Johan Simons (68) wechselt von den Münchner Kammerspielen zur Ruhrtriennale Foto: Stephan Glagla/Ruhrtriennale

Nach fünf Jahren Erfolgs-Intendant an den Münchner Kammerspielen zieht es den vielfach ausgezeichneten niederländischen Regisseur Johan Simons (68) zur Ruhrtriennale in Gelsenkirchen. Dort will er in stillgelegten Zechen auch für ehemalige Fabrikarbeiter Theater und Opern zeigen.

München/Gelsenkirchen - Herr Simons, am 25. Juli endet Ihre Intendanz an den Münchner Kammerspielen. Mit welchen Gefühlen­ gehen Sie?

Ich habe eine wunderbare Zeit in München gehabt. Wir haben vieles geschafft, und ich hatte ein wunderbares Team. Als ich 2013 gesagt habe, ich höre auf, war das schwer. Zwei Jahre – das ist ein langer Abschied. Aber am traurigsten werde ich am Samstag sein. Dann werde ich ein letztes Mal die Tür hinter dem Theater zuziehen.
Die letzte Vorstellung ist Ihre Inszenierung von Joseph Roths „Hiob“ mit André Jung. Eine besonders wichtige Arbeit?
„Hiob“ ist noch aus der Zeit der Baumbauer-Intendanz. Und mit André Jung verbindet mich seit unserer ersten Arbeit, Heiner Müllers „Anatomie Titus“, eine Freundschaft. „Hiob“ ist auch ein Stück über Heimweh . . .
. . . und passt auch deshalb gut zu einem Finale, weil Sie Heimweh als Grund angegeben hatten, weshalb Sie nicht länger in München bleiben wollten?
Das stimmt. Ich hatte Heimweh nach meiner Heimat, nach der Familie und nach dem Meer. Außerdem stammt der Text von einem meiner geschätztesten Schriftsteller. Es ist eine poetische Inszenierung, die ich sehr mag. Man muss einen Abschied feiern, aber er ist auch traurig, so ein Abschied.
André Jung arbeitet zurzeit öfter in der Stuttgarter Oper, und er war kürzlich in dem Stück „Karamasow“ im Kammertheater zu sehen. Werden Sie dort auch mal inszenieren?
Ich weiß, André macht einiges da. Und Jossi Wieler ist dort an der Oper, ihn mag ich sehr. Ebenso wie den Theaterintendanten Armin Petras, der auch während meiner Zeit an den Kammerspielen inszeniert hat. Es könnte interessant sein, dort zu inszenieren, mal sehen. Aber ich werde es zeitlich wohl kaum schaffen können.
Und werden Sie noch an den Kammerspielen arbeiten? Was halten Sie eigentlich von Ihrem Nachfolger Matthias Lilienthal?
Ich arbeite erst mal nicht mehr in München. Lilienthal muss seine eigene Handschrift entwickeln. Dass er als mein Nachfolger gewählt wurde, bestätigt mich in meiner Art, Theater zu machen. Er setzt fort, was ich angefangen habe: Das Theater für andere Genres zu öffnen und mit ausländischen Regisseuren und Schauspielern zu arbeiten. Auch wir haben schon mit Regisseuren aus Belgien, Finnland, China, Lettland gearbeitet.
Die Münchner Kammerspiele haben aber auch eines der besten Ensembles der deutschsprachigen Theater. Ein festes Ensemble werden Sie bei der Ruhrtriennale, die Sie bis 2017 leiten, nicht haben.
Natürlich fehlt ein Ensemble wie das der Kammerspiele. Ich arbeite aber sowohl mit Schauspielern des Nationaltheaters Gent, das ich zuvor geleitet hatte, als auch mit Schauspielern der Kammerspiele weiter. Mit Benny Claessens, Sandra Hüller oder Steven Scharf.
Sie haben in den vergangenen zwei Jahren weiter inszeniert und die Kammerspiele geleitet – und das Ruhrtriennale-Programm vorbereitet. Sie inszenieren dort eine Oper – Wagners „Rheingold“ – und Musiktheater – Pasolinis „Accattone“. Schlafen Sie nie?
(Längere Pause) Ich vergleiche das mit einem Maler, der vor fünf Leinwänden in seinem Atelier steht. Er hat freie Arbeiten, Auftragsarbeiten und fragt sich, mit welchem Bild er an diesem Tag weitermachen will. Vielleicht will er an dem einen Bild malen, hat aber für ein anderes einen Abgabetermin. Ich versuche all meine Werke als Einheit zu betrachten, auch wenn sie sehr verschieden sind, und ich denke nicht darüber nach, ob das jetzt viel Arbeit ist oder nicht. Ich kann gut Prioritäten setzen, und ich bin jemand, der sehr gute Leute finden kann, die mich auch kritisieren, die viel mehr wissen als ich. Ich habe gern Leute um mich, die mit mir im Dialog etwas entwickeln. Es zählt die beste Idee, egal ob sie vom Pförtner kommt oder vom Dramaturgen. Und manchmal bin auch ich derjenige, der die beste Idee hat.
Die Kammerspiele sind in der Maximilianstraße zu Hause, im Epizentrum des Kapitalismus. Nun zieht es Sie in eine strukturschwache Region.
Die Ruhrtriennale zu leiten ist für mich ein unglaublich logischer Schritt. 1985 haben wir mit dem Hollandia Theater gesagt, wir kehren dem Theater den Rücken – ab aufs Land. Wir haben in Scheunen und an anderen Orten gespielt. Ich kehre zu meinen Anfängen zurück, wenn ich jetzt in einer ehemaligen Zeche ein Pasolini-Stück inszeniere. In einem Theater dominiert das Bühnenbild den Raum. In einer ehemaligen Fabrik hat auch die Geschichte des Gebäudes Einfluss auf die theatrale Umsetzung eines Stücks.
Gehört ein Theater aber nicht genau an einen Ort wie die Luxusmeile Münchens?
In welchem Sinne meinen Sie das?
Die ehemaligen Zechenarbeiter werden vielleicht nicht kommen. Die gut situierten Kulturbürger, die auf der Maximilianstraße eine teure Tasche kaufen, waren aber da, als Sie Elfriede Jelineks „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall“ gespielt haben.
Es ist ein guter Ort der Reibung. Wir haben uns auch so einen Text von Elfriede Jelinek gewünscht, der mit der Maximilianstraße zu tun hat. Als wir vor fünf Jahren in München angefangen haben, gab es noch da und dort ein kleines Café – alles verschwunden. Dort herrscht die reine Kaufwelt. Andererseits – dass genau dort auf einem Quadratkilometer so großartige Kunstinstitute sind wie die Kammerspiele, das Residenztheater und die Oper, ist hervorragend. München ist eine Stadt der Extreme. Voller Snobismus, aber auch voller Lebensqualität, allein schon wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit über den Viktualienmarkt gegangen bin, wie herrlich da das Obst duftet. Das Zentrum der Stadt ist von unglaublichem Reichtum geprägt, während die Armut an die Ränder Münchens gedrängt wird.
„Seid umschlungen“ – das Schillerzitat steht auf der Internetseite der Ruhrtriennale. So ein freudvolles Motto ist im kulturpessimistischen Kunstbetrieb ungewöhnlich.
Wie Sie wissen, kann man an einer Umarmung auch ersticken. Sie ist nicht nur warm und freundlich, der Umarmende kann einem auch zu nah kommen. Um diese zwei Pole kreist das Programm. Als das „schwarze Gold“ des Ruhrgebiets, die Kohle, entdeckt wurde, wurde das Ruhrgebiet zunächst reich. Das Ende der Zechen hat aber auch einen wirtschaftlichen Niedergang bedeutet. Früher haben fast 500 000 Menschen in den Zechen gearbeitet, bis Ende 2015 werden es noch um die 3000 Menschen sein. Wir versuchen mit den Leuten, die hier leben und arbeiten, in Kontakt zu kommen. Deshalb inszeniere ich hier auch „Rheingold“ und behaupte, dass Richard Wagner es für das Ruhrgebiet geschrieben hat (lacht).
Aber schon als Sie damals mit Hollandia aufs Land zogen, kamen nicht die Bauern zu Ihnen, sondern die Kulturbürger aus der Stadt.
Wir versuchen es trotzdem. Hier leben Menschen aus weit mehr als 170 Nationen – alle Orte des Ruhrgebiets zusammengenommen ergibt das eine ziemlich große Weltstadt mit all ihren Facetten: Armut, Reichtum, Bourgeoisie und Arbeiterschaft. Ich würde mich freuen, wenn auch Leute zur Eröffnung der Ruhrtriennale in der Zeche Lohberg in Dinslaken kämen, die mit dem Ort eine Geschichte verbinden. Leute, die sehen möchten, was an dem Ort jetzt passiert, die erleben wollen, wie die Kohlenmischhalle wirkt, wenn wir hier Pasolinis „Accattone“ spielen.
Ein Stück über einen, der an die Randgebiete des Kapitalismus gedrängt wurde. Eine Parallele zu Ihrem Umzug von München nach Gelsenkirchen . . .?
Das haben Sie gesagt.
 
