Das Stuttgarter Ballett „lebendig zu halten“ sieht Reid Anderson als seine zentrale Aufgabe als Intendant der Kompanie. Foto: Leif Piechowski

Reid Anderson, Intendant des Stuttgarter Balletts, muss nach 15 Jahren seine Kompanie umbauen. „Zu viele reife Tänzer behindern die Zukunft einer Kompanie“, so Anderson. Er will sie aktiv in „die zweite Hälfte ihrer Karriere“ begleiten.

Stuttgart – - Herr Anderson, Ende vergangener Spielzeit musste Alexander Zaitsev seinen Hut nehmen, obwohl er gerne weitergetanzt hätte. Nun trifft Filip Barankiewicz ein ähnliches Schicksal. Wie fühlt sich ein Ballettdirektor, der verdienten Tänzern die Tür weisen muss?
Ich habe kein Problem damit, denn es gehört zu meinen Aufgaben als Intendant. Und ich sehe, wie hart sich Tänzer unter Umständen ab einem bestimmten Alter vorbereiten müssen, um eine Vorstellung durchzuhalten, geschweige denn eine ganze Spielzeit. Dann ist es Zeit, ein Ziel für die zweite Hälfte ihrer Karriere zu finden – und es ist Teil meines Jobs, ihnen dabei zu helfen. Die beiden Tänzer, die Sie angesprochen haben, sind damit einverstanden und wollen auch etwas anderes machen. Filip Barankiewicz zum Beispiel kennt alle großen Cranko-Rollen, er könnte sie als Coach weltweit bei anderen Kompanien einstudieren.
Nach 15 Jahren mit Zeitverträgen und einer möglichen Moratoriumsfrist wären diese Tänzer arbeitsrechtlich nun unkündbar geworden. Das hat bei Ihrer Entscheidung doch sicherlich eine Rolle gespielt?
Natürlich denke ich an diese 15 Jahre. Aber ich halte mich nicht an diese Regelung, sie ist nicht der Grund, warum ich eine Entscheidung treffe, wie das Beispiel Sue Jin Kang zeigt.
Das heißt, dass sich das Publikum nicht um Stars wie Friedemann Vogel oder Jason Reilly sorgen muss, die bald ebenfalls die kritische Marke erreichen?
Wie gesagt, meine Entscheidungen fallen unabhängig von dieser Frist. Und selbst wenn ich an sie denken muss, wird es in den nächsten Jahren Menschen geben, die länger bleiben werden. Auch wenn ich jetzt keine Namen nennen will. Eine solche Entscheidung hat immer auch mit der körperlichen Verfassung der Tänzer zu tun – manche von ihnen haben dankbare Körper, keine Schmerzen, sind nie krank. Frauen können meistens länger tanzen, denn sie werden ­getragen, während die Träger früher schlapp machen. Eine Tänzerkarriere ist wie ein ­Eisberg: Das Publikum sieht nur die schöne Spitze, aber nicht das, was ein Tänzer leisten muss, damit es so aussieht, als ob alles mühelos wäre.
Das Publikum wird trotzdem bedauern, dass es einige seiner Stars verliert . . .
Ich verstehe, dass eine solche Entscheidung von außen erst einmal negativ wahrgenommen wird. Alle bedauern, dass diese wunderbaren Tänzer uns verlassen. Aber ich sehe das positiv: Sie tun den Schritt in die zweite Hälfte, die ein Tänzerleben nun einmal hat. Ich tue alles Erdenkliche, um ihnen dabei zu helfen. Und ich kann sehr viel tun mit meinen Beziehungen. Wer aus Stuttgart kommt, ist in der Ballettwelt überall zu ­Hause. Das Stuttgarter Ballett ist überall bekannt und präsent.
Trotzdem: Filip Barankiewicz, der eine Familie ernähren muss, wird am Ende der Spielzeit ohne Job sein . . .
Er hätte eine Stelle in der Cranko-Schule übernehmen können und wäre bis zur Rente abgesichert gewesen. Aber er sagte, dass er andere Vorstellungen für seine Karriere hat. Vor dieser Entscheidung habe ich sehr viel Respekt und mache mir keine Sorgen um ihn. Er ist berühmt und hat enorme Erfahrungen, das ist ein tolles Fundament. Nun kann er ausprobieren, ob er das mit dem Coaching machen möchte. Ich kann allen helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Außerdem sind unsere Tänzer über die Bayerische Versorgungskasse abgesichert, die hilft, eine Umschulung oder den Weg in die Selbstständigkeit zu finanzieren.
