Wenn im Frühjahr Holz gemacht wird, waren früher selbstfahrende Bandsägen im Einsatz. Der Reichenbacher Walter Erz hat eine dieser Maschinen im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck wieder entdeckt.
Reichenbach - Wenn Wilhelm Henni mit seiner laut ratternden, selbstfahrenden Bandsäge durchs Dorf kurvte, war er schon von weitem zu hören. Daran kann sich Walter Erz noch gut erinnern. Henni war sein Cousin, eigentlich Drechslermeister von Beruf, und führte zusätzlich Lohnsägearbeiten aus: Die Leute bestellten ihn und er kam mit seiner Säge, um das Holz so zu zerteilen, dass es danach gespalten und im Ofen verfeuert werden konnte. Die Säge lief ohne Pause durch, die Auftraggeber reichten Wilhelm Henni das Holz und räumten die gesägten Stücke wieder weg. „Er war sehr eifrig, man ist kaum nachgekommen“, sagt Walter Erz.
Der Fahrer saß auf dem Sägetisch
Bis in die 80er-Jahre hinein fuhr Henni so durchs Dorf mit der kuriosen Maschine: Der Fahrer nahm auf dem Sägetisch, einer Stahlplatte, Platz. Zwischen den Beinen hatte er die Lenksäule, unterm Hinterteil meist ein Kissen, damit es ihm nicht kalt wurde. Hinter der Säge befand sich der Dieselmotor mit seinem massiven Schwungrad und einem offenen Wasserkühler, in den ab und zu eine Gießkanne voll Wasser geleert wurde. Walter Erz ist das alles noch lebhaft in Erinnerung: Auch, wie Wilhelm Henni mit der automatischen Schärfmaschine an der Decke seiner Werkstatt die stumpf gewordenen Sägeblätter nachgeschliffen hat. Oder wie er den Sägetisch mit dem „Saunabel“ einfettete, damit das Holz rutschte. Dabei handelte es sich um einen Fettklumpen an einer Sehne, ein nicht anderweitig verwertbarer Teil der Schweine-Innereien. Anfangs fuhr die Säge auf Holzspeichenrädern mit Eisenreifen, später auf Vollgummi- und schließlich auf luftgefüllten Reifen.
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Auch Wilhelm Hennis Sohn Manfred, ebenfalls mittlerweile verstorben, nutzte die Säge noch. Er war Mitglied bei der Schützengilde Reichenbach, was vermutlich der Grund dafür ist, dass diese auf den gravierten Römergläsern für ihre Mitglieder eine Zeit lang ein solches Gerät abbildete: Vor dem Turm der Mauritiuskirche und zwei Wohnhäusern sieht man, ganz prominent, die mobile Bandsäge samt Fahrer.
Zur Kirbe wird die Bandsäge angeworfen
Auf jeden Fall sei die Säge „ein Stück Geschichte von Reichenbach“, sagt Walter Erz. Von Anfang an hat er bedauert, dass das fahrbare Unikum nicht in der Gemeinde oder wenigstens in der Nähe geblieben ist. Nachdem die Säge außer Betrieb genommen worden war, erfuhr er von Wilhelm Hennis Frau, dass sie ins Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck gegangen sei. Warum gerade dorthin, ist heute nicht mehr nachvollziehbar – vielleicht habe Wilhelm Henni persönliche Kontakte zu jemandem dort gehabt, vermutet Walter Erz. Er hatte sich schon damals vorgenommen, das gute Stück irgendwann zu besuchen. Aber wie es manchmal läuft, kam immer wieder was dazwischen.
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2019 schließlich schrieb der Reichenbacher an das Museum und bekam die Bestätigung, dass die alte Säge dort nicht nur per Lkw-Transport angeliefert worden war, sondern auch ausgestellt ist und mindestens einmal im Jahr zur Kirbe beim Schausägen zeigt, was sie kann. Also haben Erz und seine Frau Gisela einen Ausflug nach Neuhausen ob Eck gemacht, wo eine Museumsmitarbeiterin sie zur Reichenbacher Bandsäge führte. „Ich habe sie sofort wiedererkannt“, sagt Erz. Schließlich habe er oft genug Holz gereicht und weggeräumt, wenn das schnaufende Ungetüm in Gang war. Sofort bemerkt und auch ein bisschen geärgert hat ihn, dass das Firmenschild aus Holz, das einst an der Maschine angebracht war, fehlte. Das sei doch eigentlich eine relevante Information für ein Museumsstück, findet der Reichenbacher. Er hat dem Museum ein neues Schild, allerdings aus Email, spendiert, das an der Säge angebracht wurde. Zudem hat er für das Museum aufgeschrieben, was er über die Maschine und ihre ehemaligen Inhaber und Betreiber weiß. Das würde er auch vor Ort erzählen und hofft, dass er die Säge aus dem Filstal mal besuchen kann, wenn sie im Museum in Aktion ist.
Lohnsäger und Drechslermeister
Museumsstück
Lohnsäger Wilhelm Henni war nicht nur in Reichenbach aktiv, sondern auch oft auf dem Schurwald oder in Plochingen. Dort hat er immer wieder ausgediente Bahnschwellen zersägt, die sehr hart waren. Neben Hennis Exemplar war in Reichenbach noch eine zweite Säge auf Rädern unterwegs, sie gehörte Richard Alber und steht seit 1994 im Deutschen Landwirtschaftsmuseum in Hohenheim.
Drechslerhandwerk
Wilhelm Henni ist 1911 in Reichenbach geboren und hatte sechs Geschwister. Nach seiner Lehre und der Meisterprüfung übernahm er die Drechslerwerkstatt im Wohnhaus seiner Eltern in der Gerberstraße 1. Als Obermeister seiner Zunft in Baden-Württemberg war Wilhelm Henni ziemlich bekannt, in dem Buch „Opas Werkstatt“ vom Silberbuchverlag Tübingen sind zwei Fotos von ihm: Auf einem fertigt er eine Holstakete für ein Geländer, auf dem anderen eine Kugel zum Kegeln, was sicherlich zur höheren Kunst des Drechslerhandwerks gehörte.