 

Johan Simons

1946 wird Johan Simons in den Niederlanden geboren. Er studiert erst Tanz in Rotterdam, dann Schauspiel in Maastricht.

1982 gründet er das Regiotheater, das sich 1985 mit einem anderen Ensemble zur Theatergroep Hollandia zusammenschließt, die fernab der Theaterstädte auf dem Land, in Fabriken oder Ställen Stücke zeigt. 2001 wird daraus das ZT Hollandia.

2002 inszeniert Simons erstmals in Deutschland: Grabbes „Hannibal“ am Stuttgarter Staatsschauspiel unter Friedrich Schirmers Intendanz. 2005 gastiert er auf dem von Marie Zimmermann geleiteten Festival „Theater der Welt“ mit Houellebecqs „Elementarteilchen“ in Stuttgart.

2005–2010 Leiter des Nationaltheaters Gent in Belgien. Simons inszeniert auch in Zürich, München, beim Festival in Avignon und auf der Ruhrtriennale.­ In bilderstarken, gedanklich und handwerklich genau gearbeiteten Inszenierungen befasst sich Simons mit großen Themen – Liebe, Tod, Gewalt – und mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen.

2010–2015 Intendant der Münchner Kammerspiele. Während seiner Leitung der Münchner Kammerspiele war Simons mit eigenen Inszenierungen beim Theatertreffen, 2012 mit Kanes „Gesäubert/Gier/3.38“, 2013 mit Jelineks „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“

2013 wurden die Münchner Kammerspiele in einer Umfrage von „Theater heute“ zum Theater des Jahres gewählt. 2014 erhielt Simons den Theaterpreis Berlin und den Deutschen Theaterpreis Der Faust.

2015–2017 Leiter der Ruhrtriennale. Am 14. August
eröffnet Simons mit seiner Uraufführung von Pasolinis „Accattone“ in einer Zeche in Dinslaken die Ruhrtriennale. Simons inszeniert mit Wagners „Rheingold“ (Premiere: 12. September) in der Jahrhunderthalle Bochum auch eine Oper. Auf dem Programm der in Gelsenkirchen ansässigen Triennale stehen vom 14. August bis 26. September Opern, Tanz, Theater, Lesungen, Diskussionen an verschiedenen Orten im Ruhrgebiet. (StN))

 
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