Einrichten ist gar nicht ihr Ding. Trotzdem ist sie eine Wohnexpertin: die Regisseurin und Autorin Doris Dörrie Foto: Sven Hoppe/dpa

In ihrem neuen Büchlein übers „Wohnen“ gibt die Filmemacherin und Bestsellerautorin Doris Dörrie freizügige Einblicke in ihre persönlichen Wohnverhältnisse, die eine große Vielfalt aufweisen – von der Studentenbude übers Bauernhaus bis zur Obdachlosenunterkunft.

Als sie eine Weile als junge Frau in Los Angeles lebt für Filmarbeiten, legt sie sich ein spezielles Hobby zu: Am Wochenende geht Doris Dörrie, aus Langeweile, auch aus Einsamkeit, zu Hausbesichtigungen. Sie gaukelt den Immobilienmaklerinnen ein Kaufinteresse vor und verschafft sich so Zutritt zu den Villen in den Reichen-Vierteln, „monströs hässliche Häuser mit Pools und riesigem Garten“. Was sie sieht, sind Zimmer, die „vollgestopft mit Zeug“ und doch „leer und unlebendig“ sind, vermeintlich makellose Räume, die aber eines nicht taten: von den Träumen ihrer Besitzer zeugen oder zumindest von deren eigener Hände Arbeit. Aber ist es nicht genau das, was Häuser und Wohnungen, die uns auf Anhieb gefallen, interessant erscheinen, tun?

 

Wohnungen ausstatten gehört zu ihrem Beruf

Sie sei nie der Wohntyp gewesen, sagt Doris Dörrie: „Mich hat mein eigenes Wohnen nie so wirklich interessiert, sondern immer eher das Wohnen der anderen.“ Bei einem Wohntest der Wochenzeitung „Die Zeit“ fällt sie als „Wohnverweigerin“ komplett durch. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb hat die Filmemacherin und Autorin nun ausgerechnet ein Buch – nun ja, es ist eher ein Büchlein – übers „Wohnen“ geschrieben. Zu ihrer Ehrenrettung: Die Regisseurin muss von Berufs wegen ihre Filmfiguren mit passenden Wohn-Umgebungen ausstatten.

Man ist schnell durch damit, bekommt aber in der kurzen Lesezeit eine Menge an Beobachtungen, Einsichten, Bedenkenswertem dargeboten, und dies zu einem Thema, das schon immer jeden betrifft, heute aber existenzieller, dringlicher, medial präsenter denn je erscheint. Und weil Dörrie ihre Überlegungen mit freizügigen Einblicken in ihre persönliche, eine große Vielfalt aufweisende Wohnbiografie verknüpft, wird aus dem kleinen Wohnessay eine heimliche kleine Autobiografie.

Das erste Mädchenzimmer mit Märchentapete

Die 69 Jahre alte Autorin führt uns durch ihre Wohnerinnerungen, erzählt von der Kindheit in Hannover, vom Trauma der ausgebombten mütterlichen Familie, der nur der Keller für den Nachkriegsneustart bleibt. Sie erzählt von ihrem ersten eigenen Mädchenzimmer und dessen Märchentapete, von der Mutter, die nie einen eigenen Raum hatte – „ Aber wozu auch? Sie hatte doch die ganze Wohnung!“ – und auch davon, wie sie sich selbst als Schriftstellerin schwer tut, sich ein eigenes Schreibzimmer zuzugestehen, so wie es doch Virginia Wolf 1929 in ihrem Essay „A Room of One’s Own“ für die Frauen verlangte. Geschrieben hat Doris Dörrie meist entweder im Bett oder in der Küche, während sie kochte, erfährt man. Gerade die Küche ist ein Raum, auf den sie auf den knapp 130 Seiten immer wieder zu sprechen kommt. Dort, im „über Jahrtausende“ den Frauen zugewiesenen „natürlichen Habitat“, wo diese sich nach patriarchaler Vorstellung nützlich zu erweisen haben, erlaubt sie sich, so etwas Unnützes auszuführen wie das Schreiben.

