Szene aus Maggie Perens Film „Der Passfälscher“ mit Louis Hofmann und Luna Wedler Foto: dpa

Die aus Fellbach stammende Drehbuchautorin und Regisseurin Maggie Peren kommt jetzt mit ihrem neuen Film „Der Passfälscher“ in die Kinos. Im Gespräch beschreibt sie ihre Anfänge als Schauspielerin und ihre weiterhin engen Verbindungen zur Heimatstadt.

Sie gehört zu den namhaftesten Filmemacherinnen in Deutschland. Dass Maggie Peren aus Fellbach stammt, ist aber vermutlich selbst Insidern eher unbekannt. Kurz vor dem bundesweiten Start ihres neuen Werks „Der Passfälscher“ haben wir mit der in München lebenden 48-Jährigen gesprochen.

 

Frau Peren, waren sie schon einmal in Hollywood? Demnächst wäre ja eine gute Gelegenheit gewesen – Sie waren ja mit „Der Passfälscher“ in der Vorauswahl für den deutschen Beitrag zum Oscar, vorne war am Ende dann Edward Bergers „Im Westen nichts Neues“.

Ich gebe zu, ich mag Los Angeles nicht sonderlich, das ist überhaupt nicht meine Stadt. Und bei der Vorauswahl, da war ich mir eigentlich sicher, dass Andreas Dresens Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ durchkommt und war ein wenig traurig, weil ich den Film von ihm so mochte.

Acht Jahre Arbeit stecken in dem Film, ist zu lesen – klingt ganz schön lang. 

Das ist im Kino nicht ungewöhnlich, man arbeitet ja auch nicht nur an einem Projekt, sondern an mehreren gleichzeitig, also ein bisschen wie ein Maler, der drei, vier Leinwände in seinem Atelier hat. Wir brauchen im Kino TV-Vorverkäufe, und die öffentlich- rechtlichen Sender machen nur noch ganz wenig Kino. Der Film ist aber eben nichts für RTL/ SAT 1 et cetera. Auch nicht wirklich für ein Studio, dazu ist er in den Figuren zu ambivalent erzählt. Dann dauert es eben ein wenig länger, weil man viele Förderungen braucht und eben die öffentlich-rechtlichen Sender.

„Der Passfälscher“ – wie kommen Sie überhaupt auf ein solches Thema?

Ich mochte den Roman so sehr, und dann durfte ich Cioma Schönhaus, den echten Passfälscher, kennenlernen, und er ist so ein komplett non-aggressiver, lebensfroher Mensch gewesen, und da wusste ich, dass ich seine Geschichte erzählen will. Auch weil er so gar nicht dem Bild entspricht, dass die Nazis den Menschen in die Köpfe gehämmert haben in ihren vielen antisemitischen Filmen und Plakaten, die sie verbreitet haben.

Von der Schauspielerin zur Drehbuchautorin und Regisseurin – ein logischer Schritt? Zumindest haben Sie damit ja offenbar ihre Bestimmung im „Filmbusiness“ gefunden.

Ehrlich gesagt habe ich gespielt und geschrieben und manchmal auch in Drehbüchern, die ich geschrieben hatte, mitgespielt. Mit dreißig bin ich aber eines Tages aufgestanden und wollte nicht mehr spielen. Wollte einfach nicht mehr vor der Kamera stehen, sondern dahinter. Beides kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt viele Schauspieler, die das können, aber ich würde ständig meinen Kolleg:innen beim Spielen zusehen und dabei den Text vergessen. Ich sage ja nie „Filmbusiness“, sondern nenne es Filmbranche. Das Wort Branche stammt ja etymologisch vom Wort „Zweig“ ab. Und es ist eben ein Zweig, also ein Ast von vielen, wenn man sich alle Kunstformen so wie einen großen Baum vorstellt. „Business“ klingt mir zu Profit orientiert, und wir haben ja im Kino Filmförderungen, und wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen dabei ist sogar auch einen Bildungsauftrag. „Passfälscher“ gucken sehr viele Schulklassen. Ich hatte schon etliche Vorführungen und freue mich, wie sehr junge Leute den Film verstehen und dabei mitgehen.

Interessant ist die Bandbreite ihrer Bücher – mal Kinderfilm mit „Mississippi“, mal Teenager-Komödie mit den „Mädchen“-Filmen, starke Auseinandersetzung mit der Nazizeit wie „Napola“, paranoide Schizophrenie wie in „Nocebo“, Komödie wie „Stellungswechsel“.

Ich habe drei Standbeine: Drama, Komödie und Kinderfilm. Thriller habe ich nur zweimal geschrieben, das waren so kleine Versuchsanordnungen. Ich bin im Thriller nicht so zu Hause, im Krimi überhaupt nicht. Aber Drama und Komödie wechsle ich eigentlich immer ab. Wenn ich das eine beendet habe, habe ich wieder Lust auf das andere.

Zusammengefasst: ein Drehbuch- und Regisseurinnenleben voller Neugier auf alle Facetten des Lebens?

Nein, ich habe eigentlich ein Hauptthema, das sich durch alle meine Drehbücher zieht. Im Grunde geht es immer – sogar bei „Mädchen, Mädchen“ – um innere Freiheit. Vielleicht habe ich mich deshalb auch so in Cioma Schönhaus verliebt. Er war wirklich ein freier Geist. Ich habe immer gesagt: „Cioma konnte es sich auf einer Briefmarke bequem machen.“ Er war wirklich fast nie im Mangel.

