In München hat der Prozess gegen eine Gruppe mutmaßlicher Reichsbürger begonnen. Foto: dpa/Sven Hoppe

Die mutmaßliche Reichsbürger-Truppe um Prinz Reuß ist so unauffällig wie bizarr. Geplant haben sollen sie den Sturz der Demokratie – um anschließend eine „Militärregierung“ zu installieren.

Teil drei des groß angelegten „Reichsbürger“-Terrorprozesses gegen die Verschwörungsgruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß hat am Dienstag in München begonnen. Nachdem in Stuttgart und in Frankfurt am Main schon verhandelt wird, stehen in der bayerischen Landeshauptstadt nun auch die letzten acht der insgesamt 26 Angeklagten vor dem Oberlandesgericht. Ihnen wird die Planung eines Staatsumsturzes und Hochverrat vorgeworfen. Massiv gesichert ist der Verhandlungssaal A 101 im Münchner Justizzentrum, als sie hereingeführt werden.

 

Auffällig sind die acht auf den ersten Blick nicht. Da stehen teils formal sehr gebildete Menschen vor Gericht, meist mittleren Alters, die quer aus der ganzen Republik kommen und doch zwischen 2021 und 2022 in diesem Verschwörungskreis so aktiv gewesen sein sollen.

Hausärztin sollte nach Umsturz Gesundheitsministerin werden

Eine von ihnen ist die Ärztin Melanie R. mit Hausarztpraxis in Niedersachsen, die zur Coronaleugnerin wurde und von der Gruppe nach dem geplanten Sturz der Regierung als Gesundheitsministerin auserkoren war. Oder der Jurist Paul G., promoviert, er hätte Außenminister werden sollen in dem Staat, den man gemäß „Reichsbürger“-Ideologie ins Jahr 1871 zurückgedreht hätte. Die Bundesrepublik existiert diesem Verschwörungsglauben zufolge gar nicht.

Überblick zu wahren fällt bei inzwischen drei laufenden Verfahren schwer: In Frankfurt stehen Prinz Reuß und enger Umkreis vor Gericht. Reuß ist zentrale Figur der auch als rechtsterroristisch angeklagten Gruppe, die sich „Patriotische Union“ nannte. Die Militärplaner sind in Stuttgart vereint. Sie hatten überlegt, wie man die Demokratie mit Waffen und Gewalt ausschaltet. Die Münchner Angeklagten fallen in die Kategorie Esoteriker und gewaltbereite Fantasten.

Astrologin wollte „Militärregierung“ spirituell beraten

Dazu gehört laut Anklage Ruth Hildegard L., die sich als „Astrologin, aber eigentlich Rentnerin“ bezeichnet. Die 70-Jährige ist edel in Türkis gekleidet. Ihre Personalien nennt sie mit sanftmütiger Stimme. Die Anhängerin des AfD-Rechtsextremisten Björn Höcke hätte spirituelle Beraterin in der „Militärregierung“ unter Reuß werden sollen.

59 Seiten umfasst die Anklageschrift der Karlsruher Bundesanwaltschaft gegen sie und die sieben anderen. Zweieinhalb Stunden dauert die Verlesung. Seite um Seite offenbart sich, an welchem Unternehmen sie von Mitte 2021 an gearbeitet hatten, von welchem Wahn sie getrieben sein mussten, und mit welch ausgetüftelter Methode sie ihr Ziel des Umsturzes angegangen sind – bis eine Razzia im Dezember 2022 sie enttarnte. Bis dahin sollen sie 382 Pistolen und Gewehre gehortet haben, 347 Messer und Macheten und fast 150 000 Schuss Munition.

Die Angeklagten sollen der ursprünglich aus den USA stammenden Verschwörungstheorie eines verbrecherischen „Deep States“ anhängen, also an eine in Deutschland tief sitzende kriminelle Struktur von Teilen der Herrschenden glauben. Diese hätte ihnen zufolge Babys in unterirdische Tunnel entführt, um sie rituell zu missbrauchen, zu töten und aus deren Blut einen Verjüngungstrunk zu machen.

In dem Staat gebe es auch die „Allianz“, die „Guten“ aus Sicht der Angeklagten – ein Fantasiegebilde, das laut den Verschwörern auf ein Signal warte, um den „Deep State“ zu zerstören. Und dieses Signal wäre von der Reuß-Truppe gekommen. Meinten sie.

Angeklagte suchten wohl Unterstützung in Russland

Unzählige Male sollen sich die Angeklagten getroffen haben – im Reuß’schen Schloss Waidmannsheil in Thüringen, im schwäbischen Rottweil und in Niederbayern, sollen Schießübungen abgehalten haben. Sie sollen Todeslisten von Politikern und Prominenten geschrieben haben. Zwei der Münchner Angeklagten sollen mehrfach Kontakt zum russischen Konsulat in Bratislava in der Slowakei gesucht haben, um sich die Unterstützung Russlands zu sichern.

In München hatte man mit mit Protest der „Reichsbürger“-Szene gerechnet. Doch das Interesse an dem Verfahren blieb bislang mäßig. Bis Ende Januar 2025 sind noch 53 Verhandlungstage angesetzt.