Es sind diese Querverbindungen zu Geschlechter- und auch Gesellschaftsaspekten, die ihre – so zumindest lesen sie sich – flott aus der Feder geflossenen Wohnmemoiren immer wieder auf eine höhere, allgemeingültigere Ebene heben. Durch die anekdotisch-assoziative Erzählung, die jedweden Willen zur Strukturierung vermissen lässt und auch kurze Ausflüge in die Filmhistorie beinhaltet, zieht sich so zumindest ein blassrot aufscheinender Faden.

Wo die Heizung mit Münzen gefüttert werden muss

Immer wieder spürt Dörrie den sozialen Dimensionen des Wohnens nach, die sie früh am eigenen Leib erfährt, als sie etwa als Zwölfjährige während eines Schüleraustausches bei einer Arbeiterfamilie in Bristol wohnt: in einem winzigen Häuschen, in dem Heizung und Fernseher mit Münzen gefüttert werden müssen und der einzige verfügbare Rückzugsort das Klo ist. Wieder zuhause in der großzügigen bürgerlichen Wohnung ihrer Familie begreift sie, „dass Licht und Platz Klassenmerkmale sind (danke, Karl Marx). Und natürlich Bücher. In unserem Wohnzimmer gab es eine breite, vollgestopfte Bücherwand, die von meinen Mitschülerinnen bestaunt wurde“.

Mal beschreibt sie bis zur Farbe der Vorhänge detailgetreu, wie sie und ihre junge Familie sich in einem über 200 Jahre alten Bauernhaus im Oberbayerischen einrichten, dann wieder geht es grundsätzlich-philosophisch um Raum und Identität – „Es gibt uns nicht ohne Raum“. Und darum, welche Bedeutung Räume, das Zuhause für die innere Erzählung vom eigenen Ich haben.

Ein konkreter Vorschlag für den Wohnungsbau

Dass die Filmemacherin, die nie den Wunsch verspürte, für immer an einem Ort zu leben und die sich glaubhaft wenig aus materiellem Besitz macht, mit dem Bauernhaus dann zur Eigentümerin wird, ist letztlich schlüssig. Ist dies doch nur eine weitere Facette in ihrem schillernden Wohnmosaik, das sie mit ihrem Lebenslauf, ihrer Weltoffenheit und unkonventionellen Art zusammengepuzzelt hat und das sie sagen lassen kann: „Die Welt ist bei mir, ich wohne hier und in ihr“.

Das Buch ist bei Hanser Berlin erschienen. Foto: Verlag

Neben Bayern sind auch die USA, Mexiko und Japan Dörrie-Wohnstationen, die Sechs-Quadratmeter-Studentenbude in München gehört dazu wie, für kurze Zeit, ein Obdachlosenhotel in New York, eine Erfahrung, für die sie nicht zu beneiden ist, die sie aber dazu bringt, über Nestbau zu sinnieren, um dann kurz darauf den Widerspruch der digitalen Welt zu bemerken, in der Innen und Außen verschmelzen, die Privatsphäre sich auflöst und gleichzeitig physische Kontakte immer seltener werden. Dörries Vorschlag: „parallel zu den Netzgemeinschaften“ in jedem Mietshaus „analoge, leicht zugängliche und sichere Gemeinschaftsräume“ einrichten.

Solche konkreten Denkanstöße für die Wohnungswirtschaft hätten es gern ein paar mehr sein können in diesem kurzweiligen Wohngedanken-Sammelsurium.

Doris Dörrie: Wohnen. Hanser Berlin. 128 S., 20 Euro.

Regisseurin und Schriftstellerin

Person
Doris Dörrie, 1955 geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in den USA und besuchte die Filmhochschule in München.

Bücher
Parallel zu ihrer Filmarbeit (unter anderem „Männer“, „Kirschblüten – Hanami“) veröffentlichte sie Kinderbücher, Kurzgeschichten und Romane („Das blaue Kleid“, „Diebe und Vampire“). Sie lebt in München und Bernbeuren.