Sie hatten, als Sie 1996 nach Stuttgart kamen, eine überalterte Kompanie vorgefunden, für viele Ihrer ehemaligen Tänzerkollegen mussten Sie neue Perspektiven finden. Nun wirkt es, als wollten Sie eine ähnliche Situation auf alle Fälle vermeiden. Stimmt das?
Ja, unbedingt – auch im Hinblick auf meinen möglichen Nachfolger. Die Zustände damals waren schrecklich und ich musste 25 Menschen kündigen. Das möchte ich niemandem zumuten, außerdem habe ich die Aufgabe, diese Kompanie lebendig zu halten. Ich muss dafür sorgen, dass das Stuttgarter Ballett weiterkommt und eine Zukunft hat. Jedes Jahr kommen tolle Talente aus der Schule. Und es ist auch Teil meines Jobs, dass sie ein Publikum finden. Das ist keine einfache Aufgabe: die richtige Balance zu finden zwischen dem, was war, was ist und was wird.
Wie verhalten sich andere Ballettdirektoren in Deutschland in Ihrer Situation? Oder haben die meisten Kompanien durch viele Direktorenwechsel auch eine größere Tänzerfluktuation?
Es gibt kaum Kompanien in unserer Situation, Hamburg oder Mündchen vielleicht. Sonst gibt es sehr viel Wechsel. Aber aus Stuttgart will kein Tänzer weg – das ist doch fantastisch. Sie bleiben, weil sie hier in ihrer künstlerischen Entwicklung weiterkommen. Sie können in der ganzen Welt gastieren und kommen gerne und voller Eindrücke zurück. Wechsel gibt es natürlich auch bei uns, weil eine Ballettkompanie ein lebendiger Organismus ist.
Wenn Verträge nicht verlängert werden: Wann nehmen Sie Gespräche mit den Tänzern auf?
Glauben Sie mir, ich spreche die Tänzer sehr frühzeitig an, damit genügend Zeit ist, sich vorzustellen, wie ein möglicher Weg aussehen könnte. Der Abschied eines Tänzers ist nur für das Publikum eine Überraschung, für uns ist das ein allmählicher Übergang. So wie jetzt bei Filip Barankiewcz und Maria Eichwald, die diese Spielzeit noch tanzen, mit denen ich aber vor zwei bis drei Jahren Gespräche begonnen hatte. Oihane Herreros Entscheidung, von heute auf morgen mit dem Tanzen aufzuhören, weil ihr die körperliche Belastung zu viel wurde, war allerdings auch für uns eine Überraschung. Sie hat aber eine klare Vorstellung, was sie machen will, und hat die Ausbildung zur Gyrotronics-Lehrerin auch schon begonnen.
Auf eine Karriere hinter den Kulissen des Stuttgarter Balletts kann kein Tänzer spekulieren?
So viele Stellen gibt es leider nicht – und im Moment ist überhaupt keine frei. Aber ich beobachte ständig die Anlagen in einem Tänzer, um alle seine Möglichkeiten zu sehen. Kann jemand ein Training leiten? Taugt er zum Ballettmeister? Wir haben Tänzer, die anderswo Ballette einstudiert haben oder die hier als choreografische Assistenten arbeiten. Ich nehme Stärken zur Kenntnis und merke sie mir: für die Zukunft der Kompanie und der jeweiligen Person. Auch ich habe beim Stuttgarter Ballett alles gelernt und konnte es gut gebrauchen. Natürlich ist es ein Riesenglück, wie ich im Ballettgeschäft bleiben zu können. Aber Tänzer sind clever, ihnen gelingt sogar eine zweite Karriere als Arzt oder Finanzberater.
Und Ihre zweite Karriere als Ballettintendant – wie lange wird die in Stuttgart noch dauern?
Ich möchte unbedingt dabei sein, wenn das neue Haus für die John-Cranko-Schule gebaut und eröffnet wird – und zwar möglichst in meiner Zeit als Ballettintendant. Ansonsten muss man mich eben im Rollstuhl zur Einweihungsparty schieben.
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