Um noch mal auf „Mädchen Mädchen“ zu kommen: Diana Amft und ihr Orgasmus auf dem Fahrradsattel – ein Beitrag für die deutsche Filmgeschichte?

Ganz ehrlich, geschrieben wurde die Szene von Christian Zübert. Aber ja, irgendwie hat die Szene Bekanntheitswert. Der Film ist sehr langlebig, das hätte keiner von uns gedacht, und ich finde, er altert ganz gut, wenn man davon absieht, dass die Mädchen sich mit dem Festnetz anrufen. Und die Schauspieler:innen sind ja alle groß geworden: Karoline Herfurth, Max Riemelt. Auch Elyas M’Barek spielt in „Mädchen Mädchen“ mit.

Wie kann man eigentlich Kritik wegstecken? Neben reichlich Lob kommen ja ab und zu auch böswillige Kommentare. Oder was sagt man zum Abendblatt-Urteil über „Mädchen, Mädchen“: „Dümmer geht’s nimmer. Irgendwann wird allen Beteiligten dieser Film mal wahnsinnig peinlich sein, aber dann ist es zu spät. Selbst schuld!“ Und, ist es Ihnen peinlich?

Haha! Ich hatte bei „Vergiss Amerika“ eine so tolle Kritik im Spiegel und einen kompletten Verriss in der Stuttgarter Zeitung. Da hab’ ich gleich beim ersten Film gelernt: Man sollte das nicht so ernst nehmen. Böse Kritiken erzählen übrigens oft mehr über den Mensch, der sie schreibt, als über das Sujet. Also: „Mädchen Mädchen“ ist mir nicht peinlich.

Dreharbeiten in Coronazeiten – am Ende hat’s doch geklappt…

Wir waren vier Wochen vor Dreh, da kam der erste Lockdown. Dann konnten wir im Sommer nicht drehen, weil wir keine Locations hatten, beziehungsweise die, die wir gebucht hatten, an andere Filme vergeben waren, und als es dann wieder losging, kam der zweite Lockdown. Wobei das für mich gut war, so konnte mein Sohn hier zu meinen Eltern und meiner Schwester sowie ihren zwei Töchtern zum Homeschooling. Meine Familie lebt in einem Drei-Generationen-Haus. Mein Sohn fand das sehr schön, und ich konnte in Ruhe drehen. Denn wir hatten fast immer 16- oder 17-Stunden-Tage.

Was auffällt – drei Künstler-Persönlichkeiten von bundesweitem Rang und ihre gemeinsame Zeit in der Theater-AG von Gustav Adolf Frank im Friedrich-Schiller-Gymnasium – schon erstaunlich. Haben Sie noch Kontakt zu Matthias Klink oder Katja Bürkle?

Katja hat im Kurzfilm eines guten Freundes gespielt, bei dem ich auch das Drehbuch geschrieben habe, „Jedem das Seine“. Der Film lief auf der Berlinale, aber da war Katja im Theater und konnte nicht kommen. Tja, leider habe ich beide lange nicht mehr gesehen.

Katja Bürkle war ja auch mal Sportgymnastin in Schmiden, wie Sie – diese Fitness und Dehnfähigkeit bis in den Spagat verliert man doch nie, oder?

Ja, ja. Doch, verliert man schon. In den Spagat komme ich nicht mehr runter.

Wie sind denn die Verbindungen zur Heimatstadt – oder liegt die weit weg?

Meine Nichten wohnen in den Zimmern, in denen meine Schwester und ich groß geworden sind. Meine große Nichte war auf dem FSG. Und wenn wir hier zu Besuch sind, gehen wir oft ins FSG zum Tischtennisspielen, und ich bin, wenn ich hier bin, fast immer auch im Mineralbad. Ich sage auch immer: „Ich fahr’ heim“, wenn ich nach Fellbach fahre. Ich sage aber dann auch, „ich fahr’ heim“, wenn ich zurück nach München fahre.

Thematische Vielseitigkeit

Jugend
Maggie Peren wird am 7. Mai 1974 in Heidelberg geboren. Sie wächst in Fellbach auf und macht am Friedrich-Schiller-Gymnasium ihr Abitur. Später studiert sie drei Jahre an der staatlichen Schauspielschule in Manchester sowie in München deutsche und englische Literatur.

Werk
Nach einigen Jahren als Schauspielerin erweiterte sie ihr Spektrum, schrieb etliche viel beachtete und mit Preisen bedachte Drehbücher und begann 2004 mit eigenen Regiearbeiten. Dabei stellt sie immer wieder ihre thematische Vielseitigkeit unter Beweis. Ihr vierter Kinofilm „Der Passfälscher“, gedreht im vergangenen Jahr in München und Luxemburg, läuft demnächst in den deutschen Lichtspielhäusern an.

Gespräch
Auf Einladung der Kulturgemeinschaft Fellbach spricht Maggie Peren bei einem Filmgespräch am Sonntag, 30.  Oktober, um 16.30 Uhr im Orfeo Schmiden über die Entstehung von „Passfälscher“ sowie über ihren Werdegang und ihre Jugend in Fellbach. Das Interesse an der Veranstaltung ist groß, Restkarten über das Orfeo (Kassentelefon 0711 / 51 68 12). Der Film ist im Schmidener Orfeo außerdem zu sehen vom 27. bis 29. Oktober um 17.15 Uhr und am 31. Oktober um 20 Uhr.