weiß: „Ich bin der Moderator!“, muss er schließlich protestierend ausrufen.

Für Falckenberg geht es im Betriebssystem Kunst gegenwärtig nur noch um das pure Überleben: „Es ist genau wie in der Wirtschaft“, sagt er mehrmals an diesem Abend. Und er spricht von einem globalen Wettbewerb, in dem die Museen nicht mehr bestehen könnten. „Der Ewigkeitsanspruch der Museen ist absurd“, behauptet er. Die aktuelle Ausstellung des Centre Pompidou mit Werken von Jeff Koons ist für ihn das Beispiel einer Ausstellungspolitik, die an Qualität nicht mehr interessiert ist. „Die hohe Ehrung, ins Museum aufgenommen zu werden“, sagt er, „ist nicht mehr da.“ Er zitiert Marshall McLuhan („Das Medium ist die Botschaft“) und mutmaßt: „Möglicherweise ist heute der Markt das Medium.“ Überraschend dabei, dass er sich von einer früheren Formulierung distanziert, mit der er für den privaten Sammler im Sinne Thoreaus das Recht des zivilen Ungehorsams in Anspruch nahm. „Davon“, sagt Harald Falckenberg, „möchte ich mich lösen. Ich werde meine Sammlung wahrscheinlich später den Museen überlassen.“

Max Hetzler, Berliner Galerist mit Stuttgarter Wurzeln und seit dem Frühjahr auch in Paris vertreten, stellt sich, nicht ohne Verständnis für ihn aufzubringen, gegen Falckenbergs Furor: Mit Jeff Koons verbindet der Galerist noch immer eines seiner größten Kunsterlebnisse; und in Paris, erzählt er, besuche er häufig mit großer Begeisterung die Museen: „Das öffentliche Museum ist für mich immer noch der Lackmustest für Künstler.“ Hetzlers Blick auf die inländische Museenlandschaft allerdings ist düster: „Was ist hier passiert mit den Museen?“, fragt er. „Weshalb werden keine großen Ausstellungen mehr erdacht, die in die Welt hinaus gehen? Die deutschen Museen sind nicht mehr im Diskurs!“

Auch Thomas Locher, der Künstler in der Runde, ist der Rolle des Museums gegenüber kritisch eingestellt: „Ich glaube nicht mehr, dass Museen das bestimmende Medium sind, das einen Kanon der Kunst aufstellen kann.“ Für ihn macht diese Funktion, und nicht der Künstler, die Leerstelle im Betriebssystem Kunst aus: „Einen Kanon aufzustellen ist etwas sehr Kompliziertes, eine Behauptungsgeste, die sich niemand mehr zutraut.“ Auch nicht die privaten Sammler, auch nicht die Auktionshäuser. Locher sieht den Künstler heute in einer veränderten Situation, in der er mehr als zuvor zum Anwalt in eigener Sache werden muss. „Wie könnte man die eigene Relevanz wieder verschärfen?“, fragt er. „Soll man noch böser werden, gemeiner, härter?“ Das große Interesse des Publikums an der Kunst bleibt für den Künstler diffus.

Und die Bilanz nach sechs Abenden der Diskussionen um privates und öffentliches Sammeln, um die Zukunft des Kunstmarktes? Für Christiane Lange spielen die öffentlichen Museen mit ihrer langfristigen Politik eine subversive Rolle im überdrehten Kunstmarkt der Gegenwart. Harald Falckenberg glaubt, dass die hohen Preise sich früher oder später selbst erledigen werden, „weil irgendwann einmal keiner mehr kauft“. Und Max Hetzler sieht die Galerien noch immer als die treibende Kraft der Kunst an, die sich in der globalisierten Welt allerdings neuen Herausforderungen stellen muss. „Wir sind fasziniert von den hohen Preisen“, sagt Hetzler. „Aber das ist so traurig, weil es nichts zu tun hat mit den Künstlern, mit den Sammlern, den Galeristen. Entscheidend ist doch der, der die Kunst produziert. Auch Auktionshäuser werden beliefert von Sammlern, und in den meisten Fällen geht die Kunst von ihnen aus wieder an Sammler. Was zuletzt bleibt, ist die Kunst.“

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