Am Dienstagabend präsentierten sich die drei Parteivorsitz-Bewerber Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn (Mitte) und Friedrich Merz in Böblingen. Foto: factum/Weise

In Böblingen feiert die CDU den Wettstreit des Trios Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn - doch in der Partei wächst die Sorge, dass sich das enttäuschte Verliererlager abwenden könnte.

Böblingen - Den letzten Ratschlag, den Angela Merkel ihrer Partei mit auf den Weg gegeben hat, beherzigt diese auch in Böblingen. Genießen solle die CDU die Zeit bis zum Parteitag, lautete der Wunsch der Kanzlerin, als sie nach der Wahlschlappe in Hessen ankündigte, ihren Chefsessel alsbald zu räumen. Plötzlich, nach 18 Jahren, gibt es keine vorgegebene Linie mehr, können die Christdemokraten, ohne Rücksicht auf die Spitze nehmen zu müssen, offen über den künftigen Kurs debattieren - und dann beim Hamburger Bundesparteitag am 7. Dezember ihren Lieblingskandidaten und ihre Lieblingsrichtung wählen.

Also wird gleich zur Begrüßung begeistert gejohlt, munter diskutiert, wild geklatscht und gespannt zugehört. Stehende Ovationen wird es später am Ende der dreistündigen Debatte geben, als der baden-württembergische Landesvorsitzende Thomas Strobl den Bewerbern Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn noch etwas zuruft, bevor die Nationalhymne erklingt: „Alle drei seid ihr spitze!“

Die CDU ist regelrecht aufgeblüht, Gastgeber Strobl nimmt sie als „wachgeküsst“ wahr. Alle drei Bewerber schüren die Begeisterung noch, wenn sie immer wieder darauf hinweisen, dass die anderen Parteien voller Neid auf den Auswahlprozess blickten. In diesem Klima aber gedeiht nicht nur das innerparteiliche Selbstbewusstsein, sondern auch der Spaltpilz. Der treibt auch immer mehr Funktionäre um. „Wir müssen eine Spaltung nach dem Parteitag verhindern“, sagt einer aus dem CDU-Bundesvorstand, als er um eine Zwischenbilanz der Regionalkonferenzen gebeten wird.

„Wir müssen gut aufpassen“, warnt der Waiblinger Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer, „dass die Begeisterung in der Partei nicht in Enttäuschung umschlägt, wenn der eigene Favorit oder die eigene Favoritin unterliegt.“ Die Sorge speist sich nämlich weniger daraus, dass sich Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn unversöhnlich ineinander verhakt hätten.

Der Druck auf Kramp-Karrenbauer steigt

Im Gegenteil, es geht auch auf der baden-württembergischen Etappe der Kandidatenvorstellung harmonisch zu. Verbale Angriffe bleiben aus. Sicher, ihre jüngsten Interviews sind mit Sticheleien garniert gewesen. Der Sauerländer Merz hat gesagt, die CDU habe den Aufstieg der AfD nur mit „Achelzucken“ zur Kenntnis genommen. Die Saarländerin Kramp-Karrenbauer hat das als „Schlag ins Gesicht“ der Gesamtpartei gewertet – Merz sprach anschließend von „künstlichen Aufgeregtheiten“. Gerade zwischen den beiden Topfavoriten aber, so wird es kolportiert, ist bisher nichts entstanden, das nicht mehr zu kitten wäre. Merz unterstreicht das in Böblingen: „Nicht jede abweichende Meinung ist eine Kritik an der Person.“

Die Gefahr liegt in der Begeisterung selbst. Aus manchen Kreisverbänden, auch im Südwesten, wird von internen Abstimmungen berichtet, aus denen der 63-jährige Politikrückkehrer als großer Gewinner hervorgegangen ist. Enttäuschte Wirtschaftsliberale und Konservative setzen große Hoffnungen in Merz. Sie könnten sich frustriert abwenden – so ähnlich ist das von verschiedenen Unionisten zu hören -, wenn der Hoffnungsträger es am Ende nicht werden sollte.

