Die S-Bahn ist das Rückgrat der Mobilität in der Region Stuttgart. Sonderlich umweltfreundlich sind die roten Züge nicht unterwegs. Doch das könnte man ändern.
Stuttgart - Die Zeiten, in denen im Nahverkehr um Stuttgart Kohle- oder Rußpartikel aus dem Schornstein von Dampf- und Dieselloks die Sicht vernebelt haben, sind lange vorbei. Die S-Bahn fährt mit Strom. Allerdings nicht so sauber, wie das möglich wäre. Die Mehrheit in der für den S-Bahn-Betrieb zuständigen Regionalversammlung des Verbands Region Stuttgart (VRS) sperrt sich offenbar gegen eine bessere Ökobilanz der Schnellbahn.
Es geht auch anders. Seit 2016 fahren die Stadtbahnen der SSB komplett mit Strom aus erneuerbaren Energien. 2014 hatte die Stuttgarter Straßenbahnen AG mit der Umstellung begonnen. Mindestens ein Drittel der Stromquellen darf dabei nicht älter als sechs Jahre sein. Rund 119 Millionen Kilowattstunden beziehe man 2021 für das Mittelspannungsnetz vom E-Werk Mittelbaden. Die Stromkosten für das gesamte Unternehmen beziffern die SSB in diesem Jahr auf rund 17,3 Millionen Euro. Mit einem grünen Blatt auf ihren Fahrzeugen verweist das städtische Unternehmen bewusst auf den Ökostrom.
Auch das Land ist auf dem Ökotrip
Wer mit dem Fernverkehr der Deutschen Bahn AG unterwegs ist, also in ICE, IC und EC, wird seit Anfang 2018 zu 100 Prozent mit Grünstrom bewegt. Man sei „grün und zukunftsweisend“, schreibt der Konzern. Manchen Zügen hat dieser deshalb eine grüne Banderole aufgeklebt.
Auch der Nahverkehr im Land ist auf dem Ökotrip. In den Stuttgarter Netzen, in denen 80 Prozent der elektrisch fahrenden Züge im Land verkehren, sei man seit April 2021 vollständig mit Ökostrom unterwegs, der Rest soll bis Jahresende umgestellt sein, schreibt die Nahverkehrsgesellschaft des Landes. Grund des Engagements ist der Klimaschutz: Pro Kilowattstunde werden nach Bahn-Strommix heute etwa 300 Gramm Kohlendioxid freigesetzt. Ein Triebzug braucht pro Kilometer rund 9,85 Kilowattstunden. Rückgespeiste Bremsenergie kann den Wert um 30 bis 40 Prozent drücken. Auch das Land klebt ein Ökolabel auf seine Züge.
2007 keine Vorgaben zum Strom gemacht
Die S-Bahn hat sich von diesem Trend abgekoppelt. Seit 2013, als der Verkehrsvertrag mit der DB Region AG geschlossen wurde, fährt sie mit dem Strommix der DB. Er ist weniger grün und zukunftsweisend. Auch als der Verband Region Stuttgart den Konzessionsvertrag für die S-Bahn bis ins Jahr 2032 verlängerte und den Auftragswert für die DB von 3,5 Milliarden auf 5,3 Milliarden Euro schraubte, wurde am Strombezug nicht gerüttelt. Man habe den Vertrag ja schon 2007 konzipiert, sagt VRS-Direktor Jürgen Wurmthaler, damals habe man beim Strom „keine Vorgaben“ gemacht.
Im aktuellen Bahn-Strommix würden 61 Prozent über erneuerbare Energien gedeckt, sagt ein Sprecher der DB Regio AG auf Anfrage. Der Rest wird aus Stein- und Braunkohle (zusammen etwa 18 Prozent), Kernenergie und Erdgas erzeugt. Die für die S-Bahn benötigte Strommenge entspreche „in etwa dem Verbrauch von 40 000 Privathaushalten“. Genaue Zahlen nennt die Bahn AG nicht, es handele sich um „Wettbewerbsdaten“. Wurmthaler bleibt noch vager. Die S-Bahn verbrauche so viele Strom wie ein „kleines Mittelzentrum“. Das Thema Ökostrom sei „nicht vergessen“, sagt Wurmthaler, der Regionalverband setze aber mit Taktverdichtung und Ausbauten andere Prioritäten. „Wenn dadurch mehr Autofahrer umsteigen, spart das auch Kohlendioxid“, so seine Argumentation.
Die Grünen scheuen den Konflikt
Die Grünen im Regionalverband dringen seit Jahren auf die vollständige Umstellung auf Ökostrom. Sie wurden abgeschmettert, vertröstet und zuletzt von Wurmthaler mit einer happigen Rechnung konfrontiert. Zwei Cent pro Kilowattstunde oder drei Millionen Euro pro Jahr würden zusätzlich fällig, würde der VRS bei der S-Bahn den Schalter auf 100 Prozent Ökostrom umlegen. „Rund 20 Prozent Mehrkosten“, heißt es in einer öffentlichen Sitzungsunterlage.
Jugendverbände mit klarer Ansage
Die Angabe verwundert allerdings. Die SSB rechnete bei der Komplettumstellung auf Ökostrom bei 119 Millionen Kilowattstunden mit nur 300 000 Euro Zusatzkosten. Folgt man den Angaben der DB, würde die S-Bahn rund 166 Millionen Kilowattstunden (kWh) pro Jahr benötigen (40 000 Haushalte zu je 4150 kWh). Warum sollte bei der S-Bahn, die bereits zu 60 Prozent mit Grünstrom fährt, beim 1,4-fachen Verbrauch das Zehnfache an Mehrkosten anfallen? Die Rechnung sei „nicht plausibel nachvollziehbar“, heißt es bei den Grünen, man rechne selbst mit einem Aufschlag von maximal einer Million und nicht drei Millionen Euro pro Jahr. Die Ökofraktion im Regionalverband hatte vor Monaten einen neuen Ökostrom-Antrag gezimmert, aber nicht vorgelegt. „Die Abstimmung hätten wir verloren“, sagt ein Grünen-Parlamentarier. Man wolle keine Konfrontation und setze auf die Haushaltsgespräche, wo der Antrag aufgerufen werde. Die Grüne Jugend in Stuttgart nimmt solche Rücksicht nicht. Zusammen mit den Jusos, BUND, VCD, Nabu, Fridays for Future und lokalen Klimagruppen macht sie Druck. Die S-Bahn gehöre „zu den größten und klimaschädlichsten Energieverbrauchern in der ganzen Region“, schreibt der Grünen-Nachwuchs. Sie sie „so klimaschädlich wie 54 000 Autos“ und damit „weit weg von Status als Klima-Vorzeigeprojekt“.