Kaum zu glauben: An diesem Freitag (6. August) feiert der Regisseur und ehemalige Stuttgarter Opernintendant Jossi Wieler seinen 70. Geburtstag.
Berlin - Sie hier! Ein Lächeln, ein paar Schritte, ein Zögern (es ist der erste Coronasommer) – und dann doch: eine Umarmung. Wie geht es Ihnen? Jossi Wieler, bis 2018 Intendant der Staatsoper Stuttgart und seither in Berlin ansässig, ist wieder einmal zu Besuch in der Stadt, probt für die Übernahme seiner Salzburger Inszenierung von Elfriede Jelineks „Rechnitz“ am Schauspielhaus, besucht Freunde, und seine Frage ist keineswegs so dahingesagt.
Selbst bei Interviews, bei denen er und seine Ideen im Mittelpunkt standen, hat sich Wieler immer auch für sein Gegenüber interessiert, für andere Menschen, andere Perspektiven – ganz ohne Arroganz und immer auf Augenhöhe. So hat die Journalistin an dem lauschigen Abend der herzlichen Wiederbegegnung lange zwischen den Tischen auf der Terrasse einer Stuttgarter Innenstadt-Pizzeria herumgestanden und gefragt, zugehört und selbst geredet.
Jossi Wieler ist ein Mensch des Dialogs. Das hat ihn, der selbst als Theaterleiter ein Teamplayer blieb, dazu bewogen, in der Oper immer im Tandem mit dem Dramaturgen Sergio Morabito zu inszenieren – den er für seine akribische Bühnenarbeit auch als fachliches Rückgrat brauchte. Seine Lust am Austausch hat dem Schweizer die Sympathien großer Kollektive im Theater eingebracht – des Orchesters, vor allem des Chors, dessen Mitglieder er allesamt namentlich kannte. Diese Lust (oder Erkenntnis?) mag auch mit dafür verantwortlich sein, dass man ihm seine an diesem Freitag vollendeten siebzig Lebensjahre überhaupt nicht ansieht.
Jossi Wieler formte eine ethische Art von Ästhetik
Ob er seinen runden Geburtstag feiern wird? Man kann sich bei diesem eher stillen, bedächtigen Mann kaum vorstellen, dass er eine laute, bunte Party feiert. Aber wer weiß. Auch an der Stuttgarter Oper ist Wieler ja 2011 mit dem Ziel angetreten, mit einem nur kleinen Kreis von Regisseuren der alten Kunstform mächtig auf den Leib zu rücken – und hat dann doch den Kurs geändert, weil sich die Idee auf Dauer nicht durchhalten ließ. Dennoch hat seine Forderung nach einer Entschleunigung des Opernbetriebs das Haus am Eckensee geprägt. Und Wieler hat in seiner siebenjährigen Intendanz das dramaturgische, also theoretische Befragen vertieft, das in der Ära Klaus Zehelein grundgelegt worden war, und so das Profil des Hauses nachhaltig gestärkt.
Jossi Wieler ist als Intendant immer Regisseur geblieben, hat also nie aufgehört, von der Kunst aus zu denken. Das formte eine ethische Art von Ästhetik, denn seine psychologischen Bebilderungen waren mehrdimensional, umkreisten ihr Objekt, anstatt es mit grobem Strich ins Heute zu übersetzen, boten immer mehr Innenschau als Außenperspektive.
„Siegfried“ von Wieler/Morabito wird Teil des neuen Stuttgarter „Rings“
14 Opern hat Wieler während seiner Intendanz in Stuttgart inszeniert. Die meisten von ihnen werden noch lange im Repertoire bleiben. Und wie sehr auch sein Nachfolger Viktor Schoner die Arbeit seines Vorgängers schätzt, wurde zuletzt bei der Vorstellung des Spielplans für die kommende Saison deutlich: Dann wird Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung von „Siegfried“ Teil des neuen Stuttgarter Wagner-„Rings“. Tiefer könnte eine Verneigung vor der Tradition des Hauses nicht ausfallen – und vor einem Regisseur, der wie kaum ein anderer zeigt, wie wichtig gerade in Zeiten plumper Parolen und Meinungsblasen das genaue Hinsehen und feine Abwägen ist. Herzlichen Glückwunsch zum Siebzigsten, Jossi Wieler – mitsamt einer herzlichen Umarmung!