Dieser Eindruck entsteht in Böblingen nicht. Der Applaus fällt bei Friedrich Merz besonders inbrünstig aus. Wenn er zum Beispiel in seinem Eingangsstatement Deutschlands Möglichkeiten bei der Aufnahmen von Flüchtlingen als „begrenzt“ bezeichnet, die Rückkehr der großen Volkspartei CDU ankündigt oder fordert, dass die Christdemokraten „nicht alle Positionen der Sozialdemokraten übernehmen“ sollen. Der Wirtschaftsexperte, der zuletzt im Aufsichtsrat des Finanzinvestors Blackrock war, schlägt unter Beifall auch vor, das alte Versprechen einzulösen, Arbeitnehmer am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Firmen zu beteiligen. Bezeichnend ist aber, wie Merz die Zuhörer selbst mit Allgemeinplätzen zum Applaus animiert. Beispiel gefällig? „Ohne Kinder, die auf die Welt kommen, ist unser Rentensystem nicht mehr tragfähig.“

Annegret Kramp-Karrenbauer kommt an diese Lautstärke nicht heran. Der Druck auf die 56-Jährige, die in Umfragen unter den CDU-Anhängern vorn liegt, ist gestiegen. Aber auch ihr gelingt es immer wieder, den Saal zu bewegen. Als sie zum Beispiel beklagt, dass sich chinesische Forscher, die erstmals das menschliche Erbgut verändert haben, „an die Stelle von Gott gesetzt“ hätten. Oder Winfried Kretschmann als grünem Ministerpräsidenten vorwirft, in seiner Partei keine Mehrheit für weitere sichere Flüchtlingsherkunftsstaaten bekommt. Oder, als es um die Gruppenvergewaltigung in Freiburg geht, eine lebenslange Einreisesperre fordert für Flüchtlinge, die schwerste Straftaten begehen.

Es wird wohl auf ein Duell zwischen AKK und Merz hinauslaufen

Der 38-jährige Jens Spahn bekommt immer wieder respektvollen, höflichen Beifall, er fällt aber seltener wirklich lautstark aus. Den größten Applaus erntet der Gesundheitsminister dafür, als er beklagt, in seinem Alter in der CDU mit ihrem fortgeschrittenen Durchschnittsalter noch als „blutjung“ durchzugehen. Er markiert einen Unterschied zu Merz, der für eine europäische Arbeitsmarktpolitik und einen starken deutschen Beitrag dafür plädiert: „Ich will nicht in Arbeitslosigkeit investieren, sondern in technologische Innovation in Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit.“ Und Spahn erinnert daran, dass er schon 2015 in der Flüchtlingspolitik eine „Art Staatsversagen gesehen“ habe – aber auch in der allgegenwärtigen Migrationsfrage lässt sich an diesem Abend nicht auf breiter Front der Eindruck gewinnen, dass Spahn aufholen und einen Dreikampf herstellen kann.

So scheint alles auf ein Duell zwischen „AKK“ und Merz hinauszulaufen. „In zehn Tagen sind die Würfel um diese Uhrzeit gefallen“, sagt Merz. Das ist nicht mehr lange hin, weshalb auch Strobl darauf hinweist, dass es nach dem 7. Dezember auch einen 8. Dezember gibt und die Partei dann „gemeinsam die Ärmel hockkrempeln“ müsse. Und auch die Stuttgarter Bundestagsabgeordnete, Karin Maag, kennt bei aller innerparteilichen Debattenfreude die Stimmung an der Basis, die nach dem Parteitag noch zum Problem werden könnte: „Ich gehe davon aus, dass alle Kandidaten sehr deutlich in ihre Unterstützerkreise hineinwirken, dort um Akzeptanz für die jeweils andere Position werben und sich von unqualifizierten Äußerungen aus dem jeweils eigenen Lager distanzieren.“ Erst dann wird sich zeigen, wie viel Union wirklich in der Union ist.

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